Gegen die Zwangstagsschule

Gottfried Hofmann-Wellenhof: Die Enteignung der Kindheit
Notizen eines Vaters, Kleine Zeitung,  Samstag, 8. Dezember:

Würde man unter Schülern eine Umfrage machen, ob sie für oder gegen die Ganztagsschule sind, gäbe es eine klare Mehrheit dagegen. Aber wie sooft werden Kinder nicht gefragt, was sie eigentlich wollen.

Die Enteignung der Kindheit, die oft schon wenige Wochen nach der Geburt mit dem Eintritt in die Krippe beginnt, wird vorangetrieben. Die Schule verwaltet die Kindheit, hat sie fest im Griff. Und die Experten gaukeln der Öffentlichkeit vor, wie lustig alles wird: Der unselige 50-Minuten-Takt der Schulstunde werde abgelöst durch einen harmonischen Wechsel von Arbeits- und Spielzeiten, und zu lernen gäbe es zu Hause natürlich nichts mehr. Was bleibt: Kinder müssen unausgeschlafen frühmorgens los und kommen spätnachmittags ausgelaugt nach Hause. Sie erleben die Familie nicht mehr als Rückzugsort, in dem sie sich sicher und geborgen fühlen, sondern als unruhigen Rastplatz, der nach dem Abendessen wieder verlassen wird: In ihren eigenen vier Wänden tauchen Kinder in die schaurig-schöne Welt des Internets ein, von der ihre Eltern oft keine Kenntnis haben.

Mit dem Ausbau der Ganztagsschule gelingt dem Staat ein wesentlicher Zugriff auf die wenige Freizeit, die Kinder noch selbst gestalten können. Die Institution macht es möglich, dass sie schon früh mit dem Rhythmus der Erwerbsgesellschaft abgerichtet werden, in den ihre Eltern schon voll eingespannt sind. Schule ist wertvoll und unverzichtbar, aber quasi in homöopathischen Dosen. Was gegenwärtig geschieht, wird zur Überdosis im Sinne des Paracelsus, wodurch die Medizin zum Gift wird.

Im Hinblick auf die zur Zeit vorherrschende Lebensweise ist die Ganztagsschule eine Notwendigkeit. Aber es müsste verhindert werden, dass diese zur Pflicht auch für jene Kinder wird, für die sie nicht das kleinere, sondern das größere Übel bedeutet. Es wäre eine fehlgesteuerte Egalisierungspolitik, um der Gleichheit willen es für viele schlechter zu machen.

Also: vormittags Unterricht, aber nachmittags nur nach Wunsch echte Betreuung. Und nicht ersticken im Reglementierten und in der Indoktrination. Kinder sollten nach wie vor die Möglichkeit haben, ihre Großeltern zu besuchen oder mit Spielkameraden die Welt zu erkunden oder auch nur dazuliegen und nichts zu tun. Heutige Kinder haben unglaublich viel Stress, daher rühren viele Probleme.

Alles was kleine Menschen zu ihrer Entwicklung brauchen: Muße, Freundschaften, Langeweile werden dem Diktat des Wettbewerbs und der Beschleunigung geopfert.

Wie wollen wir leben? Unbegrenzt flexibel, ständig verfügbar – in einer Gesellschaft, in der Profit, Geld und Karriere alles ist? Im Schicksal der Kinder und der Familie spiegelt sich die Zukunft der Welt wider.

Wenn man allein im Ausbau von ganztägigen Kinderbetreuungseinrichtungen die Lösung sucht, so gewinnt die Berufssphäre noch stärker  an Bedeutung — und das Familienleben wird weiter ausgedünnt.

Was Väter und Mütter vor allem brauchen? Mehr Familienzeit. Mehr Zeit für ihre Kinder.

Sie erreichen den Autor unter
g.hofmann-wellenhof  bei  gmx.at

Stefan Fuchs (FreieWelt.net): Die Einheitsschule ist keineswegs besser als pluralistische Bildungssysteme   (03.12.):

Hilft mehr Schule immer mehr? Von dieser Maxime sind die politisch-medialen Fürsprecher der verpflichtenden Ganztagsschule überzeugt. Nach ihrer Meinung ist die bisher in Westdeutschland verbreitete Halbtagsschule das zentrale Hemmnis für eine bessere Bildung und mehr soziale Gerechtigkeit.

Im internationalen Vergleich seien die Leistungen deutscher Schüler relativ schlecht und zudem die Leistungsdifferenzen je nach sozialer Herkunft besonders groß – dies hätten die PISA-Studien der OECD bewiesen. Unter dem antiquierten System der Halbtagsschulen hätten besonders Kinder aus „bildungsfernen“ Schichten und mit einem „Migrationshintergrund“ zu leiden, die nachmittags „auf der Straße“ und vor dem Fernseher „abhängen“ würden.

