Ethikrat: Beschneidung ja, aber

Frankfurter Rundschau: Ethikrat spricht Empfehlung aus: Beschneidung ja, aber (24.8.):

Der Ethikrat tendiert zu einer gesetzlichen Erlaubnis von Beschneidung – bei intensiver Aufklärung.

Der Deutsche Ethikrat steuert auf eine Empfehlung zu, Beschneidungen in Deutschland per Gesetz und unter Auflagen zuzulassen. Das deutete die Vorsitzende Christiane Woopen am Donnerstag nach einer öffentlichen Sitzung des Gremiums in Berlin an. Voraussetzung sei, dass vorher intensiv aufgeklärt werde, dass Vater und Mutter in die Beschneidung einwilligten, Schmerzen bekämpft würden und der Eingriff fachgerecht durchgeführt werde. Ungeachtet dessen verlief die Diskussion im Ethikrat kontrovers.

So mahnte der ehemalige Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, man solle die religiöse Pluralität „nicht nur dann ernst nehmen, wenn Sonntag ist“. Der jüdische Arzt Leo Latasch sagte, die Beschneidung sei für Juden das höchste Rechtsgebot. Es seien zudem längst alle Argumente ausgetauscht. Jetzt müsse eine Entscheidung her. Der muslimische Rechtsmediziner Ilhan Ilkilic äußerte sich ähnlich.

Die stärksten Bedenken formulierte der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel. Letztlich werde er ein Gesetz akzeptieren, betonte auch er. Merkel sprach von einer historisch bedingten, „weltweit singulären Pflicht gegenüber allen jüdischen Belangen“. Zugleich nannte er Beschneidungen jedoch einen Akt körperlicher Gewalt, der rechtswidrig sei, und fuhr fort: „Ein dunkler Schatten bleibt.“ …

http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/deutschland/ethikrat-mitglied-beschneidungen-ohne-anaesthesie-ist-eine-folterqual  (22.8.):

Beschneidungen ohne Narkose sind für den Juristen Reinhard Merkel barbarisch und nach deutschem Recht nicht akzeptabel. Merkel berät die Regierung als Mitglied des Ethikrates, der sich am Donnerstag trifft.

BZ: Das Landgericht Köln hält Beschneidungen für eine „schwere und irreversible Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit“. Damit werden 5000 Jahre Kulturgeschichte für gesetzwidrig erklärt. Wie lässt sich das rechtfertigen?

Merkel: Lassen Sie uns für einen Moment ignorieren, dass es um Juden und Muslime geht. Gäbe es irgendeine unbedeutende Sekte, die diesen Brauch neu nach Deutschland bringen wollte, dann würde ihr das auf der Stelle verboten. Nach den allgemeinen Kriterien unserer Rechtsordnung ist die mit der Beschneidung verbundene Verletzung des kindlichen Körpers nicht akzeptabel.

BZ: Sollte ein Rechtsstaat nicht religiöse Traditionen achten?

Merkel: So formuliert wirft das die Sachfrage auf, ob sich allein aus dem hohen Alter eines Ritus ein Sonderrecht seiner Anhänger ableiten lässt. Die Antwort lautet: nein. Sonderrechte sind ein Sündenfall des Rechtsstaats.

BZ: Ein Beschneidungsverbot wäre doch ein Eingriff in die Religionsfreiheit?

Merkel: Natürlich schützt das Grundgesetz die Freiheit der Religionsausübung. Aber alle Freiheitsgrundrechte enden, wo das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit anderer beginnt – an deren Körper. Kein Freiheitsrecht ist schrankenlos. Dafür bedarf es nicht einer Abwägung. Wäre es nicht bizarr, wenn Religionsgemeinschaften autonom entscheiden dürften, wann sie in den Körper anderer Menschen eindringen dürfen?

BZ: Und die elterliche Erziehungsfreiheit?

Merkel: Das ist die eigentliche Frage. Bei der Beschneidung kollidiert das Recht der Eltern, ihre Kinder religiös zu erziehen, mit deren Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit. Aber das Grundrecht auf elterliche Erziehungsfreiheit ist kein autonomes Freiheitsrecht der Eltern; es ist ein treuhänderisches Mandat: ein Recht im vorrangigen Interesse der Kinder. Daher endet es zwingend am Kindeswohl.

