Birgit Kelle: „Ich werde nicht so tun, als hätte ich keine Kinder.“

http://www.atkearney361grad.de/2012/10/12/so-tun-als-hatte-man-keine-kinder/:

Die Journalistin Birgit Kelle schreibt für A.T. Kearney 361° über ihren Alltag als berufstätige Mutter mit vier Kindern und stellt fest, dass das größte Problem in der Vereinbarkeitsdebatte von Familie und Beruf ist: Es lässt sich in der Regel gar nicht vereinbaren. Vereinbaren hieße nichts anderes, als dass wir Kinder bekämen, um dann im Erwerbsleben so zu tun, als hätten wir keine.

Das größte Problem in der Vereinbarkeitsdebatte von Familie und Beruf ist: Es lässt sich in der Regel gar nicht vereinbaren. Was sich verbal so schön anhört, ist in Wirklichkeit ein ständiges Ausbalancieren, Abwägen und Prioritätensetzen. Es lässt sich addieren – was zumindest eine realistische Betrachtungsweise wäre – aber vereinbaren heißt nichts anderes, als dass wir Kinder bekommen, um dann im Erwerbsleben so zu tun, als hätten wir keine. Dann erst ist nach modernem Verständnis die Vereinbarung perfekt gelungen. Wenn Kinder die Arbeitsprozesse nicht mehr stören, wenn Beruf abseits von Kindern möglich ist.

Ich wollte noch nie etwas vereinbaren, ich wollte einfach beides – aber nicht zwangsläufig immer gleichzeitig. Darin liegt heute das Problem. Denn wie vereinbare ich bitte schön ein weinendes Baby mit einer Schaltkonferenz? Richtig: Gar nicht. Entweder oder. Und so gilt Vereinbarkeit eben dann als perfekt, wenn für die Betreuung der Kinder irgendwie gesorgt ist. Egal wie.

Ich bin zu einem Zeitpunkt, den die meisten als „unpassend“ bewerten würden, das erste Mal Mutter geworden. Ich war 23, hatte gerade erst ein Jahr meine erste bezahlte Redakteursstelle und noch viel vor. Im Nachhinein betrachtet war es ein Glücksfall, der meinem Leben eine ganz neue Wende gab. Dadurch hatte ich mit 33 Jahren schon vier Kinder, in einem Alter, wo manche erst mit der Familienplanung beginnen. Wir sind eine Großfamilie, die Exoten mitten im demographischen Niedergang. Eine der am häufigsten gestellten Fragen in unserem Haus lautet: „Für wie viele soll ich decken?“, denn an unserem Esstisch sind inklusive Oma immer mindestens sieben, oft auch mehr Personen versammelt. Es ist laut, es ist wortreich, es ist großartig an unserem Tisch.

Dennoch war ich fast immer auch berufstätig. Weil es sein muss, ist doch ein volles Haus heute schon fast ein unbezahlbarer Luxus. Mal war es mehr, mal weniger, mal gar nicht. Deswegen nervt dieses Schubladendenken zwischen „Berufstätig“ und „Hausfrau“ – so betrachtet war ich ständig zwischen verschiedenen Schubladen unterwegs. Die meisten anderen Frauen auch. Jedes Kind fordert einen unterschiedlich, jedes unserer Kinder ist anders. Das darf es auch sein. In jedem Kindesalter gibt es Phasen, in denen man sprichwörtlich zu nichts anderem kommt – und das ist auch gut so. Kinder sind kein Projekt, sie sind kleine Menschen. Sie brauchen Zeit und Liebe erstmal viel mehr als die ständig zitierte Bildung, die man ihnen mittlerweile schon im Mutterbauch aufdrängen will.

Eltern brauchen übrigens auch Zeit. Man wird nicht im Kreißsaal Mutter oder Vater, es ist ein langer Prozess des Lernens. Das erste Kind hat mich am meisten aus der Bahn geworfen, mein bisheriges Leben auf den Kopf gestellt. Spätestens ab dem dritten ist man jedoch die Ruhe selbst, ab dem vierten ist es nur noch Statistik. Mit dem ersten Baby im Haus war ich manchmal nachmittags noch nicht vernünftig angezogen und bei jedem Kinderhusten in einem Wartezimmer. Als mein drittes Kind auf die Welt kam, hatte ich drei Wochen vorher eine neue bundesweite Zeitung gestartet und mir bereits mehrere Ehrenämter aufgehalst. Der Mensch wächst mit seinen Herausforderungen. Das gilt besonders für Mütter.

