Die Habermas-Methode: Abschied von Logik und Rechenschaftslegung

Im Zuge von Recherchen um eine „Holocaustrelativierung“ stieß ich in der FAZ (17.7.11) auf eine beißend scharfe Polemik von Egon Flaig gegen Jürgen Habermas, der vor 25 Jahren den Historikerstreit ausgelöst hatte. Flaig vertritt die Leitidee von Wahrheit und Logik in der Wissenschaft.

… Am 11. Juli 1986 bezichtigte der Sozialphilosoph Jürgen Habermas mit einem langen Artikel in der „Zeit“ die Historiker Ernst Nolte, Andreas Hillgruber, Michael Stürmer und Klaus Hildebrand, sie arbeiteten an einer Revision der Geschichte des Nationalsozialismus, leugneten die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung und fabrizierten eine „deutsch-national eingefärbte Natophilosophie“. Habermas spannte vier Historiker zu einer Front zusammen, die sehr verschiedene Ansichten vertraten. Und er fälschte Zitate.

… Habermas bediente sich journalistischer Tricks, und zwar solcher, die sonst dem Lumpenjournalismus vorbehalten waren. Es bleibt als Armutszeugnis bestehen, dass die Fachdisziplin sich nicht geschlossen dagegen wehrte. Die politischen Gräben waren plötzlich tiefer als Fundamente der Verpflichtung auf gemeinsame wissenschaftliche Standards. … 

Wie ernst darf man das Gerede von Diskursethik noch nehmen, wenn der Großprediger dieser Ethik auf die ethische Regel pfeift, die seit der griechischen Klassik in jeder Debatte zu gelten hat: die Rechenschaftslegung (logon didonai) – unter dem strengen Auge der Schiedsrichter im intellektuellen Agon [(Wettstreit)]? Seien wir offen: Das hat natürlich auch mit Bildung zu tun. Wahrscheinlich verlangt das logon didonai zu viel von Habermas, der, wie so viele seiner Schüler, unter Vergangenheit die letzten acht Jahrzehnte versteht. Bildung hat Habermas stets anderen überlassen; dementsprechend sehen seine Werke aus.

Für Habermas war Noltes „Versuch der Entexzeptionalisierung von Auschwitz“ der Hebel zu einer Renormalisierung des Geschichtsbewusstseins. Allerdings hatte keiner der diffamierten Historiker bestritten, dass das Gedenken an die Untaten des NS-Regimes erhalten bleiben muss, auch Nolte nicht. Worum es ihnen ging, war eine vernünftige Ausgewogenheit. 

… Die Mahnung der diffamierten Historiker war eine sehr schlichte, nämlich dass die Vergangenheit der Deutschen nicht zwölf Jahre beträgt, sondern ein gutes Jahrtausend, und – so klang es bei Stürmer und Nolte gelegentlich an – dass die Vergangenheit der Deutschen als Teil der europäischen Kultur mindestens bis zur griechischen Klassik zurückreicht. Denn von dort stammt der Großteil genau jener politischen Errungenschaften, aus denen sich die „westliche Kultur“ so lange gespeist hat. Wenn diese Errungenschaften für uns von Bedeutung sind, dann ist es grober Unfug, dass die Erinnerung an die Untaten des NS-Regimes den Kern unserer Memorialkultur darstellen soll. Denn das kulturelle Gedächtnis jedweder politischen Gemeinschaft muss notwendigerweise nicht nur die mala, sondern auch die bona exempla einschließen.

… Dauerhaft bestehen – auch im europäischen Rahmen – kann das deutsche Volk freilich nur als normales Volk, nicht als stigmatisiertes. Denn die Folgen solcher Stigmatisierung ähneln sich stets, egal welche Anlässe sie selber haben mag. Diese Normalität ist das Grundrecht jeder Generation auf Erden. Denn moralisch beginnt bei jedem Menschen die Welt aufs Neue, auch wenn wir geschichtlich immer befangen bleiben. Normalität dürfte – nach Habermas und seinesgleichen – nicht sein: nicht für die Deutschen. Nun ist eine verweigerte Normalität eine Zwangsversetzung in die Abnormalität. Die Deutschen sollten also ein abnormales Volk sein.

