Heinrich Wohlmeyer: Weltfinanzsystem, Goldstandard, Petrodollarsystem, fiat money

In der Ausgabe 1/2011 des RSK interviewt P. Benno OFM den bekannten Nachhaltigkeitsexperten Heinrich Wohlmeyer, Honorarprofessor für Ressourcenökonomie und Umweltmanagement an der Universität für Bodenkultur in Wien, über die Problematik des Weltfinanzsystems, Goldstandard, Petrodollarsystem und fiat money:

P. Benno:
Herr Professor, 1973 wurde die Golddeckung des US-Dollars aufgehoben. Geschah das weltweit für alle Länder oder nur für bestimmte Länder?

Wir sollten uns zuerst fragen, wie es zum Goldstandard kam. Die ursprünglichen Währungseinheiten bezogen sich auf den Wert von Standardgütern, die gehandelt wurden. So geht das römische pecunia auf die Handelsware „Vieh“ zurück. Seltene Metalle kamen als Wert- und Tauschmaßstab in Verwendung, weil diese haltbar, teilbar, zusammenfügbar, nicht beliebig vermehrbar und relativ leicht transportierbar sind.
Es gab lange Zeit eine „Bimetalldeckung“ der Währungen aus Silber oder Gold. Die kontinentaleuropäischen Währungen basierten vornehmlich auf Silber. Der Staat und das mit ihm liierte Bankensystem der aufstrebenden Industrie- und Handelsmacht England setzte jedoch auf Gold als Hinterlegung. Dies vor allem aus zwei Gründen:
a) Man kontrollierte die größten Goldminen und eignete sich diese zunehmend an (siehe die Plünderung Indiens und die Burenkriege um die Bodenschätze in Südafrika) und
b) über die Bindung an das Gold konnte man die Weltfinanzen in Anhängigkeit und unter Kontrolle bringen.
London wurde zum Weltfinanzplatz. Außer bei den Edelmetallmünzen (Kurantmünzen), deren Wert im Edelmetallgehalt bestand, gab es eigentlich nie eine volle Golddeckung. In England wurde bereits 1844 die partielle Golddeckung gesetzlich festgelegt. 14 Millionen Pfund Sterling durften ohne Golddeckung in Umlauf gebracht werden. Jede darüber hinaus gehende Ausweitung der Geldmenge musste mit Gold hinterlegt werden. Es bestand somit die sogenannte „Goldbremse“.
Die USA, die ebenfalls über hohe eigene Edelmetallvorkommen verfügten, hatten ursprünglich einen Bimetallstandard. Die New Yorker Großbanken setzten jedoch nach dem Bürgerkrieg den Goldstandard zu Lasten der Silberproduzenten durch. Seit 1870 dominierte der Goldstandard weltweit. Dies war auch deshalb möglich, weil die Goldproduktion mit dem Wachstum der Weltwirtschaft Schritt hielt.
Nach dem Ersten Weltkrieg waren die USA bereits „Goldmacht“, weil sie sich die Kriegslieferungen an und die Kriegsdienste für die europäischen Alliierten in Gold bezahlen ließen und die deutschen Reparationen noch hinzukamen. Der Zweite Weltkrieg verstärkte die Position der USA, und sie konnten daher 1944 in Bretton Woods den Dollar als goldgedeckte Welt-Leitwährung etablieren. Die Einwechslung in Gold war aber nicht den Bürgern, sondern nur den Nationalbanken möglich. Die Währungen waren zu fixen Wechselkursen an den goldgedeckten Dollar gebunden. Es handelte sich somit um einen weltweiten indirekten Goldstandard.
Die Defizite in der Leistungsbilanz (Außenhandelsdefizite) und die über Geldmengenausweitung geführten Kriege (beginnend mit dem Vietnamkrieg) zwangen jedoch die USA, 1971 die Konvertibilität (Umwechselbarkeit) in Gold aufzuheben und 1973 den indirekten Goldstandard formell zu beenden. Damit fand der Goldstandard weltweit ein Ende, weil die wichtigsten anderen Währungen über den Dollar zu fixen Wechselkursen an das Gold gebunden gewesen waren. Gold fungiert jedoch noch immer als vertrauenssichernder Bestand. Die Rückkehr zum Goldstandard wäre jedoch schon aus Mengengründen nicht möglich bzw. nur zu exorbitanten Preisen.

Was war der Grund, dass man die Golddeckung der Leitwährung aufhob?

