Thilo Sarrazin: „Europa könnte auch ganz gut ohne den Euro leben“

FAZ: Thilo Sarrazin:  „Europa könnte auch ganz gut ohne den Euro leben“ (20.05.) 

In dieser Woche erscheint das neue Buch des ehemaligen Bundesbankvorstandes Thilo Sarrazin. Darin legt er sich mit großen Teilen der politischen Szene an. Auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erhebt er schwere Vorwürfe gegen deutsche Politiker.

Der ehemalige Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin hat in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schwere Vorwürfe gegen deutsche Politiker erhoben. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nenne eine Inflationsrate von 3 Prozent für hinnehmbar und verkaufe zugleich Bundesanleihen mit einem Zins von weniger als 1,5 Prozent. „Das heißt, Schäuble setzt bereits darauf, dass die Staatsschuld entwertet wird“, sagte Sarrazin, der in dieser Woche sein neues Buch mit dem Titel „Europa braucht den Euro nicht“ vorstellt.

Sarrazin: „Ein Akt der politischen Irreführung“

Auf die Frage, ob es den Euro in fünf Jahren noch geben werde, sagte Sarrazin der F.A.Z.: „Das weiß ich nicht. Ich sehe eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent, dass irgendwann die Nahtstelle zwischen Frankreich und Deutschland reißt.“ Der Euro werde nur dann dauerhaft funktionieren, wenn sich die anderen Länder in ökonomischen Fragen grundsätzlich wie Deutschland verhielten. Wenn zu erkennen sei, dass die anderen das nicht wollten, müsse man die Konsequenzen ziehen.

Nach Sarrazins Darstellung war die Einführung des Euro ein Fehler wider besseren Wissens. Treibendes Motiv sei der Wunsch des Bundeskanzlers Helmut Kohl gewesen, der versprach, die politische Union werde folgen. „Das war ein Akt der politischen Irreführung.“ Die ökonomische Vernunft spreche dafür, dass die Euroländer zu einem System gebundener, aber abänderbarer Wechselkurse zurückkehrten. Allerdings sei es auch denkbar, dass man über Jahrzehnte gegen die ökonomischen Gesetze anregiere, wie es der Sozialismus getan habe.

Eine Transferunion nach dem Vorbild der deutschen Einheit lehnt Sarrazin ab. Die Griechen hätten schon vor der Schuldenkrise Hilfen der EU erhalten, die mehr als 150 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung entsprechen. „Sie hätten noch viel mehr bekommen können, weil das Land so klein ist und sie jeder mag. Wenn sie nur davon ihre Strände gefegt, schöne Imbissbuden gebaut und das Geld nicht veruntreut hätten“, schimpfte Sarrazin. „Dann hätten wir ihnen doch alles gegeben. Aber den krassen Missbrauch von Mitteln weiter zu unterstützen ist auch nicht gut für Griechenland.“ …

Siehe auch: http://charismatismus.wordpress.com/2012/05/20/thilo-sarrazin-pleitestaaten-sollen-eurozone-verlassen/

Ergänzung 22.5.2012:

Auszüge aus Sarrazin-Buch: http://www.tt.com/Nachrichten/4813283-2/europa-braucht-den-euro-nicht.csp

… Das Ziel der Preisstabilität tritt sachte zurück gegenüber dem Ziel, die gemeinsame Währung um nahezu jeden Preis zu erhalten.

… Wolfgang Schäuble ist als ein fast schon fanatischer Anhänger eines vereinten Europas bekannt. Man tritt ihm wohl nicht zu nahe, wenn man vermutet, dass ihm und vielen anderen die gemeinsame Währung schon 1992, bei der Zustimmung zum Maastricht-Vertrag, vorwiegend als Mittel zu einem höheren Zweck diente. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 1992 hatten die politischen Entscheidungsträger ökonomische Risiken um eines politischen Zieles willen in Kauf genommen, und heute stellen die Nachfolger der damaligen Entscheidungsträger die dadurch entstandene Zwangslage als alternativlos dar.

… Scheitert Europa, wenn der Euro scheitert?

