Hans-Peter Raddatz: Hans Küng, ein „christlicher“ Theologe des Islam

Der Abhandlung Hans-Peter Raddatz, Glaube — Vernunft — Gewalt. Benedikt XVI. und der Islamdialog (Neue Ordnung Heft 5, Oktober 2006) ist das folgende Kapitel entnommen:

Eine „christliche“ Theologie des Islam

Benedikt hatte [mit seiner Regensburger Rede, Anm.] zwei Tabus gebrochen. Zum einen hatte er Allahs Hoheit verletzt, die Freiheit in der Wahl der Waffen. Ihm und damit seinen Anhängern mit den Worten Kaiser Manuels vorschreiben zu wollen, daß „Blut dem Geiste Gottes zuwider“ ist, nahm ihm das zentrale Instrument des Islam und grenzte somit an ein Sakrileg. Zum anderen schockte er den kirchlichen „Dialog“, der die islamische Gewalt, wie sie sich in den Institutionen des Djihad und des dhimma-Vertrags manifestiert, durch die Klischeemuster der „Anstrengung im Glauben“ bzw. die „Toleranz des Islam“ ersetzt.

Der prominenteste Vertreter dieser Umformung ist Hans Küng, dem die Kirche einst die Lehrerlaubnis entzog. Er ernennt sich selbst zum „Anwalt des Islam“, der die Doktrin von den „Schriftverfälschern“ nachvollzieht, indem er die Juden und Christen als Anhänger defekter Schwesterreligionen interpretiert. Er fußt auf einem eingespielten Zitierkartell des „Dialogs“, das „Grundlagenforschung“ ohne Primärquellen betreibt, um deren wirklichkeitsnahe Islamwahrnehmung zu meiden. So meidet der Schweizer Theologe seinerseits auch jenen „Essentialismus“, die wissenschaftlich korrekte Methode, die durch historische Sachverhalte islamisch unkorrekte Einsichten vermitteln könnte.

Mit unscharfen Deutungen von Widersprüchen zieht Küng sein islamisches Heilsobjekt in den Raum des Diffusen, um es „pragmatisch“ zu rekonstruieren. Danach kann der Islam „überall und gleichzeitig“ und dabei „nie und nirgendwo gleich“, geschweige denn – was niemand behauptet – „chemisch rein“ sein. Die Sprache spiegelt ein wenig faßbares Rohmaterial, aus dem eine „nicht ideologische Realität“ entstehen soll. In dieser Einschätzung hat Küng nicht ganz unrecht, denn seine Sprache ist die des magischen Mythos, in dem das Numinose alles unfaßbar durchdringt. Solche Unklarheit erlangt allerdings ihre konkrete Richtung, indem Juden und Christen ihm „schonungslose Rückfragen“ beantworten müssen, die er dem Islam nicht stellt.

Um seinen Geltungsanspruch abzustützen, führt der „Theologe“ eine weitläufige Neudeutung, ein so genanntes „Makro-Paradigma“ ein, das eine vielschichtige Religionsgeschichte verhüllt und Judentum, Christentum und Islam in den judenchristlichen Randsekten des spätantiken Arabien zusammenführt. Da Küng die Gottessohnschaft Christi ablehnte, verwundert nicht, daß er sich sowohl mit dem Islam als auch mit diesen Sekten wesensverwandt sieht. Denn deren Lehren lehnten ihrerseits das großkirchliche Dogma vom dreieinigen Gott ab und haben damit Eingang in den mekkanischen Teil des Koran gefunden. Ihre Vertreter konnten Jesus in einer prophetischen Entwicklung sehen, deren Gipfel Muhammad bildet, so daß Küng auffällt, „wie sehr die prophetische Gestalt Jesu im Koran der Gestalt des Propheten Muhammad entspricht“.

