Christsein in Zeiten politischen Irrsinns

http://www.kath.net/news/43896   Leben auf dem Pulverfass   (29.11.):

Rückzug oder Flucht nach vorne? Christsein in den Zeiten des politischen Irrsinns. Interview mit Prof. Martin Rhonheimer. Von Guido Horst

„Frau Merkel verwaltet treffend die deutsche Wohlfühldemokratie, sie macht das sehr gut und wird deshalb von einer großen Mehrheit geliebt.“ Das sagt Martin Rhonheimer von der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom in dem folgenden Interview. Wenn sich aber alle wohlfühlen, wird dann die Kirche noch gebraucht? Ja, meint der aus der Schweiz stammende Philosoph. Im vergangenen Jahr hat er das Werk „Christentum und säkularer Staat“ veröffentlicht, das auch die starke Aufmerksamkeit von Benedikt XVI. gefunden hat. Doch seine Hoffnung setzt Rhonheimer nicht auf die Politik, sondern auf die Selbsterneuerungskräfte der Gesellschaft. Und hier sieht er ausreichend Raum für das Engagement der Christen in dieser Welt.

„Der katholische Staat? Gott sei Dank: Den sind wir los!“ Der Islam muss sich ändern. Die katholische Kirche aber nicht. Mit dem Zweiten Vatikanum ist sie zum Gründungscharisma des Christentums und zur Tradition des Evangeliums, der Apostel und der Kirchenväter zurückgekehrt. …

… Dennoch – und das ist ja eine der Hauptthesen meines Buches – ist der moderne Staat gerade auf dem Humus des Christentums gewachsen. Er ist das Produkt einer vom Christentum geprägten Zivilisation. Er ist nicht entstanden, und konnte auch nicht entstehen, als Ergebnis einer vom Islam geformten Kultur. Denn der Islam kann gerade aus theologischen Gründen eine klare Scheidung von Politik und Religion nicht befürworten, dem Christentum ist sie jedoch in ihr Gründungscharisma eingepflanzt worden: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser, und Gott, was Gott gehört.“

… Die Kirche ist nicht dazu da, die Gläubigen politisch zu bevormunden. …

… Der Islam muss sich in seiner religiösen Substanz verändern, um sich in die Moderne zu integrieren. Ich mache keine Prognosen über die zukünftige Entwicklung. Es ist ein theologisches Problem, und in der Folge ein kulturelles und politisches. Ich freue mich darüber, wenn sich unsere muslimischen Mitbürger in unsere westliche, demokratisch-rechtsstaatliche und freiheitliche Welt integrieren. Aber das können sie nur, wenn sie – um es ganz plakativ zu sagen – keine wirklichen Muslime im bisherigen Vollsinne mehr bleiben.

… Je mehr der Islam auf sein Gründungscharisma zurückgeht und nach seinem ursprünglichen, gerade auch religiösen Selbstverständnis sucht, tritt die Verquickung von Religion und Politik wieder in den Vordergrund. Will der Islam einen ähnlichen Prozess wie die Kirche durchmachen, kann er nicht einfach historischen Ballast abwerfen, sondern er muss sich dann gerade in seiner religiösen Substanz ändern. Denn gerade gemäß seinem religiösen und theologischen Selbstverständnis erhebt er ja, wie es Adel Theodor Koury formuliert hat, gewissermaßen einen „Totalitätsanspruch“: Er will nicht nur religiöse, sondern auch politische, rechtliche und soziale Ordnung sein, er ist ein politisch-religiöses Sozial-, Rechts- und Herrschaftssystem, dem die ganze Welt unterworfen werden soll. Der Islam will also Religion und Staat in einem sein. Damit ist er die klare Alternative zu den Prinzipien, die das westliche Europa geformt haben.