BZ: Es geht auch um Toleranz: Wo darf der Staat sich einmischen?

Merkel: Der Staat muss sich einmischen, wenn gravierende Verletzungen von Wehrlosen drohen. Er mischt sich im Familienrecht ja auch so weit ein, dass er Eltern verbietet, ihre Kinder zu schlagen. Ohrfeigen sind heute verboten, aber ein irreversibler körperlicher Eingriff wie die Beschneidung sollte fraglos erlaubt sein? Selbstverständlich wollen wir keinen Erziehungsstaat, sondern einen Staat, der Wehrlose schützt.

BZ: Wie gravierend ist der Eingriff denn tatsächlich?

Merkel: Nach meiner Kenntnis werden die allermeisten jüdischen Beschneidungen ohne jede Anästhesie vorgenommen. Das ist nicht nur schmerzhaft für die Neugeborenen, es ist eine Folterqual. Vor 30 Jahren glaubte man noch, Neugeborene fühlten gar nichts. Das ist längst überholt. Der Schmerz muss, darin sind sich alle Experten einig, furchtbar sein.

BZ: Dann müssten Millionen von Männern traumatisiert sein.

Merkel: Es gibt eine Art unbewusstes Schmerzgedächtnis des Körpers. Das ist sehr wohl ein Trauma. Darüber hinaus gibt es medizinische Risiken, sogar Todesfälle. Gemessen an der Zahl der Beschneidungen ist das relative Risiko schwerer Folgen sehr gering. Trotzdem liegt es nicht in einem Bereich, den Strafrechtler für erlaubt halten könnten – weil es keine zwingende medizinische Indikation für diesen Eingriff gibt.

BZ: Was soll der Gesetzgeber tun?

Merkel: Der Staat befindet sich in einer Art rechtspolitischen Notstands. Rein juristisch zu argumentieren, wäre tatsächlich zu wenig. Wir haben den Juden gegenüber eine weltweit besondere Verpflichtung, deren furchtbaren Grund jeder kennt. Daran darf nicht gerüttelt werden. Hier stellt sich tatsächlich ein Problem der Abwägung. Und eigentlich sind die beiden Dinge, die abzuwägen sind, nicht vergleichbar: moralische Pflicht der Politik und Schutzgebot des Rechts. Leider hat der Bundestag offenbar geglaubt, das Ergebnis dieser Abwägung schon zu kennen, bevor er deren Problem verstanden hat.

BZ: Was raten Sie?

Merkel: Auf jeden Fall verbieten muss der Gesetzgeber Beschneidungen ohne Anästhesie. Sie ist barbarisch. Eigentlich müsste sie unter Vollnarkose geschehen. Bei Neugeborenen ist das aber viel zu gefährlich und nur bei medizinisch zwingenden Eingriffen angezeigt. Andere Narkosetechniken lassen aber Wirkungslücken. Daher werden wohl auch in Zukunft Neugeborene mit der Beschneidung furchtbar gequält. Schon die Narkose erscheint gläubigen Juden als Zumutung. Man müsste aber zudem verbieten, dass Beschneidungen weiter von Mohelim (jüdische Beschneider, Anm. der Red.) und im privaten Rahmen durchgeführt werden. Eigentlich sollten das nur Ärzte in der Klinik machen dürfen.

Reinhard Merkel (62) ist Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg.

