FAZ: Warnung vor verfehlter Krippenpolitik

Die FAZ veröffentlichte am 4.4. einen warnenden Artikel des Neuropädiaters Rainer Böhm zur deutschen Krippenpolitik:

Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen ist unethisch, verstößt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank. Dieses Wissen hindert die Bundesregierung und Wirtschaftsverbände nicht daran, die Erhöhung der Zahl der außerfamiliären Betreuungsplätze zum Ausweis moderner Familienpolitik zu stilisieren. Eine Analyse der Risiken und Nebenwirkungen der deutschen Krippenoffensive.

“… Am beunruhigendsten war indes der Befund, dass Krippenbetreuung sich unabhängig von sämtlichen anderen Messfaktoren negativ auf die sozioemotionale Kompetenz der Kinder auswirkt. Je mehr Zeit kumulativ Kinder in einer Einrichtung verbrachten, desto stärker zeigten sie später dissoziales Verhalten wie Streiten, Kämpfen, Sachbeschädigungen, Prahlen, Lügen, Schikanieren, Gemeinheiten begehen, Grausamkeit, Ungehorsam oder häufiges Schreien. Unter den ganztags betreuten Kindern zeigte ein Viertel im Alter von vier Jahren ein Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zugeordnet werden muss. Später konnten bei den inzwischen 15 Jahre alten Jugendlichen signifikante Auffälligkeiten festgestellt werden, unter anderem Tabak und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Diebstahl und Vandalismus. Noch ein weiteres, ebenfalls unerwartetes Ergebnis kristallisierte sich heraus: Die Verhaltensauffälligkeiten waren weitgehend unabhängig von der Qualität der Betreuung. Kinder, die sehr gute Einrichtungen besuchten, verhielten sich fast ebenso auffällig wie Kinder, die in Einrichtungen minderer Qualität betreut wurden. Grundsätzlich zeigte sich aber, dass das Erziehungsverhalten der Eltern einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Entwicklung ausübt als die Betreuungseinrichtungen.”

Fazit:

“… Chronische Stressbelastung ist im Kindesalter die biologische Signatur der Misshandlung. Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verstößt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank. Ein freiheitlicher Staat, der frühkindliche Betreuung in großem Umfang fördert, ist verpflichtet nachzuweisen, dass Kleinkinder keine chronische Stressbelastung erleiden. Das staatliche Wächteramt gebietet, eine Gefährdung des Kindeswohls gerade in öffentlichen Institutionen auszuschließen. Der Gesetzgeber sollte daher von seinen derzeitigen Planungen Abstand nehmen, ein Recht auf außerfamiliäre Betreuung ab dem ersten Geburtstag einzuführen.”

Gefunden bei http://charismatismus.wordpress.com/2012/04/06/7527/

Ergänzung 14.4.2012: Auch das Civitas-Institut weist am 12.4. auf diesen FAZ-Artikel eindringlich hin und ergänzt:

Auch andere renommierte Wissenschaftler sehen das so. Hier noch zwei Beispiele: der Osnabrücker Professor Manfred Spieker schreibt, ebenfalls in der FAZ: „In der Familie werden die Weichen gestellt für die moralischen und emotionalen Orientierungen des Heranwachsenden, für seine Lern- und Leistungsbereitschaft, seine Kommunikations- und Bindungsfähigkeit, seine Zuverlässigkeit und Arbeitsmotivation, seine Konflikt- und Kompromissfähigkeit und seine Bereitschaft zur Gründung einer eignen Familie, zur Weitergabe des Lebens und zur Übernahme von Verantwortung für andere.“

In gleichem Sinne äußert sich der Hirnforscher Gerald Hüther: „Frühe emotionale Erfahrungen werden im Gehirn verankert, sichere emotionale Bindungsbeziehungen sind die Voraussetzungen für eine optimale Hirnentwicklung. Störungen stellen für Kinder Belastungen dar, die umso weniger bewältigt werden können, je früher sie auftreten.“ Der Hirnforscher zieht daraus den Schluss, die elterliche Erziehungskompetenz müsse gestärkt werden. „Kindertagesstätten können daher allenfalls der Aufnahme von Kindern in Not geratener Mütter, nicht aber zur Zwischenlagerung von Störenfrieden berufstätiger Eltern dienen.“

Ergänzung 14.5.2012: Dr. Rainer Böhm: Betreuungsgeld ist sinnvoll und notwendig. Ich zitiere nur das Fazit des Interviews:

… Dr. Böhm: Die Familienpolitik wird derzeit von wirtschaftlichen Interessen, vor allem von Arbeitsmarktaspekten dominiert. Von der Familienpolitik wünsche ich mir aber, dass sie das Wohl von Familien und Kindern in den Mittelpunkt stellt, dazu zählt vor allem auch die Gesundheit. Für eine solche gesunde Entwicklung benötigen Familien ausreichende zeitliche und materielle Ressourcen. Es ist inakzeptabel, dass die Politik die diesbezüglichen Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts seit vielen Jahren ignoriert. Dies ist eine der Ursachen, dass mittlerweile mehr als 40 % aller Eltern-Kind-Bindungen als unsicher einzuschätzen sind, ein alarmierender Befund. Die elementare Bedeutung einer geschützten und sicheren frühen Eltern-Kind-Bindung für eine solidarische und leistungsfähige Gesellschaft wird von politischer Seite leider noch stark unterschätzt. Hier ist eine Neuorientierung überfällig.

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