Gottfried Hofmann-Wellenhof: Im Glanz der Adventkerze

Beim Lesen der „Notizen eines Vaters“ in der Kleinen Zeitung von heute (erster Adventsonntag) fühlte ich mich in die „Waldheimat“ unseres großen steirischen Dichters Peter Rosegger versetzt:

Was ich erzählen will, trug sich im Dezember 1956 zu. Damals hatten viele Menschen wenig zum Leben. Ich besuchte die erste Klasse der Volksschule, zusammen mit einem Buben, der stärker war als die anderen und der allen Furcht einflößte. Dazu trug auch sein Äußeres bei: die struppigen, ungewaschenen Haare, seine nachlässige Kleidung — und vor allem sein kalter, herzloser Blick.

Um seine Eltern rankten sich wilde Gerüchte. Sein Vater soll ihn oft, wenn er betrunken nach Hause kam, geschlagen haben. Trost fand er auch nicht bei der Mutter, die ihn einmal wegen einer schlechten Note angeherrscht hat: „Du Nichtsnutz, es wäre besser, wenn es dich gar nicht gäbe.“ Mit der Zeit war der bedauernswerte Bub völlig unempfindlich gegenüber menschlicher Zuwendung geworden. Ob er gelobt oder getadelt wurde — es schien für ihn keinen Unterschied zu machen. Von den anderen gemieden, stand er meist allein in den Pausen im Schulhof und starrte vor sich hin. Auch unsere Lehrerin, die sich anfangs um ihn bemühte, resignierte, als sie feststellen musste, dass er alle ihre Versuche höhnisch abblockte: Er, der Ausgestoßene, hatte plötzlich die Macht, ihr die Laune zu verderben.

Ein paar Tage vor dem ersten Adventsonntag sollten wir in der Klasse von unserem Adventkranz daheim erzählen. Welche Farbe die Kerzen hätten, und wie die Bänder beschaffen seien, und ob wir beim Binden mitgeholfen hätten. Als die Lehrerin den von uns gemiedenen Mitschüler zum Erzählen aufforderte, wurde es ganz still in der Klasse. Aber es kam kein Wort von ihm. Einige Zeit wartete sie, dann fragte sie leise: „Warum willst du uns nicht sagen, wie euer Adventkranz aussieht?“

Niemandem entging, wie der Angesprochene mit sich rang, ehe er in gepresstem Ton hervorstieß: „Weil wir kan hom!“ Bevor die Lehrerin noch etwas sagen konnte, war er aus dem Klassenzimmer gestürmt. Bestürzt blickten wir ihm nach, da zerriss eine hohe Mädchenstimme die auf allen lastende Stille: „Wisst ihr was, wir schenken ihm einen Adventkranz!“ Schnell kramte ein jeder ein paar Groschen hervor, und am nächsten Tag lag ein prächtiger Adventkranz auf der Bank des geächteten Mitschülers, der wie immer um ein paar Minuten zu spät in die Klasse kam.

Wir hatten das Licht ausgeschaltet, es war fast dunkel im Raum, nur die erste Kerze auf dem Kranz hatten wir angezündet. Gebannt blickten wir in die letzte Reihe.

Der Außenseiter schaute ungläubig zuerst auf die brennende Kerze, dann in unsere Gesichter. Eine Weile stand er so da, ehe er sich auf seinen Sessel fallen ließ. Seinen Kopf, den er auf die Bank gelegt hatte, versteckte er unter seinen Armen. Nur am Zucken seines Körpers erkannten wir, dass er weinte.

Niemand sprach ein Wort, aber wir alle spürten, dass eine unwiderstehliche, fremde Macht von ihm Besitz ergriffen hatte. Dieser Augenblick bedeutete die Wende im Schicksal eines einsamen Buben, von dessen Herzen im Glanz der ersten Adventkerze alle Bitterkeit und Düsternis abgefallen waren.

Sie erreichen den Autor bei g m x . a t unter g.hofmann-wellenhof

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