Knabenbeschneidung: Tabu mit unabsehbaren Folgen

Der Widerstand gegen den atavistischen Brauch der Knabenbeschneidung ist nicht so neu, wie es vordergründig aussieht.
Claude Jaermann: Das wunde Geschlecht: Beschneidung von Knaben  (06/2010):

Seit Jahrtausenden wird neugeborenen Knaben und jungen Männern eine Wunde zugefügt, wo es am meisten wehtut. Ein Tabu mit unabsehbaren Folgen.

… Das Baby schreit noch stärker. Die Mutter im Nebenraum wirkt verstört. Sie weint. Sie ahnt, dass da etwas geschieht, was sie im tiefsten Grund ihres Herzens eigentlich gar nicht will. Keine Mutter will, dass ihrem Kind Schmerzen zugefügt werden.
Nach wenigen Minuten ist das Ritual vorüber. Die Mutter erhält ihr Kind zurück. Das Baby weint. Die Mutter weint. Wer will so auf der Welt willkommen geheissen werden? Die Mutter hofft, dass sie dieses für sie ­traumatische Erlebnis ebenso verarbeiten kann wie ihr beschnittenes Kind.
Die oben beschriebene Szene ist zu sehen im Dokumentarfilm The 8th Day, der achte Tag. In diesem Streifen werden zwei jüdische Paare begleitet, die beide einen Jungen bekommen und sich der Frage stellen müssen, ob sie ihr Kind beschneiden lassen wollen oder nicht. Was im Film gezeigt wird, spielt sich so oder ähnlich alle 30 Sekunden auf dieser Welt ab.

… Die Beschneidung von Knaben gehört zu den ältesten operativen Eingriffen in der Geschichte der Menschheit. Älteste Zeugnisse davon sind ägyptische Zeichnungen die über 2300 Jahre vor Christus angefertigt worden sind und die eindeutig zeigen, wie erwachsenen Männern die Vorhaut entfernt wird. Beschneidungen kennt man in verschiedenen Völkerstämmen, die in wüsten-ähnlichen Regionen Afrikas und Australiens leben. Die Gründe für dieses Ritual sind unbekannt. Einige Quellen vermuten, dass die Beschneidung das damals übliche Menschenopfer ersetzt. Andere Quellen sehen darin eine milde Form der Kastration, die man oft am unterworfenen Feind vollzog. In Ägypten fand man bei Mumien keine Vorhaut. Man geht davon aus, dass die Beschneidung vor allem hochrangigen Menschen vorbehalten worden war. Für die Ägypter war zudem die Schlange ein unsterbliches Wesen, weil sich dieses Tier häuten kann. Mit der Beschneidung sollte vielleicht diese Häutung imitiert werden und die eigene Seele dadurch unsterblich werden. Eine Pflicht zur Beschneidung bestand jedoch nicht. Doch wie kam die Beschneidung zum Volk der Juden und zu den Muslimen, welche bis heute dieser Tradition anhängen?

… In der Bibel steht jedoch auch: «Beschneidet nun die Vorhaut eures Herzens und seid nicht ferner hartnäckig.» Dt 10,16. Konsequenterweise müssten alle, die sich auf die historisch nicht erwiesene Geschichte des Abraham beziehen, auch diese Prozedur über sich ergehen lassen und die Vorhaut des Herzens herausschneiden. Warum die eine Aussage nur symbolisch interpretiert wird, nämlich als Gebot, sein Herz zu öffnen und reinen Herzens zu sein, und die andere nicht, kann kein Schriftgelehrter erklären.

… Dabei ist längst erwiesen, dass Babys genauso schmerzempfindlich sind wie Erwachsene. Wird die Prozedur ohne Betäubung durchgeführt, beeinflusst sie das spätere Schmerzempfinden. Forscher in Toronto belegten, dass ohne Anästhesie Beschnittene bei späteren Routine-Impfungen mehr Schmerzen empfanden als beschnittene Babys, die beim Eingriff eine örtliche Betäubung erhielten.
«Eine Beschneidung verursacht einen derart traumatischen Schmerz, dass es zu einer Schädigung der Hirnentwicklung kommen kann», glaubt der kalifornische Psychologe James Prescott. Für ihn ist die Beschneidung daher ein Beispiel dafür, wie hartnäckig sich medizinische Massnahmen mit uraltem sadistischem Ursprung halten. Der Psychologe David Chamberlain von der «Vereinigung für prä- und perinatale Psychologie und Trauma» und Autor des Buches Woran Babys sich erinnern meint dazu: «Die mangelnde Bereitschaft, Ungeborenen Gefühle zuzugestehen, basiert vermutlich auf den gleichen Theorien des Gehirns, die den Ungeborenen auch die Möglichkeit von Schmerzreaktionen absprechen. In den letzten hundert Jahren haben Mediziner fast durchgängig darauf beharrt, dass Säuglinge keinen Schmerz empfinden, weder bei der Geburt noch bei der Beschneidung oder sogar bei grösseren chirurgischen Eingriffen – und das trotz unübersehbaren Gezappels, Gestrampels, Grimassierens, dramatischen Geschreis und kräftiger Abwehrbewegungen.»