Meine Lösung für die Quadratur des Vereinbarkeitskreises war die Selbständigkeit. Dass mein Schreibtisch eine Etage über den Kinderzimmern liegt, ist dabei Segen und Fluch zugleich. Ein Segen, weil ich mir meine Arbeit einteilen kann, wie ich will. Weil ich keine langen Wege habe zum Arbeitsplatz. Weil ich schreiben kann, während das Mittagessen kocht und die Waschmaschine läuft. Weil ich die Arbeit rund um meine Familie organisieren kann und nicht anders herum. Weil ein krankes Kind einfach krank sein kann auf der Couch neben meinem Schreibtisch – und zwar so lange, bis es wirklich gesund ist. Weil eine Schlussproduktion so lange dauern kann, wie es eben sein muss, damit es perfekt ist. Ich bin ja trotzdem im Haus, ich bin immer ansprechbar, ich kann immer unterbrechen, wenn es sein muss. Jahrelang glich mein Arbeitszimmer mehr einem Spielplatz. Wir müssen uns nicht arrangieren mit schließenden Kitas und genervten Arbeitgebern, weil die Grippewelle nicht alle Kinder gleichzeitig, sondern eines nach dem anderen …

Ein Fluch ist es, weil sich Arbeit und Privatleben kaum trennen lassen, wenn beides unter einem Dach stattfindet. Weil wir es mit Freizeit bezahlen, die bei uns ein kostbarer und seltener Moment bleibt. Weil wir es auch mit Geld bezahlen. Dem Geld, das wir nicht verdienen können, weil wir uns um unsere Kinder kümmern. Auch mit dem anderen Geld, das wir zu tausenden schon in Babysitter und Tagesmutter investiert haben. Damit unsere Kinder nicht auf drei verschiedene Ganztagsschulen verteilt den Tag verbringen müssen, sondern gemeinsam zu Hause sein können, wenn meine Arbeit es anders nicht zulässt. Unser einseitig subventioniertes Krippen-System lässt Eltern wie uns im Regen stehen, die nach individuellen Lösungen für ihre Familie suchen. So bleibt es unser privater Luxus, dass wir Kinder und Beruf „vereinen“ wollen.

Und zu tun gibt es immer –  wenn nicht am Schreibtisch, dann auf dem Weg dorthin. Mein Arbeitspensum teilt sich in „mit Kindern“ und „ohne Kinder“ auf. Der Vormittag ist heilig, weil ich doppelt soviel schaffe, wenn alle Kinder auf Kindergarten und Schulen verteilt sind. Nachmittags sind die Kinder Teil meines Arbeitslebens. Sie bauen Legos unter meinem Tisch, mussten alle mühsam aber erfolgreich lernen, dass eine telefonierende Mutter nicht gleichzeitig mit ihnen reden kann. Sie kommen mit den Hausaufgaben vorbei und malen auf meinen Unterlagen. Stillkinder hatte ich auch bei beruflichen Terminen dabei, wenn die Fahrten dorthin zu lang waren. Geschadet hat mir das beruflich noch nie. Nummer drei durfte auch schon zur Auslandskonferenz nach Rom mit nur sechs Monaten. Wir hatten beide großen Spaß, die Hostessen auch. Meine Auftraggeber — und auch ich – haben sich daran gewöhnen müssen, dass bei Telefonaten oft Kinder im Hintergrund zu hören sind und die Zukunft unseres Landes auch gerne selbst zum Hörer greift, wenn das Telefon schellt. Relevant ist, was ich als Ergebnis produziere – wenn das stimmt, sind meine Arbeitsbedingungen meine Sache. Ich werde nicht so tun, als hätte ich keine Kinder.

Birgit Kelle (37) ist Geschäftsführerin der VERS1 Verlagsgesellschaft mbH & Co KG und Mutter von vier Kindern. Von 2005 bis 2009 war sie Herausgeberin der bundesweiten Monatszeitung VERS1, bis 2010 war sie CvD eines Monatsmagazins in NRW. Kelle ist in verschiedenen Vereinen engagiert für einen Feminismus jenseits von Gender Mainstreaming, für Mütter und Familien. Sie ist Vorsitzende von Frau 2000plus e.V. (www.frau2000plus.net), stellv. Vorsitzende des Familienarbeit e.V. und Member of the board der New Women For Europe (NWFE), einem Dachverband europäischer Frauen- und Familienvereine mit Beraterstatus am EU-Parlament. Im September 2012 war sie als Sachverständige berufen vor dem Familienausschuss des Bundestages. Sie arbeitet als Freie Journalistin für verschiedene Print- und Onlinemedien und ist seit 2012 Kolumnistin bei The European.

Gefunden via http://charismatismus.wordpress.com/2012/10/20/vereinbarkeit-von-familie-und-beruf-bedeutet-so-tun-als-hatte-man-keine-kinder/

Siehe auch: https://kreidfeuer.wordpress.com/2012/08/29/familie-und-beruf-vereinbaren-ja-hintereinander/

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Eine Antwort zu Birgit Kelle: „Ich werde nicht so tun, als hätte ich keine Kinder.“

  1. Eine zivilisierte Gesellschaft wie die unsrige – jetzt fast weltweit – ist eindeutig sehr ungesund!
    Ob Mütter arbeiten gehen oder nicht: Die Kinder werden so oder so Opfer der krankmachenden Verhältnisse.

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