Beschneidungspläne: Kinderärzte entsetzt

Ärzte-Zeitung: Pädiater entsetzt über Eckpunkte  (26.9.):

Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger hat Eckpunkte für eine Regelung der Beschneidung von Jungen vorgelegt. Muslime und Juden sind voll des Lobes — die Kinderärzte entsetzt.

Das Eckpunktepapier des Bundesjustizministeriums (BMJ) zur Beschneidung stößt auf sehr unterschiedliche Reaktionen. Besonders ablehnend reagiert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.

„Wir sind entsetzt“, sagte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Dr. Wolfram Hartmann, am Mittwoch der „Ärzte Zeitung“.

„Das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit soll dem Elternrecht untergeordnet werden“, das sei nicht zu akzeptieren, so Hartmann.

… Der BVKJ hat auch deswegen mit den Eckpunkten Probleme, weil diese sich auf eine Stellungnahme der Amerikanischen Akademie der Kinderärzte (AAP) vom August dieses Jahres beziehen.

Dort heißt es nach Angaben des BVKJ unter anderem, die gesundheitlichen Vorteile beschnittener Neugeborener seien größer als die Risiken (Pediatrics 2012; 130: 585).

Laut BVKJ haben mittlerweile weltweit 30 pädiatrische Verbände dieser Auffassung widersprochen. Die Stellungnahme der AAP sei durch Forschungsergebnisse nicht belegt, so der Verband.

Kommentatorenstimmen:

In Deutschland ist das Brandmarken von Pferden, um deren Zugehörigkeit zum Stall zu demonstrieren, verboten. Das Beschneiden zum Demonstrieren der Religion bei Menschen nicht. …

… Wieweit will Deutschland denn noch gehen, nur um zwei Religionsgemeinschaften aus schlechtem Gewissen vorauseilenden Gehorsam zu leisten?

Ergänzung:

Birgitta vom Lehn: http://www.berliner-zeitung.de/wissen/beschneidung-schaden-durch-narkose-,10808894,19079396.html  (27.9.):

Eine Studie zeigt, dass schon ein harmloser Eingriff bei Kleinkindern negative Auswirkungen auf die sprachliche und geistige Entwicklung haben kann. Denn die Betäubung wirkt lange nach — auch bei Beschneidungen.

… Eine Studie, die US-amerikanische und australische Wissenschaftler soeben in der Zeitschrift Pediatrics veröffentlicht haben, zeigt nun, dass diese Schmerzfreiheit selbst bei einem relativ harmlosen Eingriff wie der Zirkumzision für das Kind langfristige Folgen haben kann. Wer vor seinem dritten Geburtstag eine Betäubung erfahren hatte, konnte sich demnach im Alter von zehn Jahren schlechter sprachlich ausdrücken und hatte geringere geistige Fähigkeiten, was etwa abstraktes Denken betraf. …

http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/Aerzte-warnen-vor-Folgen-von-Beschneidung-bei-Jungen;art1157828,1629671  (12.9.):

Ärzte und Menschenrechtsorganisationen haben vor den Folgen der Beschneidung bei jüdischen und muslimischen Jungen gewarnt und Aufklärung über die Folgen des Brauchs gefordert.

Die Entfernung der Vorhaut am Penis von Neugeborenen könne erhebliche körperliche und psychische Schäden haben, sagte Ulrich Fegeler, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, am Mittwoch in Berlin. Der Schnitt sei mit erheblichen Schmerzen verbunden. Vorhautamputationen seien ein schwerwiegender Eingriff, sagte der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann.

… Der Israeli Eran Sadeh, Gründer der Schutzorganisation „Protect the Children“, meinte am Mittwoch, das Leiden der Juden im Holocaust dürfe keine Begründung dafür sein, die Debatte über die Beschneidung zu unterdrücken. Sadeh berichtete von eigenen traumatischen Erfahrungen mit der Beschneidung.

Ergänzung:

N24: Vetorecht für Kinder bei Beschneidungen gefordert:

In der Beschneidungsdebatte hat der Kinderschutzbund ein gesetzlich verankertes Vetorecht für Kinder im Grundschulalter gefordert. „Sie müssen vom Arzt nach fachlicher Aufklärung gefragt werden, ob sie mit der Beschneidung einverstanden sind“, forderte Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers mit Blick auf das von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) geplante Gesetz. Im vorgelegten Eckpunktepapier komme das Beteiligungsrecht der Kinder zu kurz.

Das Beteiligungsrecht der Kinder werde darin „indirekt erwähnt, aber leider nicht ausdrücklich“, sagte Hilgers der „Passauer Neuen Presse“. Eltern, die ihre Söhne beschneiden lassen, sollten zwar „nicht kriminalisiert“ werden. Laut Bürgerlichem Gesetzbuch und UN-Kinderrechtskonvention müssten Eltern aber die Meinung ihres Kindes bei allen sie betreffenden, wichtigen Entscheidungen berücksichtigen. Gerade bei muslimischen Kindern türkischer Herkunft, die häufig erst mit sechs, sieben oder acht Jahren beschnitten würden, müsse es ein Mitspracherecht bei einem solch schweren „Eingriff in die körperliche Unversehrtheit“ geben, sagte Hilgers.

http://www.badisches-tagblatt.de/html/unterticker/00_20120927144237_Debatte_ueber_Beschneidung_geht_weiter___Abgeo.html

Die kinderpolitischen Sprecher von SPD, Grünen und Linken im Bundestag haben sich gemeinsam gegen den Entwurf des Justizministeriums zur Regelung der Beschneidung gewandt. Dem Vorschlag könne man nicht zustimmen, heißt es in der Erklärung. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hatte vorgeschlagen, die Beschneidung jüdischer und muslimischer Jungen unter bestimmten Voraussetzungen straffrei zu stellen. Entscheidend sollen die fachgerechte Ausführung und umfassende Aufklärung sein.

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4 Antworten zu Beschneidungspläne: Kinderärzte entsetzt

  1. Lisje Türelüre aus der Klappergasse schreibt:

    Hat dieser BVKJ wirklich etwas anderes erwartet? Sind die erst jetzt aus dem Tiefschlaf erwacht?
    Traurig ist, daß sich die jüdische Gemeinschaft in Deutschland mit unseren Feinden verbündet.

  2. Die pathologische Unweisheit, „Der Wahnsinn der Normalität“ (Arno Gruen), die „Kollektive Zivilisations-Neurose“, zeigt sich immer, immer wieder vor allem in den politischen Entscheidungen – und das wird im Laufe der Zeit immer schlimmer – wie es Krankheiten so an sich haben.

  3. Pingback: Beschneidung: Fachpolitiker gegen Eckpunktepapier | Kreidfeuer

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