Pervertierung des Familienberichts

Johannes Resch (FreieWelt.net): Die ursprüngliche Absicht der Familienberichte wurde pervertiert  (15.10.):

Aus der ursprünglich praktizierten kritischen Begleitung der Familienpolitik durch unabhängige Wissenschaftler ist inzwischen eine Art „Hofberichterstattung“ im Dienste der Bundesregierung geworden.

Während die ersten fünf Familienberichte(1) scharfe Kritik an der Familienpolitik der jeweiligen Bundesregierungen übten, kam der 7. Bericht (2006) wie eine Art Hofberichterstattung für die Bundesregierung daher. Der 8. Bericht (2012)(2) liest sich sogar in weiten Teilen wie ein Forderungskatalog der Wirtschaft an die Familien. Er ist vor dem Hintergrund der bisherigen Familienberichterstattung zu beurteilen.

Die Berichte 1 bis 5 (1968, 1975, 1979, 1986, 1994) zeigten nachdrücklich die mit der Kinderzahl zunehmende Benachteiligung der Familien auf. Schon im 2. Bericht wurde zum Abbau des bestehenden Gerechtigkeitsdefizits eindringlich ein Erziehungsgeld zur Honorierung der Erziehungsarbeit gefordert. Der 5. Bericht geißelte die „strukturelle Rücksichtslosigkeit unserer Gesellschaft“ gegenüber Familien, die insbesondere im Sozialrecht, namentlich dem Rentenrecht, begründet ist. Er wies darauf hin, dass „maximal 25 %“ dieses Nachteils durch den völlig unzureichenden „Familienlastenausgleich“ kompensiert werden.

Der 6. Bericht (2000) war der Situation der Migrantenfamilien gewidmet. Hier wurde die alle Familien betreffende und im 5. Bericht beschriebene „strukturelle Rücksichtslosigkeit“ nicht thematisiert.

Der 7. Bericht (2006) unter dem Titel „Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik“ stellt eine deutliche Zäsur dar. Im Vorfeld wurden „die relevanten gesellschaftlichen Akteure“ befragt, welche Themen dieser Bericht behandeln solle. Wenngleich bei deren Aufzählung „Familienverbände, Kirchen, Gewerkschaften und Wirtschaft, Politik und Wissenschaft“(3) die Familienverbände als erste genannt sind, wird deutlich, dass vor allem Institutionen befragt wurden, die die bisherige Politik geprägt oder mitgeprägt hatten. Familienverbände spielten dabei eher eine Randrolle. Bei diesem Bericht sollte wohl eine sachorientierte, wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung vermieden werden, die nach den bisherigen Berichten die Bundesregierungen in Verlegenheit gebracht hatte. Tatsächlich wurde zu der im 5. Bericht beschriebenen „strukturellen Rücksichts­losigkeit gegenüber Familien“ überhaupt nicht mehr Stellung genommen. Stattdessen wurden Maßnahmen empfohlen (wie das einkommensabhängige Elterngeld), die von der Regierung schon längst konzipiert waren. Damit wurde der 7. Bericht zu einer Art „Hofberichterstattung“ für die Bundesregierung.

Nach dieser Entwicklung der Berichterstattung war auch vom 8. Familienbericht, der im März 2012 unter dem Titel „Zeit für Familie“ veröffentlicht wurde, keine sachliche Kritik zu erwarten. Von den acht beauftragten Kommissionsmitgliedern kamen fünf aus Bereichen der Arbeitsmarktforschung, wobei die Familienarbeit bekanntlich nicht zum „Arbeitsmarkt“ gezählt wird. Die drei übrigen sind Fachleute für Frühpädagogik, Gerontologie (Altersforschung) und Bevölkerungsforschung. Es gab in der Kommission zum 8. Familienbericht also niemanden, der als Vertreter umfassender Familienwissenschaft gelten könnte. Auch die kinderärztliche Kompetenz fehlt im Bericht völlig.