Es ist wichtig, diesen Punkt immer im Auge zu behalten, denn dem Islam geht es nicht in erste Linie um die religiöse Bekehrung des Einzelnen oder sein ewiges Heil – darum geht es auch im Islam dem Einzelnen, aber nicht dem Islam als in der Geschichte wirkende institutionelle Kraft. Dieser bezweckt ganz wesentlich die Errichtung einer islamischen Gesellschafts- und Staatsordnung, will also nicht in erster Linie Mission im christlichen Sinne betreiben. Im Koran steht ja deutlich, in religiösen Dingen könne es keinen Zwang geben. Juden und Christen können also in einer muslimischen Gesellschaft als Bürger zweiter Klasse weiter ihren Glauben leben – allerdings kann man heute gerade in Ländern wie Pakistan aber auch Ägypten sehen, was das dann konkret bedeutet: Es bedeutet oft Erniedrigung, Diskriminierung, Verfolgung und sowie völlige rechtliche Unsicherheit und Willkür.

… Naturrecht ist eine katholische Tradition, die auf die griechische Philosophie und das römische Recht zurückgeht und dann im frühen Hochmittelalter zuerst im Kirchenrecht und dann in der Philosophie und Theologie erneuert und vertieft wurde und auf diese Weise dann auch die Aufklärung ermöglichte. …

… Die wenigen deutschen Politiker, die mir bekannt sind und mir Hoffnung machten, weil sie die Wahrheit sagten, sitzen jetzt nicht mehr im Bundestag. … Frau Merkel verwaltet treffend die deutsche Wohlfühldemokratie, sie macht das sehr gut und wird deshalb von einer großen Mehrheit geliebt. … Aber wir alle sitzen mit den Europroblemen und der Schuldenkrise auf einem ökonomischen und sozialen Pulverfass. … Deutschland vollführt einen Hochseilakt, und die wenigsten merken es. …

… Die meisten Probleme, die wir heute in Europa aber auch in den Vereinigten Staaten haben, wurden ja von Politikern verursacht und von jenen, die an den Schalthebeln des vom Staat kontrollierten Geld- und Finanzsystems sitzen, das die immer neuen Versprechen der Politiker zu finanzieren hat – und nicht von angeblich bösen Kapitalisten, gewinnsüchtigen Unternehmern oder eigennützigen Spekulanten! Es ist nicht gut, den Bock zum Gärtner zu machen, doch genau das ist, was heute getan wird: Man will jetzt die Krise mit genau den Mitteln bewältigen, durch die sie verursacht wurde. …

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Eine Antwort zu Christsein in Zeiten politischen Irrsinns

  1. heureka47 schreibt:

    „Zeiten des politischen Irrsinns.“:

    Es ist nicht nur speziell „politischer Irrsinn“.
    Der Irrsinn, der sich in der „Politik“ zeigt, ist nur eine von vielen Facetten des „ganzheitlichen Irrsinns“, der die „Normalität“ der zivilisierten Gesellschaft bildet / begründet und von dem – abgesehen von vereinzelten Geheilten – wir alle in der zivilisierten Gesellschaft befallen und beeinträchtigt sind.

    Die Soziologie kennt das Phänomen unter dem Namen (die) „Kollektive Neurose“.
    Ich nenne es seit 20 Jahren (die) „Kollektive ZIVILISATIONS-Neurose“, und versuche damit deutlich zu machen, daß ich die Ursache im „zivilisatorischen Prozeß“ sehe, der vor deutlich mehr als 10.000 Jahren begonnen hat – möglicherweise schon vor 40.000 oder 60.000 Jahren – ursprünglich ausgelöst durch ein „kollektives Trauma“ mit Folge der „Entfremdung“.

    Die genaue Ursache ist aber genau genommen unerheblich; denn wenn es darum geht, die JETZT bestehende Störung zu heilen, ist das unabhängig davon jederzeit und in jedem Einzelfall möglich. Denn die GRUNDLEGENDE Heilung jedes Menschen ist ein Teil der „Initiation“, des „Übergangs-Rituals“, der „Ascension“, des „Aufstiegs“ zur höheren Bewußtseins-Ebene, dem wahren Erwachsenen-Bewußtsein.

    Dieser „ganzheitliche Irrsinn“, ein „Irre-sein“, ist eine von zwei Grundformen von Irrsinn / Irresein.

    1. Das irrationale Irresein:
    Dies wird regelmäßig von den Psychiatern diagnostiziert – eingeteilt in verschiedene „Störungen“, wie z.B. schizophrene / psychotische (kognitive), bipolare (affektive) und ähnliche / Mischformen.
    Von diesen Störungen sind etwa 2-3% der Bevölkerungen betroffen.