Von daher ist die Versuchung groß, jede grundsätzliche Diskussion um die Sinnhaftigkeit der gemeinsamen Währung auch weiterhin zu unterbinden. Für Deutschland ist dies Angela Merkel mit der Formel „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ meisterhaft gelungen, denn niemand in Deutschland, außer ein paar Deutschnationale und Rechtspopulisten, möchte für das Scheitern Europas verantwortlich sein. Das macht allerdings die in dem Satz implizierte Kausalität nicht richtiger:

Weder der Gemeinsame Markt noch eine gemeinsame Außen- und Militärpolitik noch die demokratische Weiterentwicklung der europäischen Institutionen noch eine allmähliche Verstärkung bundesstaatlicher Elemente in der Europäischen Union setzen zwingend eine gemeinsame Währung voraus oder werden durch diese in irgendeiner Form erleichtert. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Mit der Vorleistung der gemeinsamen Währung ging die deutsche politische Klasse eine Wette darauf ein, dass die politische Union kurz danach quasi mit Naturgesetzlichkeit folgen werde, weil sonst die Währungsunion nicht stabil sei. Die Wette ist gescheitert. Die Euro-Skeptiker behielten in der Summe leider Recht, die politische Union aber ist immer noch nicht in Sicht.

… Wenn geplant war, den Euro als „Band der europäischen Völker“ zu benutzen, das den europäischen Zusammenhalt fördert, so ist das Gegenteil eingetreten. Die Analyse in Kapitel 3 hat gezeigt: Viele Euroländer hätten heute weniger Unterbeschäftigung, eine wettbewerbsfähigere Wirtschaft und bessere Zukunftsaussichten, wenn sie nie Teil der Europäischen Währungsunion gewesen wären. Auch als Projekt zur Steigerung der europäischen Völkerfreundschaft hat der Euro bislang die Erwartungen nicht erfüllt. Psychologisch gesehen hat er eher Misstrauen und Entfremdung mit sich gebracht: Viele Griechen fühlen sich von den Deutschen kujoniert, in Frankreich mehren sich die Stimmen, die sich vor einer deutschen Dominanz ängstigen. …

http://www.20min.ch/ausland/news/story/Thilo-Sarrazin-provoziert-mit-schraegen-Thesen-24667601:

… Schleswig-Holsteins SPD-Landeschef Ralf Stegner forderte Sarrazin zum Parteiaustritt auf. «Sein einzig wertvolles Buch ist das Parteibuch. Er täte sich und der SPD einen grossen Gefallen, wenn er dieses zurückgibt», sagte Stegner zu «Handelsblatt Online».

Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck sagte: «Wäre ich Sozialdemokrat, würde ich diesen Hetzer nicht in meiner Partei dulden.» Empört reagierte er darauf, dass Sarrazin in seinem neuen Buch den Holocaust und die europäische Währung in einen Zusammenhang stellt: «Offenbar kann Sarrazin den Juden den Holocaust nicht verzeihen», sagte Beck dem Online-Portal.

… Sarrazin bekräftigte bei Günther Jauch seine Thesen. «Der grosse Erfolg der europäischen Integration fand bis zum Beginn der gemeinsamen Währung statt», argumentierte er. «Die reinen Daten und Fakten sagen, dass Deutschland durch den Euro keine messbaren Vorteile hatte». Für die Südländer habe die Gemeinschaftswährung «wachsende Risiken» gebracht. Deutschland könne zudem «nicht die Schulden anderer Länder übernehmen wegen der Schuld der Vergangenheit». …

Ergänzung 23.5.2012: Wolfgang Röhl kommentiert in FreieWelt.net die Günter-Jauch-Sendung mit Sarrazin und Steinbrück:

… Und das nach einer Kampagne in den üblichen Medien, die das gewohnte Maß an Sarrazin-Bashing deutlich getoppt hatte. „Brandstifter“ war noch das Netteste, was über den bösen Ex-Banker vorab getextet wurde. Eine Mely Kiyak nahm auf “fr-online” und in der “Berliner Zeitung” die Hürde zur Brachialhetze mit Bravour: “…die Verplemperung unserer Fernsehgebühren für diese lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur, die Sonntagabend in Ruhe das tun darf, was er am besten kann; das Niedrigste im Menschen anzusprechen.”