Ganz im Sinne des regierungsamtlichen Gender Mainstreamings nehmen Vergleiche zur Arbeitsverteilung zwischen Frauen und Männern einen großen Raum ein. Das Kindeswohl dagegen ist kaum Gegenstand der Überlegungen, obwohl es ursprünglich Ausgangspunkt für die Familienberichterstattung war.

Der Bericht könnte in weiten Passagen auch im Auftrag der Wirtschaft geschrieben worden sein. Es wird zwar nicht bestritten, dass „Zeit für Familie“ erforderlich ist, aber die entscheidende Frage, ob Eltern mehr Zeit für ihre Kinder brauchen, wird nicht gestellt. Stattdessen werden Wege gesucht, wie Defizite im Zeithaushalt der Eltern wegorganisiert werden können. Dass Familienarbeit – das heißt, der Umgang mit Kindern – nicht vergleichbar durchorganisiert werden kann wie die Abläufe in einer Fabrik oder einem Büro, ist den offensichtlich betriebswirtschaftlich geschulten Wissenschaftlern fremd.

… Die alte Volksweisheit „Zeit ist Geld“ bleibt von der Kommission unbeachtet. Es interessiert nicht, dass Eltern, die nicht unter Zeitknappheit leiden, das in der Regel durch niedrigeres Einkommen erkaufen müssen.

Die aktuelle Frage: „Warum leiden Eltern unter Zeitknappheit?“ war in der älteren Literatur noch kein Thema. Der Schlüssel liegt in unserem Sozialsystem: Früher verursachten Kinder zwar ebenso viel Arbeit wie heute. Aber die Eltern erarbeiteten durch die Erziehung ihrer Kinder gleichzeitig ihre Altersversorgung, da sie in der Regel später von ihren Kindern versorgt wurden. Menschen ohne Kinder mussten dagegen die Energie, die Eltern für ihre Kinder brauchten, in zusätzliche Erwerbsarbeit stecken, um sich eine den Eltern vergleichbare Alters­sicherung zu erarbeiten. So waren Eltern und Kinderlose bei vergleichbarem Arbeitseinsatz in ihrem Alter auch vergleichbar abgesichert. Erst unser Sozialrecht, insbesondere die gesetzliche Rentenversicherung, hat Eltern zu den Verlierern der Gesellschaft gemacht. – Diese Tatsache war Gegenstand der ersten fünf Familienberichte, wird aber im 7. und 8. Bericht völlig ignoriert. Selbst eine Leugnung der noch im 5. Familienbericht beschriebenen „strukturellen Rücksichtslosigkeit gegenüber Familien“ hätte ja einer Begründung bedurft.

Es ist von einer gewissen Brisanz, dass die vermutlich von Wirtschaft und Bundesregierung gewünschte Tendenz dieses Berichts zur Mobilisierung letzter Arbeitsreserven der Eltern für den Erwerbsarbeitsmarkt eine Folge des Geburtenrückgangs ist, der seinerseits weitgehend als Folge der Benachteiligung der Eltern in den letzten Jahrzehnten anzusehen ist. Trotzdem empfiehlt der Bericht nicht den Abbau der Benachteiligung von Eltern. Im Gegenteil: Sie sollen unter noch stärkeren Zeitdruck gesetzt werden. So empfiehlt der Bericht tatsächlich eine Verkürzung der Elternzeit von drei auf zwei Jahre. Langfristige gesellschaftliche Perspektiven spielen keine Rolle. Es geht nur noch um kurzfristige Profite für die deutsche Wirtschaft. Selbst ein Familienbericht wird dazu benutzt, die Ausbeutung der Eltern zu verschleiern, zu beschönigen und sogar weiter auszubauen. Aus dem Kontrollinstrument „Familienbericht“ ist ein Rechtfertigungsinstrument für eine familienfeindliche Politik im Auftrag von Wirtschaft, Krippenbetreibern und Ideologen geworden.

Der Autor bietet auf seiner Webseite www.johannes-resch.de unter dem Titel „Die traurige Geschichte der Familienberichte“ eine Besprechung aller acht Familienberichte an.

Quellen:

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