Bildungsbenachteiligte Kinder benötigen spezifische Hilfen; dementsprechend profitieren sie von schulischen Bildungsangeboten und Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag. Solche freiwilligen Nachmittagsangebote reichen vielen Ganztagsschulbefürwortern aber nicht aus: Es stört sie, dass bildungsaffine Eltern weiterhin ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen und Freizeitangebote organisieren können. Um eine „soziale Segregation“ nach Halbtags- und Ganztagsangeboten zu verhindern, fordern sie eine Ganztagsschule, die für alle Kinder zwingend sei (1). „Segregation“ entsteht in Deutschland aber auch durch die Möglichkeit, verschiedene Schulformen wählen zu können; viele Befürworter des Ganztagsunterrichts kritisieren eine vermeintlich zu frühe „Separierung“ der Schüler und fordern ein längeres „gemeinsames Lernen“ oder gleich die Einheitsschule (2).

Ob die Ganztagseinheitsschule „soziale Segregation“ verhindert, ist indes fraglich: In Frankreich und Großbritannien gehen wohlhabende Eltern dem staatlichen Einheitsangebot aus dem Wege: Sie schicken ihre Kinder lieber auf teure Privatschulen, deren Besuch „Karrieren“ ermöglicht. Im Vergleich zu diesen Verhältnissen ist das gegliederte deutsche Schulsystem weniger elitär und — entgegen gängiger Vorurteile – zugleich leistungsfähiger: In der PISA-Studie 2009 waren die Ergebnisse deutscher Schüler in allen abgefragten Kompetenzbereichen besser als die ihrer britischen und französischen Altersgenossen: Besonders markant waren die Leistungsvorteile in Mathematik und Naturwissenschaften, hier schnitten Briten und Franzosen deutlich schlechter ab. Noch überraschender ist, dass die jungen Deutschen auch bessere Leistungen erbrachten als Schüler aus Schweden und Dänemark (3).  Im OECD-Vergleich waren deren Leistungen insgesamt eher mittelmäßig, während die deutschen Schüler zum einen in der höchsten Kompetenzstufe signifikant häufiger und zum anderen in der niedrigsten Kompetenzstufe signifikant seltener vertreten waren als im OECD-Durchschnitt (4). Das heißt: Auch schwächere Schüler können im deutschen Bildungssystem bessere Ergebnisse erzielen als in Ganztagsbetreuungs- und Einheitsschulsystemen, die beständig als vermeintliche „Best-Practice“-Modelle propagiert werden.

Global betrachtet sind solche Systeme allerdings der „Normalfall“, das pluralistische Schulwesen der deutschsprachigen Länder mit dem anschließenden dualen System der Berufsausbildung ist dagegen eine Ausnahme. Es provoziert unvermeidlich die Kritik jener Bildungsplaner, die „mehr Schule“ mit „Fortschritt“ verwechseln. Unablässig fordern sie mehr „frühkindliche Bildung“, mehr Ganztagsunterricht, mehr Abiturienten und mehr Akademiker. Dies entspricht dem Interesse von Akademikern, die ihre Curricula – und damit ihre Weltsicht – missionarisch verbreiten wollen. Ihrer Tunnelperspektive entgeht, dass Heranwachsende entscheidende Dinge des Lebens nicht curricular geplant, sondern aus praktischen Lebensvollzügen heraus lernen – in der Familie, im Freundeskreis, in Vereinen und später als Auszubildende im Betrieb. Für diese Erfahrungen braucht es aber Zeit und Freiräume – weniger Schule kann deshalb auch ein Mehr an Lern- und Lebenschancen bedeuten. Die schlechteren Bildungsergebnisse und mehr noch die wesentlich höhere Jugendarbeitslosigkeit in vermeintlich „fortschrittlicheren“ Ländern sollten in dieser Richtung eigentlich ein Warnzeichen sein (5).


