Jahr des Glaubens und „Geist des Konzils“

Ich möchte hier einige Auszüge aus dem aktuellen Rundbrief (2012/9+10) der Katholischen Glaubensinformation der Erzdiözese Wien bringen:

Papst Benedikt XVI. hat aus Anlass der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren ein „Jahr des Glaubens“ ausgerufen. Es beginnt am 11. Oktober 2012 und dauert bis zum Christkönigssonntag, dem 24. November 2013. …

Vorweg in geraffter Darstellung das Ziel dieses „Jahres des Glaubens“, wie es der Heilige Vater selbst formuliert hat: Wir erleben eine Krise des Glaubens. Denn der Mensch hat sich von Gott entfernt. Deshalb ist es notwendig, den Weg des Glaubens wieder zu entdecken. Dazu sollen vorrangig die authentischen Konzilstexte sowie der Katechismus helfen. Sie bieten einen „sicheren Kompass“, auf dem Weg des Glaubens voranzuschreiten und die heute so notwendige Evangelisierung in Angriff zu nehmen. Dazu müssen wir Gott wieder in die Mitte des Lebens stellen. Diese „Reform“ muss mit der Umkehr des eigenen Herzens beginnen. Dann kann Gott durch Seinen Geist eine Erneuerung der ganzen Kirche schenken!

Es wird in diesem Jahr zahlreiche Initiativen geben. …

Vor fast 30 Jahren hat Dr. Madinger aufgerufen, die „Türkenglocken“ zu läuten. Er hat an den 12. September 1683 erinnert, als die Türken Wien und letztlich Europa gewaltsam islamisieren wollten. Damals rief der Kaiser dazu auf, überall in ganz Österreich sollten die Leute beim Läuten der Glocken auf den Knien Gott bitten, dass uns der katholische Glaube erhalten bleibe. Unser Angelus-Läuten in der Früh, mittags und abends geht darauf zurück. Mit der Unterstützung des Polenkönigs Sobieski hat damals das kaiserliche Heer auf die Fürbitte der Muttergottes am Fuße des Kahlenberges einen kampflosen Sieg errungen: Völlig überraschend ist das mohammedanische Heer Hals über Kopf abgezogen!

Die „Türkenglocken“, die Dr. Madinger 1983 ausgerufen hat, waren das „Nachtgebet“. Denn der Glaube ist auch in unseren Tagen in Gefahr. Der Krise des Glaubens gilt es entgegenzuwirken. …

Das „Jahr des Glaubens“ — ein Gnadenangebot Gottes!

Es ist nicht das erste Mal, dass die Kirche ein Jahr des Glaubens feiert. Schon 1967, zwei Jahre nach Beendigung des Zweiten Vatikanischen Konzils, hat Papst Paul VI. ein ähnliches Jahr ausgerufen. Es war jene Zeit, in der manchmal in einem falschen Verständnis des Konzils nicht nur manches Erstarrte und Veräußerlichte zurück­gelassen wurde, sondern gleichsam auch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde, nämlich der Glaube! Aber es war zugleich jene Zeit, in der die so genannte Kulturrevolution der späten 1960er Jahre auf einen Höhepunkt zusteuerte: Man wollte frei sein von allen Verpflichtungen, frei sein von Zwängen, man wollte sich nichts sagen und sich nicht einschränken lassen. Damals sind manche große Orden auf ein Drittel reduziert worden, weil so viele Ordensleute, vielfach auch Priester, ihr bisheriges Leben aufgaben. Der Mensch wollte von nun an selbst alles in die Hand nehmen, sich seine Ordnung selber machen. Niemand sollte ihm mehr dreinreden, nicht sein Gewissen und auch nicht Gott!

Diese „Abschaffung“ von Gewissen und von Gott hat zu jener Säkularisierung (Verweltlichung) und jetzt auch zum Relativismus („es gibt keine absolute Wahrheit“) geführt, unter deren Folgen wir bis heute leiden. Papst Paul VI. hatte sehr früh erkannt, dass der Glaube in Gefahr ist. Deshalb hat er aus Anlass der 1900-Jahr-Feier des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus versucht, den gro­ßen Umwälzungen jener Zeit mit einem „Jahr des Glaubens“ entgegenzuwirken.

Papst Benedikt XVI. hat nun ebenso ein „Jahr des Glaubens“ ausgerufen. Er wähl­te als Beginn den 50. Jahrestag der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils, weil er darauf verweisen wollte, dass die hinterlassenen Texte „weder ihren Wert noch ihren Glanz verlieren. Sie müssen auf sachgemäße Weise gelesen werden, damit sie aufgenommen und verarbeitet werden können.“1 Papst Benedikt ist sich mit seinem Vorgänger sicher, dass das Konzil eine große Gnade war, „in deren Genuss die Kirche im 20. Jahrhundert gekommen ist. In ihm ist uns ein sicherer Kompass geboten worden, um uns auf dem Weg des jetzt beginnenden Jahrhunderts zu orientieren.“2 Schon we­nige Monate nach seiner Wahl hatte er in Bezug auf das Konzil gesagt: „Wenn wir es mit Hilfe der richtigen Hermeneutik (Auslegung) lesen und rezipieren, dann kann es eine große Kraft für die stets notwendige Erneuerung der Kirche sein und immer mehr zu einer solchen Kraft werden.“3

