Ohrfeige nein – Beschneidung ja?

Rolf Dietrich Herzberg, emeritierter Strafrechtler der Ruhr-Universität Bochum, weist schon 2009 in einem hoch detaillierten Aufsatz in der Juristenzeitung (PDF p38-45) auf die rechtlichen Probleme der rituellen Beschneidung hin und hält es in seinem Schlusssatz für „richtig, ganz allgemein die medizinisch nicht notwendige Zirkumzision, die man einem kleinen Jungen antut, in Anwendung des Gesetzes (§§ 223, 224 StGB) als Körperverletzung zu verfolgen und zu bestrafen.“

Weiters fand ich auf Sezession im Anschluss an einen leider unterklassigen Artikel einen Kommentar, den ich hier auszugsweise wiedergeben möchte:

… Das Urteil des LG Köln, welches die Debatte ausgelöst hatte, ist juristisch hundert Prozent lupenrein. Es verwundert vielmehr, warum auf dem Boden des Grundgesetzes und seiner Menschenrechtsordnung nicht schon viel eher solch ein Urteil ergangen ist.

In diesem Zusammenhang ist es daher auch eher bedenklich, wenn eine Bundeskanzlerin diese Einwände mit dem spontanen Argument der „Komikernation“ ins Lächerliche zieht, obwohl sie doch die formell mächtigste Person dieser Komikernation mit dieser komischen Rechtsordnung ist.

… dass es hier um Kernpunkte von Grundrechten geht und dass hier jemand (die Eltern) über jemanden anderen (Kinder) unwiderruflich über körperliche Dinge entscheidet, obwohl keinerlei medizinische Indikation vorliegt und selbst wenn eine solche gegeben ist, man in den allermeisten Fällen heutzutage nicht zur „Vollbeschneidung“ greifen muss.

Und da man mit 18 oder ggf. mit der Religionsmündigkeit (12 bzw. 14) sich dann immer noch beschneiden lassen kann, sehe ich hier das Grundrecht eines nichtentscheidungsfähigen Kleinkindes absolut über dem „Brauch“ und den „Riten“. Das bei den alten Germanen akzeptierte Recht auf Kindstötung durch die Mutter kurz nach der Geburt wurde ja auch irgendwann aufgegeben und selbst Neuheiden fordern nicht ernsthaft, zu diesem zurückzukehren. Mädchenbeschneidung ist ebenfalls ein absolutes „Tabu“.

Man könnte jetzt noch sehr viel zur Sinnhaftigkeit, den evtl. Folgen von Beschneidungen etc. ausführen – das meiste ist in den Debatten der letzte Tage schon gesagt worden und auch ich wiederhole oben die bekannten Kernargumente wieder, aber: Es geht nicht darum, dass man in einen wie auch immer gearteten „Bund“, eine andere Lebenswirklichkeit eingreifen will, um quasi der „modernen Lebenssicht“ mit allen Mitteln zum Durchbruch zu verhelfen. Es geht nur darum, Grundrechte in Abwägung zu bringen. Grundrechte, auf die sich jeder so gerne beruft und auf die keiner ansonsten so gerne verzichten will.

Und: Wenn schon eine lächerliche Ohrfeige einem den Kadi auf den Hals hetzen kann, warum dann ausgerechnet eine Beschneidung nicht?

Auf der anderen Seite kann man natürlich jetzt auch damit kommen und sagen, die Leute regen sich darüber auf, wenn ein kleines Häutchen abgeschnitten wird, und über die Absaugung von tausenden von Föten aus dem Unterleib von Frauen regt sich keiner mehr auf und hier sagt der „Rechtsstaat“ sophistisch: Rechtswidrig, aber nicht schuldhaft.

Aber: Vergleiche helfen der Veranschaulichung, können aber den Fall letztlich nicht entscheiden. Und wer A, also Grundgesetz sagt, der kann nicht so einfach zu B, wie Beschneidung von Nichteinwilligungsfähigen kommen.

