Norbert Blüm: Zurück ins Neandertal?

In einem lesenswerten Beitrag befasst sich Bundesminister a. D. Norbert Blüm mit der Entwicklungsgeschichte von Ehe und Familie und zieht den Schluss: Wir sind auf dem Weg zurück ins Neandertal.
Auszüge:

… Die letzte Bastion der Gabe ist die Familie. Sie ist der Rest der Kultur des Schenkens, der unter dem verschärften Ansturm des homo oeconomicus steht, der seinen Vorteil sucht, sonst nichts! … Ehe und Familie folgen nicht den Gesetzen der wechselseitigen Vorteilssuche. Die familiäre Fürsorge ist nicht das Ergebnis rechnerischer Gegenseitigkeit. Die eheliche Treue entspringt keiner Kosten-Nutzen-Analyse. Die Verläßlichkeit ist kein Rechenexempel. Die Beziehungen in den Familien sind asymmetrisch und diskontinuierlich.

Wir geben mehr als wir nehmen und wir nehmen mehr als wir geben. Und wir wissen, biblisch gelehrt: Geben ist seliger denn nehmen. Eltern schenken Kindern das Leben. Mütter gebären ihre Kinder unter Schmerzen. Für diese Gaben gibt es keine Abrechnung. Und würde ein Mensch am Ende seiner Kindheit eine Abrechnung verlangen, um seinen Eltern auf Euro und Cent die Leistung zu vergüten, welche diese für ihn aufgebracht haben, so wäre diese marktwirtschaftliche Reziprozität eine Perversion des familiären Zusammenhaltens und das Ende des Generationenzusammenhangs.

… Mit der Verteidigung der Familie wird Privatheit verteidigt. Die private Sphäre ist das Ergebnis eines jahrhundertlangen Zivilisationsprozesses der Emanzipation von der Allzuständigkeit der Macht. „Privatheit“ mußte Wirtschaft und Gesellschaft und Staat abgerungen werden. Soll dieser Emanzipationsgewinn jetzt zurückgeholt werden? Die Ehe als Dependance der Wirtschaft und die Kindheit als Filiale des Staates? Es könnte sein, daß mit dem Schicksal der Familie auch freiheitliche Traditionen abgebaut werden. Denn die Trennung von Privat und Öffentlich gehört zu modernen Gewaltenteilen, die uns vor dem Totalitarismus einer allgegenwärtigen Öffentlichkeit schützt.

Die staatliche Familienpolitik hat inzwischen eine Art von Modernität erreicht, in der niemand recht weiß, welche Funktion die Familie im Zusammenleben der Menschen „spielen“ soll. Die Frage läßt sich nur beantworten, wenn man „sich Gedanken macht“, wie eine gute Gesellschaft eingerichtet sein soll, in der ein gelungenes Leben möglich ist. Wir müssen unsere Hoffnung auf Verfassung und Verfassungsgericht setzen, daß sie den grundgesetzlichen besonderen Schutz von Ehe und Familie notfalls auch gegen den Bundesgerichtshof und den Zeitgeist verteidigen wird. Ohne eine Gesinnungsreform jedoch wird es auch keine „Zuständereform“ geben. …

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