Armin Schwibach: Zurück zum Naturrecht

Armin Schwibach (kath.net): Zurück zum Naturrecht  (17.11.):

… Ein Gesetz, das in die Natur des Menschen eingeschrieben ist. Ein Gespräch mit dem Philosophen Armin Schwibach von Guido Horst/Vatican-Magazin

Vor über einem Jahr hat Papst Benedikt im Deutschen Bundestag das Naturrecht thematisiert. Kritiker sagten damals, der Papst wolle eine Art „katholischer Scharia“ wieder einführen. Ist das Naturrecht eine katholische Angelegenheit?

Nein, das Naturrecht hat nichts mit der katholischen Kirche und die zitierte Scharia hat nichts mit Naturrecht zu tun. Sie ist im Endeffekt sogar dessen Verleugnung. Das Naturrecht ist, wie Benedikt XVI. dies auch früher schon sagte, „die Quelle, aus der zusammen mit Grundrechten auch sittliche Gebote entspringen, deren Einhaltung verpflichtend ist“.

Der Gedanke des Naturrechtes geht also von einem Gesetz aus, das in die Natur des Menschen eingeschrieben ist und aus dem heraus sich die positiven [positiv=gesetzt; von lat. ponere setzen] Gesetze der Gesetzgebungen ergeben müssen. Er geht zurück auf die Zeit der Griechen und wurde vor allem von der Philosophenschule der Stoa ausgearbeitet.

Was heißt das denn: „…in die Natur des Menschen eingeschrieben“?

Die Natur des Menschen – sein Sein – ist so geordnet, dass sich durch die Vernunft im Sein selbst ein Gesetz erfassen lässt, wenn wir das für das Handeln des Menschen Maßgebliche erkennen wollen. Dieses „Gesetz der Natur“ – die lex naturalis oder das ungeschriebene Gesetz – bringt die Natur des Menschen zum Ausdruck. Es ist also nichts Nachträgliches. Es ist auch keine Erfindung. Es gehört zu seinem Wesen.

Nochmals zu den Griechen, weil wir ja nicht mehr so klassisch gebildet sind. Wie haben die Griechen erkannt und ausgearbeitet, dass es gleichsam natürliche Gesetze gibt, Gesetze also, die der Natur schon eingeschrieben wurden und dadurch von der Vernunft zu erkennen sind?

Denken Sie zum Beispiel an Sophokles’ Tragödie „Antigone“, die die Menschen seit über 2400 Jahren immer wieder neu beschäftigt. Antigone widersetzt sich – einem scharfen Konfrontationskurs folgend – dem Willen des Tyrannen von Theben, Kreon, da sie ein von ihm erlassenes Gesetz im Widerspruch zu den „ungeschriebenen und gültigen Bräuchen (Normen, Regeln) der Götter“ sieht. Der Tyrann hatte verboten, ihren Bruder Polyneikes zu bestatten, weil der gegen seinen Bruder Eteokles und seine Heimatstadt gekämpft hatte. Damit aber verwehrte Kreon seinem Neffen die Möglichkeit, in den Hades einzugehen und so die Totenruhe zu finden. Dieses willkürlich erlassene – oder „positive“ – Gesetz des Kreon steht für Antigone im Widerspruch zu der von den Göttern gegebenen universalen Regel, dem Maß allen Tuns, das von absoluter Gültigkeit ist. Es entspricht der Natur des Menschen und bestimmt sie. Somit stellt Antigone die göttliche Norm – die kein Gebot ist – über das Gesetz des Staates. Dafür setzt sie sogar ihr Leben ein. In diesem Sinn vollzog sich seit Bestehen des Gesetzesbegriffs im griechischen Denken eine intensive Auseinandersetzung mit dem Problem der Rechtmäßigkeit der Gesetze – sowie der Grundlegung der endlichen Gesetze in den von den Göttern gegebenen Gesetzen des Seins.

Was ist der Unterschied zwischen Rechtspositivismus und Naturrechtslehre?

Der Unterschied besteht in der Grundlage der Rechtsfindung und des daraus folgenden Normensystems. Für die Naturrechtslehre besteht die Grundlage der Rechtsfindung in einer Ordnung, die im Sein selbst verankert ist, das die menschliche Vernunft erkennen kann und das durch die Vernunft anschließend so ausgefaltet wird, dass positive Gesetze, die gerecht sind, nachfolgen können.
Wohingegen bei einer rechtspositivistischen Konzeption der wesentliche Akzent auf der Kodifizierung liegt, die sich auf unterschiedliche gesellschaftliche Situationen bezieht. Der Rechtspositivismus fragt bei dieser Kodifizierung nicht danach, was ein Recht ist, sondern ob etwas funktioniert und wie die verschiedenen Funktionsweisen aufeinander bezogen werden können.

Was ist die Folge des Rechtspositivismus?

Oder – wie dies Papst Benedikt XVI. einmal ausdrückte: „Die Folge ist, dass die Gesetzgebung häufig lediglich zu einem Kompromiss zwischen verschiedenen Interessen wird: Man versucht, private Interessen oder Wüsche, die den aus der sozialen Verantwortung erwachsenden Verpflichtungen zuwiderlaufen, in Rechte umzuwandeln.“

Somit ist es nicht übertrieben, gravierenden Machtmissbrauch bis hin zum Totalitarismus als schwerste Folge des Rechtspositivismus zu sehen.