(1)   Auf diese Schlussfolgerung laufen die jüngsten Empfehlungen des „Sachverständigenrats für Migration und Integration hinaus. Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration: Integration im föderalen System: Bund, Länder und die Rolle der Kommunen, Jahresgutachten 2012 mit Integrationsbarometer, Essen 2012, S. 79.
(2)   Prototypisch für diese Sichtweise: Karen Hagemann/Monika Mattes: Ganztagserziehung im deutsch-deutschen Vergleich, S. 7–14, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 23/2008. Die Autoren kritisieren hier „bürgerlich-liberale und christlich-konservative Kreise“, die ihre bildungspolitischen Ideale gegen die von den Westalliierten favorisierte Gemeinschaftserziehung durchgesetzt hätten. Demgegenüber habe die DDR mit „alten Strukturen“ gebrochen und eine – nach ihrer Auffassung – fortschrittliche – Ganztags- und Gemeinschaftserziehung etabliert. Ebd., S. 9. und S. 12.
(3)   In der Lesekompetenz waren die Unterschiede gering – die Schweden erzielten sogar dieselbe Punktzahl wie die deutschen Schüler (497 Punkte; OECD-Durchschnitt 493 Punkte). In Mathematik und  Naturwissenschaften waren die Leistungsvorteile der deutschen Schüler deutlich größer (513 Punkte in  Mathematik im Vergleich zu 503 Punkten der Dänen, 497 Punkten der Franzosen, 494 Punkten der Schweden und 492 Punkten der Briten; 520 Punkte in den Naturwissenschaften im Vergleich zu 514 Punkten der Briten, 498 Punkten der Franzosen, 499 Punkten der Dänen und 495 Punkten der Schweden). Noch deutlich bessere Ergebnisse als die Deutschen erzielten finnische, südkoreanische und japanische Schüler. Dass diese Vorteile in einem Einheitsschulsystem begründet sein sollten, ist indes wenig plausibel. Dagegen spricht nicht zuletzt, dass auch die Schweiz mit ihrem gegliederten Bildungswesen (in  Mathematik) zur Spitzengruppe gehört. Vgl. Eckhard Klieme: PISA 2000 – Bilanz nach einem Jahrzehnt, Münster 2010, S. 6–10 (Abbildungen 2, 3 und 4).
(4)   Ebd. S. 9–10.
(5)   Wie wenig formale Qualifikationen über die Lebenschancen junger Menschen aussagen, zeigt die „Nicht-Korrelation“ von Akademikerquoten und Jugendarbeitslosigkeit. …

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Eine Antwort zu Gegen die Zwangstagsschule

  1. Wolfgang Heuer schreibt:

    „Was Väter und Mütter vor allem brauchen?“:

    Das, was ihnen – jedenfalls den allermeisten – fehlt. Das Grundlegend(st)e: Ihre wahre Identität. Und damit das Wissen – besser gesagt: WEISHEIT – was sie selbst sind und was sie für ihre Entwicklung brauch(t)en und demzufolge auch wissen, was ihre Kinder und sonstigen Mitmenschen für ihre Entwicklung brauchen – UND: das auch geben zu können und zu wollen.

    Und was braucht es dazu?
    Das, was ALLE Entwicklung im Universum braucht. Das, woraus das Universum in letzter Konsequenz besteht: Energie und Information.

    Was für Energie? Strom aus der Steckdose?
    Nein, das ist „niederdimensionale“, GROBstoffliche, physikalische, Energie. Die brauchen wir im physikalischen, GROBstofflichen, Körper.
    Auf der seelischen Ebene braucht der Mensch FEINstoffliche, spirituelle, Energie = Lebens-Energie, die universelle Energie, die KRAFT der LIEBE.

    Und wo bezieht er die?
    Die Hauptquelle liegt im Menschen selbst. In seinem höheren Bewußtsein, dem „Höheren / wahren Selbst“, seiner Seele, die er IST. DAS ist seine wahre Identität. Wenn er sich mit ihr identifiziert, diese höhere Identität annimmt, dann IST er „das“ und wird damit zur Quelle der universellen Energie und kann regelhaft darüber verfügen.

    Und was ist mit der erwähnten „Information“?
    Die wichtigste Information für den Menschen ist die bezüglich seiner wahren Identität und, wie er „dorthin“ gelangt, welche Schritte im Geiste zu tun sind, um wahrhaft Mensch, wahrhaft GANZER Mensch, wahrhaft HEIL und wahrhaft „Kind Gottes“ zu sein.
    DAS ist der wichtigste Entwicklungsschritt des Menschen. Der ist vor langer langer Zeit vom Menschen grundsätzlich prinzipiell einmal getan worden – etwa so, wie er grundsätzlich gelernt hat, Feuer zu machen – und muss analog von jedem Kind am Ende der Kindheit getan werden – mit der Information und Anleitung sowie Ermutigung seiner Eltern bzw. anderer – wahrhaft – Erwachsener in seinem Umfeld.

    Leider sind in der zivilisierten Gesellschaft die allermeisten Menschen nicht wahrhaft erwachsen. Deshalb können sie ihren Kindern nicht das geben, was sie brauchen. Und diesen schweren Mangel nennt man die „Krankheit der Gesellschaft“ oder – wie ich – die „Kollektive Zivilisations-Neurose“.
    Und: Sie ist grundlegend und nachhaltig und auf völlig natürliche Weise HEILBAR. OHNE Medikamente oder schulmedizinische Anwendungen. Einfach durch (Selbst-)Erkenntnis und entsprechende Bewußtseins-Entwicklung / -Wandlung (Ver-Wandlung).

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