Gerald Hüther: Langeweile besser als Frühförderung

WELT: „Hochbegabung ist mehr als gute Schulnoten“ (2.10.):

Der Hirnforscher Gerald Hüther erklärt, warum im Grunde jedes Kind hochbegabt ist – und warum Langeweile mehr bringt als exzessive Frühforderung mit Französischkurs im Kindergarten.

… Kinder bringen eine Vielzahl von Anlagen mit, Vernetzungsoptionen im Gehirn, die besondere Begabungen bedingen. Nur ein geringer Bruchteil davon wird realisiert. Die meisten Eltern finden nie heraus, ob ihr Kind ein toller Tüftler, begnadeter Tänzer oder großer Entdecker werden könnte. Sie schauen nur mit dem besorgten Blick des Vaters, der Mutter und fragen, ob das Kind denn früh genug läuft, spricht und später gut in der Schule ist. Für Kinder ist es eine unendlich traurige Erfahrung, wenn nicht gesehen wird, was wirklich in ihnen steckt.

… Ein Kind ist auch dann hochbegabt, wenn es besonders einfühlsam ist, kreativ oder beharrlich. Und sollte ein Junge, der extrem gut auf Bäume klettern kann, minder begabt sein als ein Gleichaltriger, der komplizierte mathematische Aufgaben löst? Wir müssen lernen, Kinder in ihrer wunderbaren Einzigartigkeit wahrzunehmen, damit bei den Kleinsten anfangen.

… Im Grunde ist die ganze Kindheit davon geprägt, dass Kinder herausfinden, was sie alles können und wer sie selbst sind. Dafür muss man ihnen Raum geben, Spielräume schaffen, Freiräume, in denen sie nicht mit Erwartungen, Absichten, Zielen oder Ideen von außen konfrontiert werden. So komisch es klingt, aber für die Entwicklung des Gehirns ist Langeweile wesentlich besser als gut gemeinte Frühförderung.

… Mit all den Frühförderprogrammen kann man meist nur kurzfristig Effekte erzielen, langfristig ruiniert man die Lust am Lernen, da das Kind nur auf das reagiert, was von außen kommt.

Wer hingegen Langeweile hat, fängt an zu überlegen, was er als Nächstes tun möchte, und kommt so den eigenen Fähigkeiten auf die Spur. Das Problem ist, dass Eltern oder Erzieher die Kinder in gewissem Sinn für defekt halten. Sie wollen sie trainieren, dass etwas aus ihnen wird, möglichst viel aus ihnen herausholen.

Aber Kinder haben das nicht verdient. Sie wollen von klein auf Verantwortung übernehmen, sie haben eigene Erinnerungen, Erfahrungen, Fertigkeiten und Ziele. Sie sind freie Menschen, nicht verfügbar. Kinder sind Adler, keine Suppenhühner.

… Was Eltern auf jeden Fall brauchen, ist genug Zeit für ihre Kinder und Geduld. Sie sollen mit ihren Kindern singen, tanzen, Geschichten erzählen.

Das klingt banal, aber so einfach ist es. Beim Märchenvorlesen in angenehmer Atmosphäre, am besten mit einer Kerze, sind Kinder entspannt und konzentriert zugleich, sie fiebern mit, wenn der Erzähler selbst begeistert, betroffen, bestürzt oder erschüttert ist. Sie sind emotional angesprochen und aufs Engste mit dem Lesenden verbunden.

So lernen Kinder mehr als mit allen ausgefeilten didaktischen Verfahren. Gerade bei Kleinkindern ist eine enge Bindung wichtig, um zu wachsen, zu lernen, um frei und autonom werden zu können. In Krippengruppen mit 14 Kindern und zwei Erziehern, die womöglich noch wechseln, kann das nicht geleistet werden.

Die Welt: Also wäre Ihnen Betreuungsgeld lieber als mehr Krippenplätze?

Hüther: Für manche Kinder ist die Krippe besser als nichts. Notwendig wäre es aber, dass sich eine Person um nicht mehr als fünf Kinder kümmert. Oft ist es aber besser, wenn sich die Eltern mehr Zeit nehmen …

… Es zahlt sich langfristig immer aus, wenn man Zeit in die Kinder investiert, vor allem dann, wenn sie klein sind. Dafür muss man an anderer Stelle Opfer bringen. Es ist eine Lüge, dass man Familie und Karriere ohne Probleme vereinen kann.

