Rudolf Willeke: Frankfurter Schule und Kritische Theorie

Rudolf Willeke geht in einem wohl 1999 geschriebenen Essay auf die Hintergründe der 68er-Bewegung ein: die Frankfurter Schule und ihre Kritische Theorie. (Update 24.8.2015: Neuer Link: http://www.globalecho.org/frankfurter-schule-kritische-theorie-und-die-zersetzung-der-deutschen-gesellschaft/) Ich führe hauptsächlich Überschriften und Stichwörter an:

… dass die Ideen, das gesamte Ideengebäude der FRANKFURTER SCHULE bisher kaum zur Kenntnis genommen wurden, so dass sich die Kulturrevolution 1968–1998 hinter dem Rücken des kollektiven Bewusstseins vollziehen konnte und die Folgen nicht der eigentlichen (letzten) Ursache zugerechnet wurden, sondern dem namenlosen `Zeitgeist´, dem `Fortschritt´, der `Modernisierung´.

Die kulturrevolutionären Veränderungen infolge der KRITISCHEN THEORIE der Frankfurter Schule liegen weit überwiegend im Bereich

  • der gesellschaftlichen Institutionen,
  • der Umwertung der Werte,
  • der Umbegreifung der Begriffe und
  • des praktischen Verhaltens der Menschen in der Gesellschaft.

Wenngleich die Kritische Theorie längst kein allgemein anerkanntes Weltinterpretationssystem mehr ist, ist ihr Einfluss auf die Wissenschaften, auf Gesellschaft und Politik nachhaltig (FAZ v. 18.6.99), sie ist richtunggebend für die sozialdemokratisch-ökologische Politik und letztentscheidend für die `political correctness´ in den Kommunikationsmedien der Gesellschaft und der Kirchen.

I. Einführung zu den Begriffen Frankfurter Schule und Kritische Theorie

… Gründerväter: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas …

II. Vier zentrale Thesen der Kritischen Theorie

1. Die religionsphilosophische These: Gott ist eine falsche Hypothese, Theologie ist sinnlos

… Zusammenfassung:

Der Neomarxismus der `Frankfurter´ ist seinem Selbstverständnis nach anti-idealistische, materialistische Philosophie, sie ist anti-metaphysische, atheistische Philosophie und damit zugleich Negation des christlich-abendländischen Denkens, unvereinbar mit christlicher Theologie. Das radikal emanzipatorische Konzept der `Frankfurter´ ist immanentistisch und widerstreitet übers Ganze dem Konzept christlicher Theologie von Erlösung und Befreiung.

Die Kritische Theorie ersetzt `Gott´ durch `Gesellschaft´, sie vergesellschaftet Gott und divinisiert die Gesellschaft als das Subjekt der Geschichte. Die Kritische Theorie ist materialistische Religion, Selbsterlösungsglaube, profaner Messianismus.

Die konsequentesten Nach-Denker der Kritischen Theorie sind im Bereich Theologie und Metaphysik Johann Baptist Metz und Jürgen Moltmann, ferner auf katholischer Seite Eugen Drewermann und auf evangelischer der Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann. …

2. Die anthropologische (erziehungsphilosophische) These:

… der Neue Mensch, Zerstörung des Leistungsprinzips, sexuelle Revolution …

3. Die Faschismusthese: Die Familie ist Ursache des `autoritären Charakters´ und des Faschismus

… antiautoritäre Erziehung …

4. Die gesellschafts- und die geschichtsphilosophische These: Das Ganze ist falsch, der Geist der Geschichte ist die permanente Katastrophe

… herrschaftsfreie Gesellschaft, Befürwortung von Anarchie und (linker) Gewalt …

Zusammenfassung:

Die Speerspitze der Kritischen Theorie ist gegen die durch christlich-bürgerliche Ideen geordnete Gesellschaft mit allen ihren Institutionen und Werten (Familie, Schule, Kirche, Betrieb) sowie gegen den demokratisch verfassten Rechtsstaat, wie er sich im Grundgesetz Deutschland darstellt, gerichtet. Die Hauptwaffe der Frankfurter ist die fundamentale, radikale, nichts auslassende Kritik, die sich empört gegen alle Selbstverständlichkeiten, Traditionen, Institutionen und Verbindlichkeiten, die sich insgesamt gegen das Bestehende richtet und die vollständige Alternative zum Bestehenden durchzusetzen versucht.

