Alice Miller: Das verbannte Wissen

Die Kindheitsforscherin Alice Miller nahm schon 1988/1995 in ihrem Buch Das verbannte Wissen u. a. massiv gegen Kinderbeschneidungen Stellung. Ich beschränke mich hier auf ihre Aussagen — und die ihres Gewährsmannes Desmond Morris – zur Knabenbeschneidung (Alice Miller: Das verbannte Wissen, Suhrkamp 1988/1995, S. 171–177):

… Bei der Beschneidung der Männer wechseln die »Gründe« von Kultur zur Kultur, aber in all diese Gründe mischt sich die unwahre Behauptung, daß die Beschneidung im Interesse des Kindes ausgeführt werde. Daß es sich um eine Grausamkeit handelt, die den späteren Erwachsenen zu ähnlichen, ebenfalls geleugneten Grausamkeiten anspornen wird und seinen Taten die Legitimität des guten Gewissens verleiht, wird immer wieder übersehen und überhört, obwohl einzelne Wissenschaftler alle bisher angeführten »Gründe« für die Beschneidung bereits widerlegen konnten. So schreibt zum Beispiel Desmond Morris ([Körpersignale. Body Watching. Heyne München] 1986, S. 218–220):

»Seit Jahrtausenden und in vielen verschiedenen Kulturen sind die Genitalien in erstaunlich vielfaltiger Art immer wieder aufs grausamste verstümmelt worden. Dafür, daß uns diese Organe soviel Vergnügen bereiten können, wurden ihnen übermäßig viele Schmerzen zugefügt.

Am häufigsten wurde ihnen durch die Beschneidung des Mannes und der Frau Gewalt angetan. Diese merkwürdige Verstümmelung ist älter als die Zivilisation. Wahrscheinlich gab es sie schon im Steinzeitalter. Obwohl bei der Beschneidung Kinder absichtlich von Erwachsenen verwundet werden, geschah dies immer in bester Absicht. Zahllose Menschen sind dabei im Lauf der Jahrtausende an Infektionen gestorben, aber angeblich wogen die Vorteile die damit verbundenen Risiken auf. Diese angeblichen Vorteile stellten sich von Epoche zu Epoche und von Kultur zu Kultur anders dar, aber jüngste Untersuchungen haben gezeigt, daß sie alle nichts als Einbildung sind.

Einer der ältesten Gründe für die männliche Beschneidung — die Entfernung der Vorhaut — war angeblich, daß sie Unsterblichkeit in Form eines Weiterlebens nach dem Tod garantieren sollte. Diese merkwürdige Vorstellung beruhte auf der Beobachtung, daß die Schlange ihre Haut abwirft und dann mit glänzenden neuen Schuppen wie „wiedergeboren“ erscheint. Erfährt die Schlange durch die Entfernung der Haut eine Wiedergeburt, kann dies der Mensch genauso. Der Penis ist die Schlange, die Vorhaut die Schlangenhaut. Nachdem die männliche Beschneidung zunächst im Nahen Osten zur anerkannten Tradition geworden war, brauchte der alte Glaube nicht unbedingt weiterzuleben. Beschnitten zu sein war jetzt ein Kennzeichen, daß man einer besonderen Gesellschaft angehörte. Die rituelle Verstümmelung breitete sich immer weiter aus. Die alten Ägypter nahmen sie seit 4000 v. Chr. vor. Im Alten Testament forderte Abraham die Beschneidung. Die Araber beschnitten genauso wie die Juden. Mohammed wurde angeblich ohne Vorhaut geboren (was möglich ist, weil der Medizin solche Fälle nicht unbekannt sind) — eine Behauptung, die automatisch das Schicksal der Vorhäute seiner künftigen männlichen Anhänger besiegelte.

Im Lauf der Jahrhunderte wurden statt der religiösen Gründe pseudomedizinische Argumente ins Feld geführt. Der Besitz einer Vorhaut verursache „masturbatorische Geisteskrankheit“, Hysterie, Epilepsie, nächtliche Inkontinenz (Nichtzurückhaltenkönnen) und Nervosität. Solche Ideen überlebten bis in unser Jahrhundert und führten sogar zur Bildung einer „Gesellschaft für Orifizialchirurgie“, die sich ausschließlich den „Modifikationen“ anstößiger Genitalien zur Verhinderung von Geisteskrankheiten widmete.

Als dieser Unfug schließlich aufhörte, setzte eine Krise ein. Welchen Grund sollte man jetzt für die Verstümmelung der kindlichen Genitalien anführen? Er mußte den wissenschaftlichen Prüfungen im rationalen Klima des 20. Jahrhunderts standhalten. Die Antwort erschien im Wissenschaftsmagazin The Lancet im Jahr 1932: Vorhaut verursacht Krebs! Bis Ende der 30er Jahre wurden 75 % aller Jungen in den USA beschnitten; 1973 waren es 84, 1976 sogar 87 Prozent. Krebs war die profane Version von Hölle und Verdammnis, die perfekte Waffe für die Angstmacher einer post-religiösen Gesellschaft.