Es gibt Leute, die fragen, ob das Konzil schuld sei an manchen Verirrungen, die ihm folgten. Wenn man das Konzil in jenem Geist, in dem das Konzil gehalten wurde, ehrlich und richtig, also „authentisch“ interpretiert und auslegt, scheint eine andere Antwort viel schlüssiger: Wahrscheinlich ist durch die Entscheidung Johannes‘ XXIII., ein Konzil abzuhalten, noch größerer Schaden von der Kirche ferngehalten worden! Kardinal Ratzinger sagte als Präfekt der Glaubenskongre­gation: „Es handelt sich um eine echte Krise, die behandelt und kuriert gehört. Ich bekräftige sodann auch, dass für diese Heilung das II. Vatikanum eine Realität ist, die voll akzeptiert werden muss … So wird also sichtbar, dass die Rückkehr zu den Dokumenten von besonderer Aktualität ist: Sie bieten uns das richtige Instrumentarium, um die Probleme von heute in Angriff zu nehmen. Wir sind dazu aufgerufen, die Kirche nicht trotz, sondern dank des wahren Konzils wieder zu erbauen.“4 Und zum Pochen mancher auf den sogenannten „Geist des Konzils“ meinte er: „Diesem ‚wahren Konzil‘ stellte man schon während der Sitzungen und mehr und mehr dann in der darauffolgenden Zeit einen angeblichen ‚Geist des Konzils‘ entgegen, der in Wirk­lichkeit ein wahrer ‚Ungeist‘ ist. Nach diesem Konzils-Ungeist wäre alles, was ,neu‘ ist (oder angeblich neu ist. Denn wie viele alte Häresien sind in diesen Jahren wieder aufgetaucht, die als Neuheit ausgegeben wurden!), immer und in jedem Fall besser als das, was gewesen ist oder was ist. Es ist der Ungeist, der die Kirchengeschichte erst mit dem II. Vatikanum als einer Art Nullpunkt beginnen lässt.“5

Mit der Anpassung des Evangeliums an unsere Zeit, dem „aggiornamento“, wollte der selige Johannes XXIII. durch das Konzil ein „Ver-heutigen“ der Lehre der Kir­che erreichen. Aber nach Papst Benedikt wollte „das II. Vatikanum sicher nicht den Glauben ,ändern‘, sondern ihn in wirksamer Weise neu vergegenwärtigen.“6

Damals, teils bis zum heutigen Tag, haben sich viele Katholiken beinahe unge­hemmt und unkontrolliert der Welt zu öffnen begonnen und versucht, das moder­ne Denken in der Art und Weise der Welt in die Kirche hereinzulassen. Auf Kosten dieses oft weltlichen Denkens wurde nach und nach so manche Glaubenswahrheit verkürzt. Natürlich gibt es viele positive Ansätze und auch eine berechtigte Öff­nung. Das II. Vatikanum wollte zurecht eine neue Sicht in der Beziehung von Kirche und Welt, und doch gibt es zwischen beiden unaufgebbare Unterschiede. Nach der Phase des wahllosen ,Sich-Öffnens‘ ist es an der Zeit, dass sich der Christ wieder bewusst wird, einer Minderheit anzugehören und oft zu dem in Kontrast zu stehen, was das Neue Testament „den Geist der Welt“ nennt.7

Wie sieht der Papst eine echte „Reform“ aufgrund des II. Vatikanischen Konzils? Worin be­steht der Kern einer Erneuerung? Was kann das Jahr des Glaubens dazu beitragen?

Papst Benedikt XVI. bläst sowohl als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongre­gation als auch jetzt als Papst ins selbe Horn: Er betont, dass ein Konzil verschie­dene Phasen der Annahme kennt. Ob es ein wirklich großes Konzil in der Kir­chengeschichte war, wird man daran erkennen, ob es große Heilige hervorbringt. …

(1) Motu proprio „Porta fidei“ von Papst Benedikt XVI., mit dem das „Jahr des Glaubens“ ausgerufen wurde, Punkt 5
(2) „Porta fidei“, Punkt 5
(3) „Porta fidei“, Punkt 5
(4) Joseph Kardinal Ratzinger, Zur Lage des Glaubens, Ein Gespräch mit Vittorio Messori, Verlag Neue Stadt GmbH, München 1985, S. 32
(5) Zur Lage des Glaubens, Seite 32f.
(6) vgl. Zur Lage des Glaubens, Seite 33
(7) vgl. Zur Lage des Glaubens, Seite 34f.

