Alice Miller: Über die Auflösung emotionaler Blindheit

Alice Miller, die 2010 verstorbene Kindheitsforscherin und Protagonistin gewaltfreier Erziehung, nahm in einem ihrer Bücher zur Säuglingsbeschneidung Stellung:

Die Wissenschaft hat keinen großen Einfluß darauf, wie Kinder erzogen werden. Die Veränderung wird nicht von den Universitäten ausgehen. Sie wird eher von einzelnen, mutigen Menschen ermöglicht, von Anwälten, Richtern, Politikern, Krankenschwestern, Hebammen, aufgeklärten jungen Eltern und Lehrern, die sich für die gesetzliche Verankerung der gewaltfreien Erziehung einsetzen. So haben sich auf die Initiative von Marilyn Fayre Milos, der Mitbegründerin und Direktorin der National Organization of Circumcision Information Resource Centers (NOCIRC), zuerst nur einige Krankenschwestern dafür eingesetzt, daß die Beschneidung in den amerikanischen Geburtskliniken nicht mehr fraglos praktiziert wird. Sie weigerten sich, bei diesem grausamen Eingriff zu assistieren, und gewannen schnell die Unterstützung der Öffentlichkeit, die plötzlich begriff, daß sie bisher unkritisch den Vorschriften von Autoritäten gefolgt war. Früher wurden diese Operationen von den Kassen bezahlt und routinemäßig vorgenommen. Heute muß die Zustimmung der Eltern eingeholt werden.

Weshalb haben sich nicht schon früher männliche Ärzte geweigert, einem Neugeborenen unnötiges Leiden zuzufügen? Weshalb haben sie so lange nicht erkennen können, daß sie ein wehrloses Kind mißhandelten? Ich denke, weil sie selbst als Säuglinge Opfer einer solchen Mißhandlung waren und die Botschaft, sie sei schmerz- und harmlos, integriert haben. Dank der Aktion der ehemaligen Krankenschwester Marilyn Fayre Milos ist jetzt vielen Menschen bewußt, daß ein kleines Kind unter solchen Interventionen körperlich und seelisch leidet. Noch vor wenigen Jahren »wußte« man das nicht, bekanntlich operierte man die Kinder ohne Narkose. Hierbei handelt es sich nicht nur um einen Mangel an Mitgefühl, sondern ebenfalls um Denkblockaden. Die Annahme, daß ein Erwachsener unbedingt eine Narkose braucht, das hochsensible Neugeborene dagegen nicht, ist anders nicht zu erklären. Mit solch brutalen Eingriffen werden Denklähmungen geradezu vorprogrammiert. Deshalb waren es nicht die männlichen Ärzte, die dem destruktiven Brauch der Beschneidung ein Ende gesetzt haben, sondern Frauen, Krankenschwestern, die nicht Opfer dieses Brauches waren.

Das jetzt in Deutschland gesetzlich verankerte Züchtigungsverbot ist ebenfalls ein entscheidender Schritt zur Vermenschlichung unserer Beziehungen und zur Aufhebung von Denkblockaden. …

(Alice Miller: Evas Erwachen: Über die Auflösung emotionaler Blindheit, 2001, S. 123 ff.)

“Die kollektive Form des absurden Verhaltens ist wohl die gefährlichste, weil die Absurdität niemandem mehr auffällt und weil sie als »Normalität« sanktioniert wird.” (Alice Miller, Am Anfang war Erziehung, S. 166, in anderem Zusammenhang)

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2 Antworten zu Alice Miller: Über die Auflösung emotionaler Blindheit

  1. “Die kollektive Form des absurden Verhaltens ist wohl die gefährlichste, weil die Absurdität niemandem mehr auffällt und weil sie als »Normalität« sanktioniert wird.” :

    Vielen Dank für dieses Zitat!
    Ich nehme es zum Anlaß, Alice Miller einzufügen in die Literaturliste von meinem “Arbeitsblatt Kollektive Zivilisations-Neurose”, in dem ich seit 20 Jahren Fakten zur “Krankheit der Gesellschaft”, dem “Wahnsinn der Normalität” usw. zusammentrage.

    Die “Denkblockaden” stammen m.E. aus “Fühlblockaden” und diese stehen wiederum im Zusammenhang mit Traumatisierung(en) – im weiteren und weitesten Sinne – im frühesten Stadium eines Menschenlebens der modernen Gesellschaft – zurückreichend bis zur Zeugung! Denn schon Ei- und Samenzelle, aus der ein Mensch entsteht, stehen unter dem negativen Einfluß des kollektiven negativen Bewußtseins (hauptsächlich des Anteils Unterbewußtsein) UND – was das wissenschaftliche Weltbild überhaupt nicht weiß und die allermeisten Psychologen und ähnliche “Fachleute” auch nicht – unter dem Einfluß des gravierenden Mangels an FEINstofflicher Lebens-Energie / geistiger Liebe in der ganzen zivilisierten Gesellschaft.
    Zum Vergleich: Versuchen Sie mal, die elektrische Anlage Ihres Automobils, die auf 12 Volt ausgerichtet ist, mit einer 6-Volt-Batterie zu betreiben…

    Der wesentliche Mangel der zivilisierten Gesellschaft ist die ENTFREMDUNG von der LEBENS-ENERGIE, der spirituellen, FEINstofflichen Energie, die wir nicht primär aus Ernährung oder irgendwelchen GROBstofflichen Quellen gewinnen, sondern hauptsächlich aus der unerschöpflichen Quelle in unserer höheren Bewußtseins-Dimension, im “Höheren / wahren Selbst”, zu dem in gesunden Kulturen die Menschen in der Pubertät aufsteigen und sich mit der Quelle vereinigen, sich mit dieser Kraft IDENTIFIZIEREN und allein DADURCH regelhaft über diese Kraft verfügen, was die Grundlage bildet für regelhaft stabile ganzheitliche Gesundheit – einschließlich wahrer seelischer Gesundheit, die sich zeigt im bedingungslosen Liebenkönnen und bedingungslosem Glücklichsein.
    DAS ist das Potenzial, über welches JEDER Mensch verfügt. Er braucht es nur zu erkennen, anzuerkennen und sich entscheiden, es zu VERWIRKLICHEN.

  2. Pingback: Alice Miller: Das verbannte Wissen | Kreidfeuer

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