Wie schon vorstehend erwähnt, war die Geldmengenausweitung in den USA der Grund. Präsident Nixon stand vor der Zahlungsunfähigkeit in Gold. Er erfand jedoch 1971 eine Strategie, um die überbordenden Dollarmengen zu binden und den Wert des Dollars zu bewahren – das Petrodollarsystem. Ein noch immer existierendes Verteidigungsabkommen mit dem weltgrößten Erdölproduzenten, Saudi-Arabien, gepaart mit der Zusage, Öl nur gegen Dollar zu verkaufen und dies auch in der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) durchzusetzen, garantierte die Nachfrage nach Dollars. Der übrige Welthandel folgte. Derzeit sind rund 80 Prozent des Dollarvolumens im Ausland im Umlauf. Die Dollarüberschusse der erdölexportierenden Länder wurden über das sogenannte „Petrodollar-recycling“1 vor allem über die Londoner Finanzwelt gebunden. Man drängte insbesondere den Entwicklungsländern geradezu Kredite auf. Ergänzend kommt noch die Vergabe von US-Staatsanleihen (Government Bonds) zu attraktiven Zinsen hinzu.
Mit diesem Bündel von Maßnahmen konnte die Geldmengenausweitung von derzeit mehr als fünf Milliarden Dollar pro Tag ohne Vertrauensverlust in den Dollar kanalisiert werden.

Hat dieser Schritt nicht auch weit reichende wirtschaftliche Folgen, ja ist er damit nicht auch verantwortlich für die wirtschaftlichen Gefahren, die wir alle befürchten?

Die praktisch ungebremste Geldmengenvermehrung birgt die Gefahr des weltweiten Zusammenbruchs der gegenwärtigen Finanzordnung in sich. Die immer weiter aufgeblasene Finanzblase hält nur so lange, als niemand hineinsticht. Letzteres könnte zum Beispiel durch China erfolgen, das derzeit mit Dollars weltweit Realwerte (Erdöl- und Metallvorkommen, Industrien und Ländereien) einkauft, um die Folgen einer Dollarentwertung zu mindern. Die Chinesischen Dollar-Guthaben betragen derzeit bereits über eine Billion.
Aus Angst vor einer Hyperinflation findet derzeit weltweit eine Flucht ins Gold und in andere Realwerte statt. Dies führt zu die Wirtschaftsentwicklung behindernden Preisniveaus.
Der Präsident der Weltbank Robert Zoellik hat in dieser Situation jüngst in der „Financial Times“ gemeint, dass dem gegenwärtigen Währungschaos ein Ende gesetzt werden könnte, wenn man „Gold als einen internationalen Referenzpunkt benützen würde, an dem sich die Markterwartungen bezüglich Inflation, Deflation2 und des zukünftigen Wertes der Währungen messen lassen.“ Dies wäre ein neuer indirekter Goldstandard. Er setzt aber ein Weltwährungsabkommen voraus, das derzeit nicht in Sicht ist, und in dessen Rahmen insbesondere die Sanierung des in den Händen eines nicht gemeinwohlorientierten und änderungsresistenten Money Trust3 befindlichen US-Dollars.

Man sagt, dass manche Staaten Geld drucken; kann man auch sagen, dass der EURO gedruckt wird, einfach ohne entsprechende Deckung?

Dass die Finanzmächtigen der USA unverantwortlich „Geld drucken“ und gleichzeitig die anderen zum „Totsparen“ anhalten, habe ich bereits aufgezeigt. Ein einzelnes Euroland kann kein Geld drucken. Wenn allerdings die europäische Zentralbank (EZB) marode Staatsanleihen aufkauft und den Banken Geld um einen Leitzinssatz von einem Prozent gibt, so wie diverse „Rettungsschirme“, wie die EFSF (European Financial Stability Facility), aufspannt, dann wird die Geldmenge ohne Deckung ausgeweitet („fiat money“4). Staaten, die wie Italien mit 120 Prozent (!) ihrer Wirtschaftsleistung (BIP) verschuldet sind — mit steigender Tendenz — werden mit fiat money kurzfristig über Wasser gehalten.
Die „Deckung“ muss im Vertrauen auf die Wertbeständigkeit der Währung bestehen, dieses kann nur durch eine ausgewogene Wirtschaftspolitik, zu der auch eine finanzierbare Budgetpolitik gehört, erworben werden. Der ehemalige Ministerpräsident Tschechiens, Vaclav Klaus, hat seinerseits im persönlichen Gespräch gemeint: „Sie dürfen eben nicht mehr ausgeben, als Sie einnehmen, und sie dürfen sich nicht mit Leuten ins Bett legen, die dies nicht tun. Daher müssen wir außerhalb des Euro bleiben.“ Nun gehört dieses Land zu den am wenigsten verschuldeten Staaten (rund 35 Prozent des BIP).