Armin Schwibach lehrt Neuzeitliche Philosophie, Metaphysik und andere philosophische Disziplinen an der Päpstlichen Hochschule „Regina Apostolorum“ in Rom und ist Rom-Korrespondent von kath.net.

Siehe auch: https://kreidfeuer.wordpress.com/2011/09/16/antigone-kultur-als-erinnerung/

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Eine Antwort zu Armin Schwibach: Zurück zum Naturrecht

  1. heureka47 schreibt:

    Auch nach mehrmaligem Lesen eröffnet sich mir nicht, was gemeint sein könnte. Ich habe den Eindruck, dass es – auch – hier um das Problem der zivilisierten Gesellschaft geht, die einer kollektiven Bewußtseins- / Erkenntnisstörung erlegen ist und die typischerweise und großmehrheitlich versucht, mit Hilfe der niederen Bewußtseins-Dimension, dem „Niederen Selbst“ / „Ego“ und dem rationalen Denken als Werkzeug sich zu orientieren – während die Wahrnehmung / das Erkennen der wirklichen Wirklichkeit (incl. der eigenen Identität) NUR in der höheren Bewußtseins-Ebene / -Dimension, dem „Höheren / wahren Selbst“ möglich ist, dem regulären Erwachsenen-Bewußtsein.
    Diese beiden Bewußtseins-Ebenen unterscheiden sich ganz deutlich durch ihre einerseits grobstoffliche und andererseits FEINstoffliche energetische Konsistenz / „Substanz“ und damit auch durch ihre Qualität und Reichweite.
    Nur als das „Höhere / wahre Selbst“ kann der Mensch z.B. erkennen, was das höchste Prinzip / Gesetz ist. Es ergibt sich aus den Qualitäten / Eigenschaften der energetischen Grundsubstanz des Universums, der „universellen Energie“, dem „universellen (Bewußt-)Sein und seiner Kraft / Macht. Diese Kraft nennen Christen vorzugsweise „Liebe“, es ist aber ebenso legitim, sie „Frieden“ zu nennen oder „Freiheit“. Denn wer in diesem Bewußtsein lebt, erfährt sowohl bedingungslose Liebe als auch völligen inneren Frieden bzw. absolute innere Freiheit.

    Von daher ist es logisch, dass alle menschengemachten Gesetze sich dieser höchsten Kraft / Macht harmonisch unterordnen müssen, sonst gibt es Konflikt und Krankheit.

    Nicht allein Antigone gemahnt uns, die staatliche Ordnung, die menschengemachten Gesetze des „organisierten Systems“, der „Zivilisation“, in Frage zu stellen. Wahrhaft weise Menschen haben IMMER dazu aufgerufen. Der Mensch kann nicht Diener zweier Herren sein: Er kann nicht wahrhaft dem Höchsten, Gott, dienen, wenn er sich nicht frei macht / weiß von den menschengemachten Gesetzen, die in der zivilisierten Gesellschaft dem höchsten, universellen, Gesetz NICHT harmonisch entsprechen.
    Hier liegen die Ursachen und die Auswirkungen der „Kollektiven Neurose“ der zivilisierten Gesellschaft nah beieinander. Diese Krankheit hat zu der Idee geführt, dass die Menschen gesetzliche Regeln von AUSSEN bräuchten; und je mehr und differenziertere Regeln man aufstellte, desto entfremdetet und kränker wurden die Menschen.

    Das Wichtigste, was die kranke zivilisierte Gesellschaft braucht, ist die wahre, grundlegende, HEILUNG von ihrer kollektiven schweren Störung. Um endlich wieder erkennen zu können, was „Sache“ ist, was die wirkliche Wirklichkeit ist. Und die besteht darin, dass der WAHRHAFT erwachsene Mensch in seiner höheren Bewußtseinsdimension über dieselben Qualitäten, Eigenschaften und Fähigkeiten verfügt wie das universelle, göttliche SEIN.

    Aus der Lüge der Schlange im Paradies – „Ihr werdet sein wie Gott“ – kann man ZWEI verschiedene „Wahrheiten“ ableiten, wie ich neulich im CHRISTLICHEN FORUM erfuhr:
    1. Wir werden NICHT / NIE sein wie Gott
    und
    2. Wir SIND – schon – Gott.

    Als materielle Körper sind wir „Geschöpfe“ Gottes, aber im höheren Bewußtsein, als Seele, sind wir „Kinder Gottes“ – sein „Fleisch und Blut“. Wir müssen uns dessen nur erst bewußt werden – und zwar im geistig-seelischen Teil der Pubertät – und müssen, wenn wir als solche bewußten Götterkinder wirklich wirksam WIRKEN wollen, uns mit diesem SEIN eindeutig – und ausschließlich – identifizieren. Denn nur durch diese Identifikation geben wir dem „Höheren / wahren Selbst“ die Herrschaft über unser Leben und relativieren die – bis dahin automatische – Dominanz des „Ego“.
    Wo es in der Bibel heißt „Gott sandte den Menschen in die Welt, um zu herrschen“ ist gemeint, dass der göttliche Geist im Menschen über den Geist der Materie herrschen soll, das göttliche Bewußtsein, das „Höhere / wahre Selbst“, über das „Niedere Selbst“ / „Ego“.

    Aber in einer geistig gestörten, pathologisch unreifen, im Kind-Bewußtsein fixierten, (selbst-)entfremdeten, neurotischen, latent angstgestörten und überintellektualisierten zivilisierten Gesellschaft wird logischerweise auch die göttliche Weisheit der Bibel völlig falsch verstanden und fehlgedeutet.

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