Was gerade auch nach dem Konzil manchmal passiert ist, schildert der damalige Präfekt der Glaubenskongre­gation Kardinal Ratzinger so: „Auch in einigen religiösen Orden und Kongregationen hat man die wahre Reform mit der Lockerung der bis dahin praktizierten Strenge verwechselt. Man hat die Erneuerung mit Bequemlichkeit verwechselt. Um ein kleines konkretes Beispiel zu nennen: Ein Ordensmann hat mir berichtet, dass die Auflösung seines Klosters ganz konkret damit begonnen hatte, dass man das Aufstehen zum nächt­lichen Stundengebet für ,nicht mehr praktikabel‘ erklärt hatte. Soweit gut, dieses unbe­strittene, aber bedeutsame ,Opfer‘ war dadurch ersetzt worden, dass man aufblieb, um bis spät in die Nacht hinein fernzusehen. Eine scheinbare Kleinigkeit: Aber auch aus diesen ‚Kleinigkeiten‘ setzt sich der augenblickliche Verfall der unaufgebbaren Strenge des christlichen Lebens, angefangen von dem der Ordensleute, zusammen.“ 1

(1) Joseph Kardinal Ratzinger, Zur Lage des Glaubens, Ein Gespräch mit Vittorio Messori, Verlag Neue Stadt GmbH, München 1985, S. 32

… Das II. Vatikanum verabschiedete vier Konstitutionen: Jene über die Feier der heiligen Liturgie (Konstitution „Sacrosanctum Concilium“), über das göttliche Wort (Dogmatische Konstitution „Dei Verbum“), über das innere Wesen der Kir­che (Dogmatische Konstitution „Lumen gentium“) und ihre Beziehung zur Welt von heute (vgl. Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“). „Diese vier Konstitutionen sind die wahren Säulen des Konzils, um die herum sich die Erklärungen und Dekrete gruppieren, die einige der wichtigeren Herausforderungen der Zeit behandeln.“1

Papst Benedikt regt an, die Konzilstexte wieder neu zu lesen. Denn wenn man die Konzilstexte im rechten Geist liest und betrachtet, so sagte er vor kurzem der Italienischen Bischofskonferenz, dann könne die Kirche eine Antwort auf die gro­ßen sozialen und kulturellen Umwälzungen unserer Zeit geben. Die Folgen dieser Umwälzungen seien auch im religiösen Bereich sichtbar. Die Säkularisierung führt den Menschen dazu, so zu leben, als ob es Gott nicht gäbe. Sie ist eine Sicht des Menschen und der Welt ohne Bezug zum jenseitigen Leben. So wird „das kultu­relle Gewebe zerstört“, das bis vor kurzem noch die ganze Menschheit zu umspan­nen vermochte. …

(1) Kongregation für die Glaubenslehre, Note mit pastoralen Hinweisen zum Jahr des Glaubens, 6. Jänner 2012, Einführung

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Eine Antwort zu Jahr des Glaubens und „Geist des Konzils“

  1. Das „kulturelle Gewebe“ wird seit ca. 10.000 Jahren von „Motten“ zerfressen. So lange schon „frißt“ die „Kollektive Zivilisations-Neurose“ an der feinstofflichen Substanz der Bewußtseine der Menschen; von daher kommt die Entfremdung und die Orientierungslosigkeit, die von Jesus am Kreuz angesprochen wird im „…denn sie wissen nicht, was sie tun“.
    Also auch damals schon und NOCH früher – wie bei Moses – haben Menschen bewußt miterlebt, wie ihre Mitmenschen als Opfer des „Übels“, der „Sünde“, der „Neurose“ drauf waren und zu erkennen gaben durch ihr Denken, Reden und Tun, wie sich diese Krankheit auswirkt.
    Die Befallenen jedoch verweigern üblicherweise die Erkenntnis ihres Befallen- und Beeinträchtigtseins. Das hat dazu geführt, dass diese Krankheit sich über so lange Zeit und durch etliche („Hoch“-)Kulturen hindurch weiter ausbreiten und in den befallenen Völkern vertiefen konnte und die unsäglichsten Perversitäten hervorrufen.
    Ein vorläufiger negativer Höhepunkt der „Kollektiven Zivilisations-Neurose“ war die „Kollektive Psychose“ zwischen 1933 und 1945 – als eine der immer wieder ausbrechenden kollektiven Dekompensationen der kollektiven Neurose.
    Diese Krankheit ist grundlegend-nachhaltig HEILBAR!
    Aber um sie heilen zu können, muss man zunächst einmal EINSICHTIG werden!
    DANN erst wird es möglich, die inneren „Schalter“ zu betätigen, die das Übel beseitigen.

    Wenn „die Kirche“ mithelfen will, muss sie dazu auch das eine oder andere Dogma fallen lassen, den einen oder anderen Anspruch bzw. Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung in der Kirche oder auf die Kirche.
    Wäre die Kirche als Organisation bereit, sich in Frage zu stellen und erforderlichenfalls auch aufzulösen, wenn dass erforderlich wäre, um die Menschen zu Gott zurückzuführen?

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