… Aber dass ein SPD-Grande überhaupt mit einem Sarrazin diskutiert, diesem Gottseibeiuns – kein so genannter Wichtiger aus der Union und kein angeblicher Liberaler hätten das wohl gewagt, nach diesem Mediengekläff. Außerdem war die Jauch-Sendung atmosphärisch ein Lichtblick. Ein lucidum intervallum in einem Meer von allabendlichem Brülltalk, eine einsame Insel, auf der sich zwei Leute mal auf weitgehend zivilisierte Weise auseinandersetzen durften. Selbst die Tatsache, dass das Studiopublikum derart handverlesen worden war, dass offenkundig nicht ein einziger Sarrazin-Anhänger Einlass bekommen hatte, schmälert das Verdienst nicht. …

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Eine Antwort zu Thilo Sarrazin: „Europa könnte auch ganz gut ohne den Euro leben“

  1. Gutartiges Geschwulst schreibt:

    Dank an Thilo Sarrazin.

    Erlkönig ©
    Frei nach Johann Wolfgang von Goethe

    Erzähler:
    Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
    Es sind Mutti Staat und ihr skeptisches Kind.
    Das Kind möchte kotzen, längst ist ihm zu warm;
    doch es gibt kein Entkommen aus Muttis Arm.

    Mutter Merkel:
    “Mein Kind, warum machst du solch´ kluges Gesicht?”
    Kind (Deutschland):
    “Siehst, Mutti du, denn den Erlkönig nicht?
    Er weist auf akute Probleme hin,
    und bekundet sein Name sei Sarrazin.”

    Erlkönig Sarrazin:
    “Komm´, liebes Kind, komm´, vertraue mir!
    Gar übles Spiel treibt die Mutter mit dir.
    Ihre Märchen, vom Nutzen der Multikultur,
    sind häufig akustische Darmgase nur.”

    Kind (Deutschland):
    “Ich versteh´ ihn nicht, Mutti, doch ich ahne es schon.
    Stimmt irgendwas nicht, mit der Integration?”
    Mutter Merkel:
    “Bleibe ruhig, mein Kind, bald sind wir zu Haus´.
    Diesem Schelm blas´ ich morgen die Lampe aus!”

    Erlkönig Sarrazin:
    “Begleite mich, Kind, bis zum Land des Verstehens.
    Mein Buch informieret dich unversehens.
    Migranten sind wertvoll, doch Probleme kommen vor,
    speziell von einer Gruppe mit geringem Humor.”

    Mutter Merkel:
    “Sein Pamphlet ist nicht hilfreich, nicht jetzt, oder später,
    drum zerreißet ihn flugs, meine Presseköter!
    Zum Kind:
    Und du, kleiner Liebling, hast auch bald verschissen.”
    Kind (Deutschland):
    “Ach, wie werd´ ich den freien Gedanken vermissen!”

    Erlkönig Sarrazin:
    “Mein, liebreiches Kind, niemals solltest du bangen.
    Eh´ dass du verderbest, zisch´ mit den Schlangen.
    Gehorche der Mutter, dieser Schreckensgestalt,
    denn bist du nicht willig, so stellt sie dich kalt.”

    Kind (Deutschland):
    “Oh Mutti, oh Mutti, nun ist´s doch passiert,
    obgleich die Journaille so stramm hat pariert.
    Dein Politbüro putzte mein Hirn, so penibel,
    doch des Erlkönigs Botschaft erscheint mir plausibel.”

    Erzähler:
    Der Mutter grauset, vor des Volkes … äh, des Kindes Vernunft,
    und sie flieht in den Darm der politischen Zunft.
    Sie verfehlt die Erkenntnis, frei von innerer Not.
    Ihre Macht stinkt auch künftig, die Demokratie ist tot.

    G.G.

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