… Als schon 1987 die umfangreiche Dokumentation zum „Historikerstreit“ erschien, trug sie den Untertitel „Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung“. Die Ungeheuerlichkeit des Untertitels war augenblicklich spürbar. Denn kein einziger der von Habermas diffamierten Historiker hatte diese Einzigartigkeit bestritten. Aber Nolte setzte als selbstverständlich voraus, dass das Einzigartige vergleichbar war, ja, dass der historische Vergleich notwendig war. Jeder intelligente Mensch und jeder Historiker, der die theoretischen Grundlagen seines Handwerks kennt, weiß das.

… Indes, dieses [Denk-]Verbot hat sich angekündigt. Die Grenzlinie zur Sakralisierung der Schoa hat Dan Diner 1987 formuliert. Wo die logische Argumentation unerwünscht ist, muss man das Denken verbieten – nötigenfalls, indem man den Denkenden droht, sie moralisch zu diskreditieren. …

… Mythen erzeugt man, indem man das historisch Besondere isoliert, es aus dem Kontext herauslöst und den Kontext mit wuchtigen Schlägen zertrümmert und pulverisiert. Das radikal dekontextualisierte Besondere lässt sich dann bequem auf ein Podest stellen. Und dann braucht man bloß noch den Weihrauch schwenken. Der Tanz ums goldene Kalb „Unerklärbarkeit“ kann beginnen. Dieser Götze wird unweigerlich seine Opfer fordern, und zwar blutige. Wo liegt das Problem? Diner benennt es genau, nämlich die Kränkung. Daher ist der Vorwurf, man „banalisiere“, ein Indiz dafür, dass man auf der richtigen Ebene gräbt und die richtige Schicht angestochen hat.

Denn Erkennen ist nur möglich, wenn man so sehr als möglich kontextualisiert, relationalisiert, relativiert und revidiert. Aller Zwang zum Entbanalisieren mündet ins Sakralisieren. An diesem Zwang entscheidet sich, ob es um wissenschaftliche Wahrheit geht oder ob man quasireligiöse Sinnstiftung betreibt. …

… Das musste kommen. Die Sprache des moralischen Terrors ist einfach und klar. Hier endet das griechische logon didonai. Wir sind Zeugen geworden eines Kulturbruchs, nämlich einer weitgehenden Negierung der Errungenschaften des Griechentums. Da die Verbindlichkeiten nicht mehr über den Streit entlang von Wahrheitsregeln herstellbar sind, müssen neue, ganz anders geartete Verbindlichkeiten moralisch erzwungen werden. Daher die pestartige Virulenz der Political Correctness und des Gutmenschentums mit seiner spezifischen Intelligenz. Die moralischen Diffamierungen müssen folglich immer mehr zunehmen. Bequemer als das logon didonai ist die habermassche Diskursethik: Audacter calumniare, semper aliquid haeret. [(Verleumde nur dreist, etwas bleibt immer hängen!)]

Im ef-magazin erblickt Frank Haubold Zeichen und Wunder dank  Egon Flaig und der FAZ:

„Elemente des Lumpenjournalismus“: Jürgen Habermas und der moralische Terror…

… Professor Jürgen Habermas gebührt das zweifelhafte Verdienst, die moralische Diskreditierung des Kontrahenten als Argumentersatz in die geschichtswissenschaftliche Debatte eingeführt und hoffähig gemacht zu haben. Daran wird man sich bei der Erwähnung seines Namens erinnern. An mehr kaum.

Zum Thema „Holocaustrelativierung“:

Rüge Erzbischof Kothgassers an Bischof Laun wegen dessen „Holocaustrelativierung“

Stellungnahme von Erzbischof Dr. Alois Kothgasser zur Segnung des Mahnmals im Gedenken an die Bücherverbrennung 1938 in Salzburg

Bücherverbrennungen, seien es die der Bibel oder des Koran, die in jüngster Zeit als Zeichen des Protests geschehen sind, müssen entschieden verurteilt werden. Sie sind aber nicht vergleichbar mit jenem ideologischen Kampf, der im Holocaust seinen menschenverachtenden Tiefpunkt erreicht. Der Respekt vor den Opfern dieser dramatischen Ereignisse schließt jede Vergleichbarkeit aus“.

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