… Viele Fachpersonen – darunter auch der Zürcher Nationalrat und Rechtsprofessor Daniel Jositsch – beziehen sich auch auf die Weltgesundheitsorganisation WHO, die in einem umfassenden Grundlagenpapier 2007 die Beschneidung als HIV-Vorbeugung empfohlen haben soll. Doch wer sich die Zeit nimmt, den WHO-Bericht ausführlich zu lesen, kommt zu einem anderen Schluss. Sogar das renommierte Deutsche Ärzteblatt sieht im WHO-Bericht keinen Freipass für die routinemässige ­Beschneidung. «Gestützt wurde die Empfehlung auf Studien aus Kenia und Uganda, deren Ergebnisse darauf hindeuten, dass das HIV-Infektionsrisiko bei beschnittenen heterosexuellen Männern etwa 50 Prozent geringer ist als bei unbeschnittenen. Ob diese Ergebnisse auf andere Länder übertragbar sind, ist allerdings höchst fraglich.»
Hinzu kommt ein wichtiger Punkt, der gerne übersehen wird: Die WHO empfiehlt, dass die Beschneidung von Männern nur nach «ausreichender Information, freiwilliger Zustimmung und ohne Zwang durchgeführt wird». Diese Kriterien können bei Säuglingen und Kindern nicht erfüllt werden. In Amerika, dem Land mit der grössten Anzahl von Beschneidungen aus nichtreligiösen Gründen, wenden sich immer mehr Kinderärzte gegen den routinemässigen Griff zum Skalpell.

… Der beschnittene Mann hat nicht mehr die Möglichkeit zu entscheiden, ob er seine Vorhaut will oder nicht. Seine Eichel ist durch ein gewaltsames Geöffnet-worden-Sein blossgestellt. «Diese Öffnung wurde in einem Moment von aussen aufgezwungen, wo das Kind überhaupt nicht bereit dazu gewesen ist», meint Klaus Käppeli und doppelt nach: «Das ist eine Vergewaltigung. Das heisst: Jetzt kann ich mich nicht mehr mit der Vorhaut schützen, also muss ich mich anders mit Schichten zudecken, beschützen. Der Penis wird vom Körper abgespalten, weil der Schmerz so gross war und der Eingriff so überwältigend.»

… Laut Studien des französischen Urologen Gérard Zwang wird bei der Beschneidung nicht nur ein hochempfindliches Teil weggeschnitten, sondern auch ein Organ frei- und damit trockengelegt, das als inneres Organ gedacht sei: die Penisspitze mit ihrer weichen, feuchten, hochempfindlichen Oberfläche. Die Drainage der Eichel führe zu einem desensibilisierten Penis, zu verminderter Gleitfähigkeit, zu Spannungsgefühlen bei der Erektion und letztlich zu einem Teilverlust des sexuellen Vergnügens.

Die Vorstellung einer körperlich-sexuellen Begegnung zwischen zwei inneren Organen macht Sinn. Doch wenn durch die Beschneidung Sexualität und Gewalt zum ersten Mal zusammenkommen, wie es Marylin Milos, Gründerin der Organisation NOCIRC, drastisch ausdrückt, wundert man sich nicht, dass der Krieg der Geschlechter noch lange nicht zu Ende ist. Der psychologische Zusammenhang dabei ist der, dass beschnittene Männer unbewusst einen Hass gegenüber ihren Müttern entwickeln. Nicht gegen die Beschneidung als solche, nicht gegen den Beschneider und auch nicht gegen den Vater. Für ein neugeborenes Kind ist die Mutter das ein und alles. Sie ist es, die das Baby beschützt vor Schmerz und Gewalt. Wenn sie dies nicht kann, verliert das kleine Wesen Vertrauen in die Beziehung. «Ist der Verlust von Vertrauen nicht ein wichtiger Punkt in der Beziehung zwischen Mann und Frau?», fragt die amerikanische Psychiaterin Rima Laibow.

… Stellen Sie sich vor, ein Mann würde auf offener Strasse von vier Familienangehörigen gepackt, festgehalten, in ein Haus geschleppt, wo ihm die Hose runtergezogen wird und – schwupps! – ist die Vorhaut weggeschnitten. Man würde aufschreien. Die Polizei rufen. Die Fami­lienangehörigen verhaften, einvernehmen. Es käme zu einer Gerichtsverhandlung. Die Täter würden wegen wegen Körperverletzung schuldig gesprochen. Zudem müsste man dem Opfer Schmerzensgeld bezahlen und vermutlich auch eine Psychotherapie, um das Trauma zu verarbeiten. All dies wäre absolut selbstverständlich. Bei einem Kind gewähren wir dies nicht.

… Professor Dr. Rolf D. Herzberg, Emeritus der Ruhr-Universität Bochum, schrieb kürzlich in der Deutschen Juristenzeitung: «Ja, ich will dem heiligen alten Brauch der Beschneidung mit seiner tiefen religiösen Bedeutung unsere eng-deutsche, zeitbedingte und zeitgebundene Gesetzgebung entgegenstellen, und ich halte es für richtig, ganz allgemein die medizinisch nicht notwendige Zirkumzision, die man einem kleinen Jungen antut, in Anwendung des Gesetzes (§§ 223, 224 StGB) als Körperverletzung zu verfolgen und zu bestrafen.» …

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter Naturrecht abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.