Ihre Kampftruppen rekrutieren die Frankfurter unter den Linksintellektuellen, unter den emanzipatorisch-feministisch Bewegten und unter den durch die Kritische Theorie `Aufgeklärten´ und ideologisch Geschulten.

Die Folgen dieser Auseinandersetzung können hier nur resümierend in Stichworten aufgezählt werden. Auf die `Erfolge´ der Frankfurter hat vor allem Habermas hingewiesen.

Unter dem Druck der Dauerkritik am Leistungsprinzip, an der Autorität und an den Institutionen, der permanenten `Hinterfragung´ aller Werte, Normen und kulturellen Selbstverständlichkeiten der `Dauerdemokratisierung´ fast aller Institutionen, insbesondere von Kirche, Schule, Universität, Betrieb, Parteien sowie der seit 30 Jahren anhaltenden semantischen Strategie der `Umbegreifung´ der Begriffe ist es in der Gesellschaft

  • 1. zu einer rasanten Schwächung der Erziehungskraft und des Erziehungswillens der Familie und der Autoritäten,
  • 2. zu einem tiefgehenden Werteverfall bzw. Traditionsbruch zwischen der älteren und jüngeren Generation,
  • 3. zu einer Legitimations- und Legitimitätskrise,
  • 4. zu einem grundsätzlichen Wandel des Bewusstseins und des Verhaltens der Bürger gekommen: Permissivität ist gestiegen, Hemmschwellen wurden abgesenkt.
  • 5. Die Fähigkeit der Institutionen, sich zu wehren, d. h. der Wille, die überkommenen Institutionen zu rechtfertigen und gegen deren `Enteignung´, `Umfunktionalisierung´ oder Auflösung zu verteidigen, ist im Schwinden begriffen.

Diese Folgen der Kritischen Theorie bekommen auch die kirchlichen Verbände und Organisationen zu spüren, ohne zu wissen, woher der Gegenwind kommt.

III. Die Erfolge der Frankfurter in der Gesellschaft nach Habermas

  • 1. Ent-Christlichung der Öffentlichkeit
  • 2. Ent-Institutionalisierung der Gesellschaft
  • 3. Ent-Ethisierung des Rechts
  • 4. Ent-Kriminalisierung des Verbrechens
  • 5. Ent-Pathologisierung der Krankheit
  • 6. Ent-Ästhetisierung der Kunst

IV. Die geschichtliche Entwicklung der Frankfurter Schule

… Zusammenfassung:

… Die Sozialisten erstreben vor allem die unbegrenzte Ausdehnung der individuellen Freiheit (Emanzipation) auf Kosten der Staatsobrigkeit, die geschwächt und beseitigt werden soll.

Die Kommunisten erstreben dagegen die völlige Unterdrückung der menschlichen Freiheit und gleichzeitig die Ausdehnung des Staates ins Kolossale an. Die Sozialisten und die Kommunisten (und, wie wir gesehen haben, die Neomarxisten, Verf.) geben sich — religiös gesehen — nicht damit zufrieden, Gott in den Himmel zu verbannen, sie gehen vielmehr weiter, bekennen sich offen zum Atheismus und leugnen das Dasein Gottes überhaupt.

Wenn man aber — wie diese drei Gruppen — Gott, die Quelle und den Ursprung jeder Autorität, leugnet, dann ergibt sich daraus logisch die Leugnung der Autorität selbst, und zwar bedingungslos und vollständig. Die Leugnung der weltumfassenden Vaterschaft Gottes bringt die Verneinung der Vaterschaft in der Familie mit sich. Die Leugnung der religiösen Autorität hat ebenso logisch die Leugnung der politischen Autorität zur Folge. `Wenn einmal der Mensch ohne Gott auskommen will, dann sofort auch der Untertan ohne König und der Sohn ohne Vater.´

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter NWO abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Rudolf Willeke: Frankfurter Schule und Kritische Theorie

  1. heureka47 schreibt:

    „Gott ist eine falsche Hypothese, Theologie ist sinnlos“:
    Die erste dieser beiden Aussagen muß ich vehement bestreiten, die zweite bejahen.
    Mit „Gott“ meine ich die jedem voll / wahrhaft erwachsenen Menschen im erkennenden Bewußtsein wahrnehmbare – feinstoffliche – Kraft („…aus der Höhe“), die universelle Energie, Schöpferkraft, Lebens-Energie, geistige Liebe, usw., von den „alten“ Germanen und ihren Nachbarn vor der Zivilisierung und spirituellen Kastration durch die Römer „Od“ genannt.
    Wenn man sich heute – 1000 bis 2000 Jahre später – die Sprachen dieses ethnischen bzw. geographischen Raumes genau betrachtet, kann man feststellen, dass diese göttliche Lebens-Energie „Od“ eine maßgebliche, dominierende Stellung im Leben unserer damaligen Vorfahren hatte. In dieser Schreibweise „Od“ taucht sie in „Odin“, dem Gott, auf, auch in W-od-an, im biblischen „Od-em“, in „T-od“, in dem Land „N-od“, in welches Kain ziehen muss, nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hat. In Begriffen wie „Moder“, „Broder“, „Boden“, im englischen „God“ („Gott“) oder im niederdeutschen „god“ oder englischen „good“ für „gut“; in abweichenden Schreibweisen auch in Namen von Flüssen oder Orten: Oder, Othmarschen. Im englischen „mood“ und dem deutschen „Mut“, im deutschen „rot“, „Kot“, „Brot“, usw. usw.
    Eine Vielzahl von Begriffen, die sich alle direkt oder indirekt, als Bejahung oder Verneinung, auf die göttliche Lebens-Energie beziehen.
    In den von Rom und dem Lateinischen dominierten romanischen Sprachen finden wir diese Bezüge – typischerweise – NICHT. Denn Rom war – wie schon seine Vorgänger-„Hoch-Kulturen“ vom göttlichen Prinzip entfremdet; Opfer der KOLLEKTIVEN (ZIVILISATIONS)-NEUROSE, der „Krankheit der Gesellschaft“, „Gesellschaftsneurose“, „Menschheitsneurose“ (wie Freud schrieb) oder auch „Dysgnosie“ (lt. Heinz von Förster).

    Diese kollektive Störung, von der die große Mehrheit der Menschen der zivilisierten Gesellschaft befallen und schwer beeinträchtigt ist, ist das eigentliche Problem, mit dem wir es seit vielen Jahrhunderten zu tun haben. Allerdings wird über diese Störung so gut wie nicht gesprochen – denn es gehört zu dieser Krankheit, dass sie verdrängt wird. Die Betroffenen mögen sich nicht als betroffen erkennen – ihr unreifes Bewußtsein mag das nicht.
    Wie Erich Fromm schrieb, sind die „Erwachsenen“ dieser Gesellschaft nicht wahrhaft erwachsen – sie sind nicht, wie es in gesunden Gesellschaften üblich ist, in der Pubertät zu ihrer höheen Bewußtseins-Dimension, zum „Höheren / wahren Selbst“ aufgestiegen, sondern im typischen Kinde-Bewußtsein, im „Niederen Selbst“ / „Ego“ stehen geblieben. Deshalb versagen die allermeisten „Erwachsenen“ bei Aufgaben / Herausforderungen, die sich Erwachsenen üblicherweise stellen; vor allem in menschlichen Beziehungen und in der Erziehung.

    Aber es ist nicht nur die ca. 10.000 Jahre alte „Kollektive Zivilisations-Neurose“, die wir von den Römern mit ihren zivilisatorischen Errungenschaften übernommen haben, sondern die Römer ließen uns „wilden“ Nordländern noch einen besonderen Dienst angedeihen: Die Spirituelle Kastration. Ein politischer Akt, um uns erfolgreich „gefügig“ zu machen, zu versklaven, indem man uns die Staatsreligion Roms mit Gewalt einbläute und unsere gesunde gewachsene Spiritualität austrieb – mit Hilfe der „Heiligen“ Inquisition über Jahrhunderte!

    Mir ist noch nicht klar, ob die christliche Lehre schon von der Römern verfälscht wurde oder uns Germanen nur falsch vermittelt wurde – auf jeden Fall wurden die allermeisten Opfer einer nicht zum wahren Gott führenden Irr-Religion.

    Und dieses Gift wurde ab 1492 auch nach Amerika und zu anderen Kontinenten getragen: Die alte Kollektive Zivilisations-Neurose UND obendrauf – als „Krönung“ – noch die untaugliche Religion des Römischen Reiches.

    Eine „Theologie“, die sich mit diesem mentalen Gift befaßt, vergiftet sehr wahrscheinlich sich selbst ebenso wie alle anderen, denen sie versucht, dieses Gift zum Konsum „anzudrehen“.

  2. Pingback: Kenntnisfreier Schuss in den Ofen | Offene Flanke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s