In der Genese des Islam mußte sich das Glaubensvorbild Abraham nebst Sohn Ismael zum richtungweisenden Erbauer der Ka’ba wandeln. Hier stört auch nicht mehr die Gottesmutter Maria, die im Koran mit Miryam, der Schwester Aarons, sowie Hagar, der Nebenfrau Abrahams und Mutter Ismaels, Erzvaters der Araber, verwechselt wird. In diesem Punkt kann sich Küng ganz offiziell auch durch das Konzilspapier „Nostra Aetate“ bestärkt sehen, das die Muslime lobt, weil sie „Maria in Frömmigkeit anrufen“. Umso leichter lassen sich die hebräische Realität sowie 1400 Jahre Islamtradition überspringen und eine „Erbgeschichte größten Ausmaßes“ erkennen.

Dem „Anwalt des Islam“ zufolge kann sie nun auch den modernen Juden und Christen das „Weltethos“ des vormodernen Islam als „Weg zum Heil“ sowie den Koran als „Offenbarung des einen und einzigen Gottes“ erschließen. Damit entfällt endlich auch die „Verfälschung“, die das koranische Dogma den Schriften der Juden und Christen vorwirft und seit jeher als Rechtfertigung für die Verdrängung ihrer Anhänger diente, um das „Haus des Islam“ aufzurichten. Für Küng verbinden sich somit die historischen Eroberungen der Muslime weniger mit harter Unterdrückung, Massakern, Plünderungen und Vergewaltigungen, sondern islamisch korrekt mit „größerer Einfachheit“ ihrer Herrschaftslehre, die „auf die Zuwendung so vieler Christen zum Islam und das fast völlige Verschwinden des Christentums … einen entscheidenden Einfluß hatte“.

Daß Allah seinem Verkünder manchen persönlichen Wunsch per „Offenbarung“ erfüllte, macht den „Theologen“ zwar „mißtrauisch“, ermuntert ihn jedoch, am „Menschen Muhammad“ die Einfachheit religiöser Gewalt zu erläutern. Dieser soll seine Kriege und Tötungsaktionen nicht zur „Verherrlichung des Menschen“, sondern allein zum „Lobpreis Allahs“ veranlaßt haben. „Im Tiefsten“ versteht man ihn nur, „wenn man die skrupellose Machtausübung vor dem Hintergrund seines religiösen Ergriffenseins sieht.“ So drängte es den Religionsschmied zum ultimativen Kunstgriff: „wenn ich diesen Jesus als Christus wähle, habe ich seinen Nachfolger Muhammad mitgewählt“.

Diese „Theologie“ ist kaum von der Ideologie des radikalen Islam zu unterscheiden, die den Mob Allahs anheizt und weltweit auf die Straße schickt. Die von Benedikt zitierte Kritik Manuels, der zufolge Muhammad „Schlechtes und Inhumanes“ brachte, indem er „vorgeschrieben hat, den Glauben … durch das Schwert zu verbreiten“, beruht also durchaus auf authentischer skrupelloser Machtausübung, die allerdings laut offiziellen Sprachgebrauchs aus den „verletzten Gefühlen der Muslime“ kommt. Im unscharfen Fadenkreuz des Ergriffenseins erklärt der Volkspädagoge die Gewalt zum umso schärferen, legitimen Instrument und richtet den Blick der „Dialog“-Gemeinde auf den Kern seines „Weltethos“: „Kriegsgeschichte ist auch Heilsgeschichte.“

Diese Gegenethik befindet sich in perfekter Dichotomie zum Logos der Liebe. Denn wie wir feststellten, steht der Mensch über die Frage der Macht in unfehlbarer Verkettung mit der Frage nach Gott. Deren Beantwortung ist wiederum – ebenso unfehlbar – im christlichen Gedanken niedergelegt, der Gott und Mensch trinitarisch eint. Je geringer die Präsenz des Gottmenschen, desto stärker der Machtanspruch des Menschen unter Berufung auf einen Gott, der Gewalt durch „religiöses Ergriffensein“ legitimiert.

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