Facebook und Fico-Score: Instrumente zur Überwachung und Kontrolle der Identität

Philip Mirowski: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ueberwachung/identitaetsmanagement-das-neoliberale-selbst-12574151.html  (16.9.):

Wer glaubt, sein Ich sei Herr im eigenen Haus, hat den Neoliberalismus nicht verstanden. Längst herrscht der Zwang, Körper und Seele entsprechend den Anforderungen des Marktes zu gestalten.

… Eines der am besten untersuchten Beispiele dafür, wie neoliberales Handeln sich ausgebreitet hat, ist das Verhalten der Menschen im Internet.

… Es sei hier nur auf die neoliberale Technologie par excellence verwiesen, auf Facebook. Facebook ist der perfekte reflexive Apparat: Es ist ein äußerst erfolgreiches Geschäft, das denen, die mitmachen, beibringt, wie man sich selbst in eine biegsame, anpassungsfähige unternehmerische Identität verwandelt. Obwohl Facebook einen Großteil der geposteten Informationen verkauft, behauptet das Unternehmen strikt, die Verantwortung für alles, was mit und auf so einer Facebook-Pinnwand passiere, liege ausschließlich bei den Nutzern. Man drängt die Teilnehmer, aus einem begrenzten Repertoire relativ stereotypen Materials ein „Profil“ zu konstruieren und irgendwie „Freunde“ zu gewinnen, indem sie ihr Angebot so ausrichten, dass es aus dem großen Einerlei herausragt.

Mit subtilen Algorithmen drängt man die Teilnehmer, ihre Profile regelmäßig zu verändern und anzureichern, wodurch man deren „Identität“ ständig destabilisiert; eine Echtzeitmetrik soll die Zahl der „Freunde“ und der Zugriffe auf die eigenen Seiten unablässig kontrollieren. So wird aus unbegründeten Geschmacksurteilen und unerklärten Allianzen eine Person destilliert — eine Melange, die beständig der Pflege und des Managements durch ein Wesen bedarf, das zwar eine zarte Beziehung zu der hochgeladenen Person unterhält, aber zugleich auch eine sichere Distanz zu ihr wahren muss.

Facebook-Profile wirken dann zurück ins „reale Leben“: Arbeitgeber scannen Facebook-Seiten nach angehenden Mitarbeitern, Eltern überprüfen die Seiten ihrer Kinder, Liebhaber durchsuchen Facebook-Seiten nach eventuellen Flirts.

… In der Literatur über die Krise gilt die größte Aufmerksamkeit dem Wandel vom Modell des „Schöpfens und Haltens“ von Konsumentenkrediten (wobei der Gläubiger im Besitz der Anleihe bleibt) zum Modell des „Schöpfens und Verteilens“, das durch den Prozess der Verbriefung erleichtert wurde.

Diesem Wandel ging ein anderer, ebenso entscheidender voraus: der Wandel vom Brauch, sich ein Urteil über die Kreditwürdigkeit einer Person zu machen, in dem man ein Netz aus lokalen persönlichen Beziehungen untersucht — hin zu der Methode, diese Urteile automatisch zu generieren, in Gestalt einheitlicher quantitativer Indizes, welche von profitorientierten Firmen geliefert werden. Für Unternehmen wird diese Dienstleistung von den großen drei Ratingagenturen bereitgestellt; für Konsumenten wurde der sogenannte Fico-Score geschaffen, der mit Hilfe von Algorithmen berechnet wird, welche vom Finanzdienstleister Fair Isaac and Company (kurz: Fico) entwickelt wurde.

… Faszinierend daran ist, wie dieses, scheinbar neutrale, technokratische Maß, das anfangs nur an Banken zur Automatisierung ihres Kreditkartenvertriebs verkauft wurde, schon bald die Grenzen sprengte und zum bevorzugten Instrument für die Kontrolle des neoliberalen Selbst wurde. Versicherungen überprüfen heute die Kreditgeschichte, um ihre Prämien festzulegen. Unternehmen nutzen Kreditberichte als Hintergrundinformation für ihre Einschätzung von Stellenbewerbern. Einzelhandelsunternehmen analysieren Fico-Scores, um lukrative Standorte für neue Geschäfte zu finden.

In den letzten Jahren hat Fair Isaac weitere abseitige Modelle auf den Markt gebracht, die Kasinobetreibern sagen sollen, welche Kunden die größten Profite versprechen, und mit denen angeblich sogar Krankenversicherungen voraussagen können, bei welchen Patienten die Wahrscheinlichkeit am geringsten ist, dass sie die verschriebenen Medikamente nehmen. Das neoliberale Selbst lebt in einem unsichtbaren Raster aus Fico-Anzeigen. Aber während die ganze Sache immer mehr ausuferte, hatte die Zahl auf der persönlichen Erfolgsskala immer weniger mit dem zu tun, wofür sie eigentlich gedacht war: nämlich ein zuverlässiger Indikator für die Wahrscheinlichkeit persönlichen Scheiterns zu sein – und das war schon so vor der Krise.

Tatsächlich offenbarte die Krise, dass Fico kaum etwas über irgendeine Zukunft aussagt, sondern nur ein weiteres Instrument der Firmen zur Überwachung und Kontrolle der Identität des in ständigem Gestaltwandel befindlichen neoliberalen Selbst geworden war. Statt ökonomische Entscheidungen auf altmodische Vorstellungen von „Charakter“ oder „Integrität“ zu stützen, war Fico die Hundemarke, welche den Menschen in eine der, von Fair Isaac übergestülpten, Kategorien von Konsumententypen zwang – wo er dann die Konsequenzen aus den Risikoexzessen seiner Gruppe tragen durfte. Alles Solide an der Persönlichkeit löste sich in Luft auf.

Martha Poon nennt das den Wechsel von der „Kreditkontrolle durch individuelle Prüfung“ zur „Kreditkontrolle durch Zuordnung zu einer Risikoklasse“. Wir nennen es einfach „Neoliberalismus“, die jüngste Einrichtung zur Überwachung des modularen unternehmerischen Selbst. Tatsächlich sind die Fico-Scores seit den späten 1990er Jahren zum allseitig verwendbaren quantitativen Platzhalter für den „Wert“ eines Menschen geworden — einem Instrument, welches dessen Schulden mit denen von Millionen anderen vergleichbar machte; und das man unmittelbar einbauen konnte in jene Modelle, mit deren Hilfe man die Zusammensetzung jener hypothekengestützten Wertpapiere rechtfertigen konnte, die dann zu den Ursachen der Krise gehörten. Ficos Panoptikum erwies sich als notwendige Voraussetzung für die Entstehung der Blase.

Obwohl das Panoptikum praktischerweise privatisiert wurde, galten weder Fair Isaac noch die Kreditbewerter als verantwortlich für das von ihnen geschaffene und auf ihre Kunden abgewälzte „Risiko“, im Unterschied zum neoliberalen Selbst, das sie weiterhin unter strenger Überwachung hielten. Auch das illustriert die ausgeprägte Asymmetrie neoliberaler „Risiko“- Konzepte. …

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