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4 Antworten zu Ethikrat: Beschneidung ja, aber

  1. An den Diskussionen erkenne ich eindeutig die „Kollektive Zivilisations-Neurose“; die Entfremdung, Verblendung, pathologische Dummheit usw. usw. der zivilisierten Gesellschaft – und nirgendwo den Ansatz von wahrer Weisheit. Die zivilisierte Gesellschaft ist wahrlich geistig tot. Nur noch Zombies…

  2. erna schreibt:

    Die folgenden Aphorismen können leider nur wirkliche Menschen mit einem IQ > 200 verstehen:

    Es gibt nur ein einziges Menschenrecht: das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Wenn sich alle daran halten würden (von „Beschneidung“ über „Mund zukleben“ bis „Kinderausbeutung“)…

    Jeder Körper, der den Mund aufmacht und sagt, es gebe so etwas wie „wir Juden“, ist wohl ein Dummkopf. Denn: es gibt zunächst einmal nur individuelle Körper − von denen die meisten zwar vielleicht sprechen, aber darüber hinaus wohl nicht einmal denken können…

    „Ich habe schon genug mit meinem Menschsein zu tun. Warum muss ich denn auch noch Franzose und Calvinist (etc.) sein?“ (Michel de Montaigne). Wenn also jemand behauptet,
    er sei „Jude“ oder „Deutscher“ (etc.), so ist er letztlich „selber schuld“ (Immanuel Kant, 18.Jh.) − oder noch schlimmer: hat einfach den Montaigne (16.Jh.) nicht gelesen…

    Die Welt sähe schon SEHR VIEL ANDERS aus, wenn jedes Kind gelernt hätte, all diejenigen „Menschen“ als Weichlinge zu verachten, die immer noch glauben, sich AUCH NOCH als
    „Juden“, „Deutsche“, „Buddhisten“ oder „Bayern-Fans“ (etc.) bezeichnen zu müssen. –

    Wenn jeder Idiot begriffen hätte, wie „soziale“ Phänomene (Empathie, Theory of Mind, Bindungen, Faschismen, Initiationsriten, Gruppendruck, Völkismus, Nationalismus, Nationalsozialismus, Religionen) entstehen, so gäbe es keine „unbewussten“ „sozialen“ Phänomene mehr…

    Ach wie schön war doch noch die Steinzeit: keine Ländergrenzen, keine Parteien, keine „Nationen“, keine „Identitäten“, kein „wir Juden“, keine „die Deutschen“, kein „unser Volk“, kein „Reich“, etc.

    Die Religion einer Pop(p)ulation ist die Er-Zeugung einer Stabilität, die es ausserhalb dieser Pop(p)ulation vermutlich gar nicht gibt…

    Zum Angriff Israels („Juden“) auf den Iran („Arier“):
    Wann werde ich endlich in einer intelligenten Welt leben können ohne diesen jüdisch-christlich-muslimisch-kapitalistisch-kommunistisch-faschistisch-hypersozial-hypermedial-politisch-juristisch-wissenschaftlichen Blödsinn überall?
    Geht lieber Karotten und Bäume pflanzen!

    • Thomas G. schreibt:

      Hallo und vielen Dank für den Artikel, ich habe heute einen offenen Brief an den Ethikrat zum Thema geschrieben. Wenn sie ihn weiterreichen wäre das im Sinne der Kinder. http://blog.hermeneutik.org/

    • Ich verstehe sehr gut – und mein IQ ist UNTER 200!
      ABER: „Karotten und Bäume pflanzen“ löst das Problem nicht, mit dem wir es im – tiefsten – Grunde, zu tun haben.
      Nein, es ist kein „natürliches“ menschliches Problem, sondern ein „un-natürliches“:
      Eine Krankheit.
      Dummerweise eine Krankheit, die sich genau dort im Menschen ausbreitet, wo er seit Jahrtausenden – seit Beginn von „Zivilisation“ – immer weniger Aufmerksamkeit / Bewußtsein hingibt: im Unbewußten.
      Folglich ist dieser „Stall“ im Lauf der Zeit immer mehr verwahrlost und wer doch mal durch die „Tür“ schaut, sieht den vielen „Mist“ und wird durch den „Gestank“ angeekelt und davon abgehalten, hier eine Grundreinigung vorzunehmen.
      Das „Know-How“, wie man hier DENNOCH erfolgreich, grundlegend-nachhaltig und mit ungeahnten Vorteilen reinigen kann, liefert HERAKLES – mit der Geschichte der Reinigung vom Augias-Stall.
      Ich habs gemacht wie er – und kann die Methode nur empfehlen!
      Viel Erfolg!

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