Diesen Wertungswiderspruch kann man nicht so mir-nichts-dir-nichts auflösen – schon gar nicht damit, dass man sich darüber mokiert, dass eine Weicheigesellschaft sich offenbar vor ein paar kurzzeitig blutenden Babypimmeln gruselt.

Die Beschneidung ist ein Eingriff mit Folgen – so der derzeitige Wissenschaftsstand. Damit muss man also umgehen und seine Schlüsse ziehen.

Auch die weiteren Kommentare sind in der Mehrzahl durchaus lesenswert.

Siehe auch: https://kreidfeuer.wordpress.com/tag/beschneidung

Ergänzung:

http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/11792-streit-um-die-beschneidung-von-jungen  (11.7.):

… Erst jetzt erfahren wir, dass es unter den rabbinischen Gelehrten ebenso wie bei muslimischen Geistlichen eine kontroverse Debatte über den Sinn der rituellen Beschneidung in heutiger Zeit gibt.

… hat der Gesetzgeber alles Recht, viele würden sagen auch die Pflicht, die Unversehrtheit des Kindes, seine unverletzte körperliche und seelische Entwicklung, nicht hinter einem traditionsreichen, aber archaischen religiösen Ritual verschwinden zu lassen. Das Grundrecht auf Unversehrtheit steht in dieser Lesart höher als die Religionsfreiheit, deren liturgisch/kultische Seite wiederum nicht nur auf einzelne, traditionell hergebrachte Rituale reduziert werden darf. Religion ist nicht unwandelbar. Auch Religionen kennen Entwicklung.

… Die Lösung des Konflikts kann nur aus der jüdischen und der muslimischen Gemeinde heraus kommen. Für diese Kontroverse innerhalb der Religionsgemeinschaften ist nun wirklich Zeit nötig – und auch berechtigt. Man mag zwar die Wehrpflicht nach fünfzig Jahren an einem sonnigen Wochenendnachmittag abschaffen, nachdem sie über ein halbes Jahrhundert zum politischen Inventar der Union gehört hat, die Beschneidung aber, die über Jahrtausende praktiziert wird, kann man nicht an einem Wochenende rückabwickeln. Religion hat eine andere Arithmetik als Politik oder Zeitgeist.

Die Kontroverse hat in den Gemeinden an Fahrt aufgenommen. Wenn am Ende des Diskurses eine verbindliche Äußerung der religiösen Autoritäten steht, wenn es eine Wahlfreiheit gäbe, die nicht sanktioniert wird, dann ließen sich die Ansprüche des Kindes auf Unversehrtheit mit denen der Religionsfreiheit der Glaubensgemeinschaften miteinander versöhnen. Das ist das Idealziel, das die sich wandelnde Religion in der gegenwärtigen Zeit erreichen würde.

Der Gesetzgeber und die Gesamtgesellschaft müssen ihrerseits ihre Haltung, die übergeordneten Rechte des Kindes auf körperliche Unversehrtheit, bestimmt und nachhaltig artikulieren. Sie stellt meiner Meinung nach das höhere Verfassungsgut dar. Einen salomonischen Weg gibt es an dieser Stelle zu diesem Zeitpunkt nicht.

http://www.aerztezeitung.de/news/article/818877/beschneidung-warnung-psychischen-folgen.html:

Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung hat bei dem Thema Beschneidung bei Jungen vor einem politischen Schnellschuss gewarnt.

Schließlich könne sich eine aus religiösen Gründen vorgenommene Beschneidung langfristig auf die Psyche der Jungen auswirken. Das schreibt der Verband in einem offenen Brief an Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP).

Ergänzung:

Ich empfehle dringend, diese Anne-Will-Sendung nachträglich anzusehen: http://daserste.ndr.de/annewill/videos/annewill3507.html  (11.7.)

Streit ums Beschneidungs-Urteil – Religionsfreiheit ade?
Über religiöse Riten und Kinderschutz sprechen Seyran Ates, Yitshak Ehrenberg, Khola Maryam Hübsch, Angelika Kallwass und Holm Putzke.

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