… Im Übrigen hat man mit größeren Kindern weniger Probleme und mehr Freiraum für den Beruf, wenn man in der frühen Kindheit eine feste Bindung aufgebaut hat.

… Beispiel: Ein Einjähriger findet ein zusammengeknülltes Stück Papier. Wenn er noch nicht weiß, was es ist, wird er die Kugel auf den Boden werfen, auseinanderfalten, zerreißen, zerkauen, um herauszufinden, wie sie beschaffen ist. Später erforscht er, was man mit dem Papier macht.

So wird die Welt nach und nach spielerisch erkundet. Darin müssen Kinder bestärkt werden. Wenn Eltern genervt das Papier in den Müll schmeißen, ist der Spaß vorbei. Dabei ist genau solche Begeisterung maßgebend für erfolgreiches Lernen – in jedem Alter.

… Begeisterung ist der wichtigste Treibstoff für die Entwicklung des Gehirns. Wenn eine Entdeckung unter die Haut geht, werden emotionale Zentren im Mittelhirn aktiviert. Dann setzen diese Zellgruppen vermehrt sogenannte neuroplastische Botenstoffe aus. Sie wirken wie Dünger auf die neuronalen Netzwerke.

Nervenzellen produzieren vermehrt Eiweiße, die für Neubildung und Stabilisierung von Nervenzellkontakten gebraucht werden. Deshalb lernen Kinder, aber auch Erwachsene immer dann besonders gut, wenn sie begeistert sind. Kinder sind allerdings bis zu 50 Mal am Tag begeistert. Viele Erwachsene bestenfalls einmal.

… Deshalb schaden Erwachsene sich selbst, wenn sie Kinder als Störfaktoren in der Nachbarschaft, im Dorf sehen. Kinder inspirieren und bringen Dinge ins Leben zurück, die man mit den Jahren verloren hat: die Freude am Alltäglichen, die Lust am Entdecken, Gestalten.

… Wenn ein Land wirtschaftlich erfolgreich sein will, braucht es kreative Querdenker.

Dafür müssen Kinder lernen, sich selbst zu disziplinieren und aus eigener Motivation zu lernen. Wenn Schüler gemeinsam an einem Projekt arbeiten, das sie begeistert, sind sie bereit, sich selbst zurückzustellen, eigene Impulse zu kontrollieren, Frustration auszuhalten, sich in andere hineinzufühlen.

… Schule müsste komplett neu organisiert, neu gedacht werden. Aber ich denke, dass Schule schon in sechs Jahren ganz anders sein kann als heute. Wir müssen nicht warten, bis sich die Vorgaben von oben ändern. Eltern müssen sich mit Lehrern verbünden, die häufig genauso frustriert von dem System sind wie sie selbst.

… Die modernen Medien sind wunderbare Werkzeuge, um großartige Werke zu vollbringen. Man kann mit ihnen recherchieren, gestalten oder sie als Wissensspeicher nutzen. Schwierig wird es erst dann, wenn der PC benutzt wird, um seinen Frust loszuwerden oder mit einem Knopfdruck die Langeweile zu vertreiben, ohne selbst aktiv zu werden.

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Eine Antwort zu Gerald Hüther: Langeweile besser als Frühförderung

  1. heureka47 schreibt:

    Kinder sind „selbstprogrammierende“ Wesen; sie kommen mit einem natürlichen Lerntrieb und einem „Handwerkskasten“ an Anlagen und Fähigkeiten dazu auf die Welt. Jeder Versuch, ihr Lernen nach den Vorstellungen anderer zu „strukturieren“ ist ein störender Eingriff. Am meisten stört natürlich die „Kollektive Zivilisations-Neurose“ der zivilisierten Gesellschaft, die den wichtigsten Faktor für das Lernen der Kinder bei den „Erwachsenen“ stört oder völlig unterbindet: Liebe. Und dementsprechend: Weisheit.

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