Kinderlose profitieren von Kinderreichen

http://www.welt.de/wirtschaft/article118446013/In-Deutschland-zahlen-Eltern-fuer-Kinderlose-mit.html  (28.7.):

Viele Kinderlose fühlen sich ungerecht behandelt: Sie kommen mit ihren Steuern für 156 verschiedene Familienleistungen auf. Neue Berechnungen zeigen, wer tatsächlich die größte Last trägt.

… „Wer ein Kind großzieht, der schenkt der Allgemeinheit damit Geld – und zwar nicht nur ein bisschen, sondern richtig viel Geld“, sagt Martin Werding, Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen aus Bochum. Bei allem Lebensglück, das Kinder bringen: Der Nachwuchs drückt spürbar auf den materiellen Wohlstand der Eltern.

Werding arbeitet gerade für die Bertelsmann-Stiftung an einer umfangreichen Studie zu genau diesem Thema. In ein paar Wochen soll sie vorgestellt werden. Das wichtigste Ergebnis deutet der Forscher so an: „Ein durchschnittliches Kind beschert der öffentlichen Hand im Laufe seines Lebens einen Überschuss von deutlich mehr als 50.000 Euro.“

… Familien, sagte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen der „Welt am Sonntag“, würden in Deutschland zu stark durch den Fiskus belastet – vor allem im Hinblick darauf, dass von gut ausgebildetem Nachwuchs die gesamte Gesellschaft profitiere. „Ein Kind großzuziehen ist ein unvergleichliches Glück, kostet die Eltern aber bis zum Ende der Ausbildung im Schnitt auch ein kleines Einfamilienhäuschen“, so von der Leyen.

„Eltern tragen in Deutschland eine große finanzielle Last“, sagt auch die familienpolitische Sprecherin der Unionsbundestagsfraktion, Dorothee Bär (CSU) – auch wenn die Regierungskoalition die Infrastruktur für Familien gestärkt und mehr für eine „familiengerechte Arbeitswelt“ getan habe. Bär fordert, die Mehrwertsteuer auf Babyartikel wie Babynahrung zu verringern. Allein für Windeln geben die Deutschen nach Industrieangaben pro Jahr 700 Millionen Euro aus. Beim geltenden Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent zahlen Eltern allein dadurch 133 Millionen Euro an Verbrauchssteuern.

… Insgesamt gibt es wenige Forscher im Land, die sich mit der Frage nach der gerechten Lastenverteilung beschäftigen. Selbst die renommierten Wirtschaftsforschungsinstitute halten sich mit Berechnungen auffällig zurück. Hinter vorgehaltener Hand geben die Forscher aber zuweilen zu, dass sie sich bei einem derart emotionalen Thema lieber nicht öffentlich auf eine Seite schlagen möchten, entweder die der Familien oder der Kinderlosen.

Einer, der sich an die Berechnung gewagt hat, ist der Mainzer Physikprofessor Hermann Adrian. Er hat ein physikalisches Berechnungsmodell auf die Familien in Deutschland angewandt. Sein einfacher Gedanke: All jene Paare, die mehr Kinder haben als der bundesweite Durchschnitt von 1,33 Kindern pro Frau, schenken denen mit weniger Kindern – also auch den Ein-Kind-Familien – Wohlstand.

In Form von Kindern, die später mit ihrer Arbeitskraft die Wirtschaft am Laufen halten, Alte und Kranke pflegen oder für innere und äußere Sicherheit sorgen. Oder in die Rentenkassen einzahlen. In einer Beispielrechnung kommt Adrian zu dem Ergebnis, dass ein typisches Paar mit zwei Kindern inklusive aller Ausgaben für die Lebenshaltungskosten insgesamt 600.000 Euro für den Nachwuchs ausgibt.

Vor allem das Rentensystem habe eine „Unwucht“ zulasten der Familien, sagt IW-Forscher Plünnecke: Mütter, die erst dafür sorgen, dass das Umlagesystem funktioniert – also künftige Einzahler aufziehen –, können weniger am Berufsleben teilnehmen und erwerben dadurch weniger Ansprüche als Frauen, die keine Kinder haben, dafür aber ein Leben lang ins System einzahlen.

… Wenn die Entscheidung gegen ein drittes Kind falle, sei das nicht nur ein persönlicher Verzicht, sondern auch ein herber Verlust für eine Volkswirtschaft, sagt Elisabeth Müller, Vorstandsvorsitzende des Verbandes kinderreicher Familien Deutschland. „Soziologische Untersuchungen zeigen, dass große Familien auch unterschiedliche Charaktere hervorbringen, die allesamt für das Funktionieren eines Landes wichtig sind: Erste Kinder und Einzelkinder sind oft pflichtbewusst und ehrgeizig, zweite Kinder tendenziell sozialer orientiert, dritte Kinder dagegen entwickeln eine besondere Risikofreude und sind innovativ, weil sie sich ihren Platz erobern wollen.“ …

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