Was könnte die Folge dieser unkontrollierten „Geldproduktion“ sein?

Jeder Geldmenge steht eine Schuld gegenüber. (Wir haben ein System des Kreditgeldes.) Wenn nun die Verschuldung der Staaten und der nichtstaatlichen Bereiche ein Ausmaß erreicht, dass der Schuldendienst die Staatseinnahmen und die privaten Einkommen weitestgehend auffrisst und die großen Kapitaleigner, die fiat-money-Ausgeber, nicht einem drastischen Schuldenverzicht zustimmen — einer „Welteröffnungsbilanz“ (siehe Betendes Gottesvolk 2010/3, Nr. 243, S. 7) –, dann ergeben sich folgende leider wahrscheinliche Szenarien:
Die Inszenierung einer Hyperinflation, durch die die Staaten entschuldet und die Bürger kalt enteignet werden.
Die weltweite Verarmung zu Gunsten weniger Reicher mit dem Risiko revolutionärer Umschwünge (Bürgerkriege) als Gegenbewegung.
Der Versuch der kriegerischen Schuldeneintreibung durch die Schutzmächte des Großkapitales.
Die Geschichte des tragischen 20. Jahrhunderts, die wir hinter uns zu haben glauben, könnte sich wiederholen.
Das Aufbrechen der „sündhaften Strukturen“ (Papst Johannes Paul II.) ist daher eine menschheitsstrategische Aufgabe.

Herr Professor, danke für das Gespräch.

1 Petrodollarrecycling = Binden der in US-Dollar bezahlten Erdöleinkünfte in den internationalen Finanzmärkten (insbesondere in Form von Dollarkrediten an Entwicklungsländer), um eine Dollarinflation zu vermeiden.
2 Deflation = Durch Zurückhaltung und Misstrauen (zum Beispiel zwischen den Banken  — Liquiditätskrise) aber auch Firmenzusammenbrüche wird Geld aus dem Umlauf gezogen bzw. verringert sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Es entsteht eine sich selbst verstärkende Spirale nach unten.
3 Money Trust = Abgesprochene Eigner von Großkapital. Im Fall des US-FED (Federal Reserve System) handelt es sich um ein seit 1913 mit Nationalbankprivilegien ausgestattetes Großbankenkartell. Das FED ist also keine Nationalbank im europäischen Sinne.
4 Fiat money = ohne Deckung geschaffenes Geld

Erweiterung 2.2.2012: Amerika kämpft um sein Petrodollarsystem: Kopp Online:
Das Ende des Petro-Dollar? Indien will iranisches Erdöl mit Gold bezahlen:

Das »Petrodollar«-System war ein brillanter politischer und wirtschaftlicher Schachzug. Damit war der weltweite mit dem Erdöl zusammenhängende Geldverkehr gezwungen, durch die amerikanische Notenbank Federal Reserve zu fließen und so eine immer wachsende Nachfrage nach amerikanischen Dollars und amerikanischen Schulden zu erzeugen. Zugleich mussten die USA für Erdöl selbst praktisch immer weniger bezahlen, da der Erdölpreis in der Währung ausgewiesen wird, die die USA selbst kontrollieren und drucken. …

Ende 2000 überzeugten Frankreich und einige wenige andere EU-Mitgliedsstaaten Saddam Hussein, die Dollar-Bindung aufzugeben und irakisches Erdöl aus dem Programm »Erdöl für Lebensmittel« statt in Dollar in Euro zu verkaufen. …

Im Februar 2011 forderte Dominique Strauss-Kahn, damals noch Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), eine neue Weltwährung, um der Dominanz des US-Dollars etwas entgegenzusetzen. Drei Monate später bezichtigte ihn dann ein Zimmermädchen des New Yorker Hotels Sofitel sexueller Belästigung. Strauss-Kahn musste innerhalb weniger Wochen als IWF-Chef zurücktreten. Später wurden dann offiziell alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe fallengelassen. …

 

 

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