Genauer gesagt, wurde behauptet, daß das Smegma, die gelblich-weiße, talgige Masse, die sich unter der Vorhaut sammelt, Peniskrebs und Gebärmutterhalskrebs bei den Frauen der Unbeschnittenen verursachen könnte. Der Verfasser des Aufsatzes, mit dem dieses Gerücht in die Welt gesetzt wurde, ging von falschen Statistiken aus, aber niemand kümmerte sich darum, denn hier war endlich wieder ein plausibler Grund, um am kindlichen Penis herumzuschnippeln. Spätere Versuche zeigten, daß das Smegma, das sich unter der Vorhaut bildet, nichts enthält, das auch nur im entferntesten karzinogen sein könnte; aber sie wurden weitgehend ignoriert. Andere Untersuchungen zeigten, daß Frauen, deren unbeschnittene Männer immer Kondome benutzten, nicht mehr und nicht weniger häufig Gebärmutterkrebs bekamen als jene, deren Ehemänner nie Kondome benutzten. Aber auch davon wollte niemand etwas wissen. In einem Forschungsprojekt wurde ein Land, in dem es überhaupt keine Beschneidung gab, mit einem anderen verglichen, in dem alle Männer beschnitten wurden. Die Ergebnisse zeigten, zur Erleichterung der Beschneidungsbefürworter, daß der Prostatakrebs im „unbeschnittenen“ Land häufiger war. Leider ist diese Art von Krebs ein typisches Altmännerleiden, und als man die Häufigkeit in den verschiedenen Altersstufen untersuchte, zeigte sich, daß Prostatakrebserkrankungen in den „beschnittenen“ Ländern häufiger vorkamen.

Die Angst vor Krebs war völlig unbegründet, und die Operation zur Entfernung der Vorhaut erwies sich weiterhin als ausgesprochenes Gesundheitsrisiko für kleine Kinder. In vielen Fällen kam es zu Blutungen, Geschwüren in der Harnröhre, Operationswunden und lokalen Infektionen. In einigen wenigen Fällen führte die Entfernung der Vorhaut bei Kleinkindern zum Tod. Es gab auch subtilere Schäden mit Langzeitwirkung: Nach der Beschneidung zeigten männliche Babys einen erhöhten Hormonspiegel, wie er sich bei Streß einstellt; der Schlafrhythmus änderte sich; sie schrien mehr und waren nervöser.

Trotzdem wurde und wird die „medizinische“ Beschneidung in bestimmten Ländern, in denen die Gesundheit Privatsache ist, munter fortgesetzt. Es ist bezeichnend, daß in Großbritannien nach der Einführung des National-Health-Systems und kostenloser Behandlung die Beschneidungsoperationen drastisch zurückgingen. Unweigerlich stellt sich die Frage, wieso in einem Land, in dem diese Operation plötzlich keinen Profit mehr brachte, nicht einmal mehr ein Prozent (1972 waren es nur 0,41) der Knaben beschnitten werden, hingegen zum Beispiel in den USA im selben Jahr über 80 Prozent der männlichen Kinder — was die Krankenversicherungsgesellschaften über 200 Millionen Dollar kostete. Die neuen Götter, die das Opfer der Vorhaut verlangen, sind weniger heilig als geschäftstüchtig. …«

Historiker und Psychologen werden sich noch lange wundern und fragen müssen, wie es zu diesem absurden Verhalten kommt, weil sie die einzig richtige Erklärung aus ihren Überlegungen ausklammern. Diese Erklärung ist aber auf Dauer nicht mehr zu umgehen und bietet sich als zwingend an, sobald man der Frage nicht mehr ausweicht, was mit dem verstümmelten Kind später geschieht. Wenn ein kleines Kind von ahnungslosen Erwachsenen gequält wird, muß es sich dann später nicht dafür rächen? Es muß sich rächen, außer das spätere Leben läßt all die erlittenen Wunden in Liebe ausheilen, was selten der Fall ist. In der Regel werden die einst verletzten Kinder dann ihre eigenen Kinder verletzen und behaupten, ihr Verhalten sei keine Verletzung, weil ihre liebenden Eltern das gleiche getan haben.

Außerdem verlangt es — im Fall der Beschneidung — die Religion, und es scheint noch vielen Menschen undenkbar, daß die Religion Grausamkeit verlangen könnte. Wenn aber das Undenkbare wahr ist? Sollen die Kinder und Kindeskinder für das Unwissen der Priester geopfert werden? Die Kirche brauchte 300 Jahre, um Galileis Beweise zu akzeptieren und ihren Irrtum einzugestehen. Heute geht es nicht um theoretische astronomische Beweise, sondern um die praktischen Konsequenzen aus einer Erkenntnis, die die Menschheit vor der Selbstvernichtung retten könnte, weil es bereits erwiesen ist, daß jedes destruktive Verhalten seine Wurzeln in den verdrängten Traumen der Kindheit hat. Sobald die Gesetzgebung die von der UNESCO verkündeten Rechte des Kindes auf Schutz und Respekt ernstnimmt, muß auch den Tatsachen Rechnung getragen werden, daß rituelle Beschneidungen:

1. keine Vorteile haben und eine Verstümmelung sind;
2. das Entspannungserleben verhindern und zu Überreizungen führen, die sich destruktiv und selbstdestruktiv auswirken können;
3. dem Kind ein Trauma zufügen, das zur Verletzung seines ganzen Wesens führt, und
4. daß die Folgen dieser Verletzungen nicht nur das Individuum und seine Nachkommen betreffen, sondern auch andere Menschen. Jeder Täter war einmal Opfer, aber nicht jedes Opfer braucht zum Täter zu werden.

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