    2. das RATIONALE Irresein:
    Dies wird NICHT von Psychiatern / Ärzten diagnostiziert, denn dies ist die Störung, von der die große Mehrheit der Bevölkerungen der zivilisierten Gesellschaft befallen und beeinträchtigt ist – die „Normalen“; auch die Psychiater / Ärzte / Wissenschaftler / Politiker usw.

    Auch die im 2. Absatz genannten Soziologen sind davon befallen – allerdings ist ihnen die SCHWERE / TIEFE und Tragweite der Störung nicht bewußt. Aufgrund der eigenen Befallenheit können sie nur die Spitze (der Spitze) des sprichwörtlichen Eisbergs erkennen.

    Darin liegt auch der Grund dafür, daß die Wissenschaft in dieser Hinsicht der Politik keine zutreffenden Expertisen / Handlungsempfehlungen liefern kann.

    Ein tragisches Beispiel hierfür ereignete sich im November 2011 bei einer Tagung von „führenden“ Wissenschaftlern / Psychiatern in Heidelberg, die sich dort gegenüber den „dramatischen Zunahmen“ bei den psychischen Störungen für „machtlos“ erklärten.

    Das ist ein unfaßbar schrecklicher IRRTUM!
    Die tiefere Ursache des allergrößten Anteils aller psychischen und psychosomatischen Störungen, ebenso wie der meisten sonstigen Krankheiten ist die „Kollektive (Zivilisations-)Neurose“ bzw. der Mangel an Lebens-Energie bzw. die Entfremdung von der Initiation, von der Ascension, vom wahren Erwachsenwerden.

    Seit ich mich mit diesem Phänomen – als Laie – befasse, habe ich mit vielen Menschen darüber gesprochen und viele sind der Meinung, die „Kollektive (Zivilisations-)Neurose“ sei der „Preis für den Fortschritt“ oder ähnlich.
    Wenn diese Menschen wüßten, wie hoch der „Preis“ ist, würden sie wohl kaum so reden.
    Denn dieser „Preis“ ist der Untergang der zivilisierten Gesellschaft – wie jeder Hochkultur der Geschichte, wie das auch Oswald Spengler in seinem Buch „Der Untergang des Abendlandes“ schon vor 80 Jahren beschrieben hat.
    Am Ende steht das völlige Aussterben der befallenen Bevölkerung – der „ewige Tod“.
    Und es ist damit zu rechnen, daß auch die letzten eventuell noch nicht Befallenen mit in den Tod gerissen werden. Möglicherweise wird das Wirken der Zivilisation außerdem noch etliche Tierarten mit in den ewigen Tod reißen.

    Es sei denn, es würde sich eine „maßgebliche“ Zahl von Menschen finden, die den Weg der grundlegenden Heilung gehen und als Vorbilder für die vielen „Mitläufer“ dienen, die sich dann daran orientieren würden und ebenfalls den Weg der Heilung beschreiten, wodurch letztlich diese Krankheit vollständig geheilt sein könnte.

    Ein erster Schritt wäre, diesem Hinweis nachzugehen und NICHT dem Impuls zu folgen, der ihn verwerfen / verdrängen möchte. Dieser Impuls käme von der unüberwundenen Angst und typisch neurotischen „Abwehr- / Vermeidungshaltung“, von der „Angst-Abwehr“.

    Ein erster Schritt zur Initiation lautet folglich auch: „Angst überwinden“. Und das heißt nicht, sie zu verdrängen, sondern sich ihr zu stellen, sie auszuhalten und trotz der Angst DAS zu tun, was als gut / besser / weise erkannt wird. In den Resten der Naturvölker, die wir noch auf dem Planeten haben, tun das alle Menschen im Übergang vom Kind- zum Erwachsensein.

    Das „Angst-Überwinden“ bzw. aus (reiner) Liebe handeln ändert wesentlich die „Schwingung“ im Bewußtseinsbereich und begünstigt alle weiteren Schritte der Initiation.
    Zu finden in meinem Beitrag „Wahre Heilung“ auf meiner HP http://www.Seelen-Oeffner.de.

    Viel ERfolg!

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