Kulturwandel im Schweizer Bildungswesen durch Bologna und Co.

http://zeit-fragen.ch/index.php?id=1659   Wie Verwaltung und Politik zu Marionetten der globalen Machteliten umfunktioniert werden   (3.12.):

Denkpausen angesagt angesichts des flächendeckenden Kulturwandels im schweizerischen Bildungswesen

Die Vorgänge im schweizerischen Bildungswesen und ihre Hintergründe sind vielen aufmerksamen Zeitgenossen, denen unser Bildungswesen ein grosses Anliegen ist, bis heute verborgen geblieben. In den folgenden Denkpausen sollen Hintergründe genauer ausgeleuchtet und sichtbar gemacht werden. Verdeutlicht wird damit, was hier eigentlich gespielt wurde und wird – am Volke vorbei. Denkpausen können Diskussionen anstossen oder auch Ausgangspunkte für eigene Recherchen bilden.

Denkpause 6 – Der Bildungsrahmenartikel in der Bundesverfassung – ein Trojaner im Dienste der Globalisierung?

Der ehemalige SP-Nationalrat Hans Zbinden bezeichnet sich als «Vater» des neuen Bildungsrahmenartikels, über den das Volk 2006 abgestimmt hat; allerdings ohne zu ahnen, dass es sich damit ein trojanisches Pferd ins Land geholt hat.

Am 30.4.1997 reichte Nationalrat Zbinden seine parlamentarische Initiative «Bildungsrahmenartikel in der Bundesverfassung» ein. Damit sollte ein «Bildungsraum Schweiz» geschaffen werden, der «europakompatibel und entwicklungsoffen» ist. Zbinden, Zentralist und Internationalist, spricht sich gegen den Föderalismus im Bildungswesen aus. Das Bildungssystem, das Napoleon der Schweiz zur Zeit der Helvetik diktiert hat, ist für ihn Vorbild. Ziel des Bildungsrahmensartikels war – so Zbinden – «dass der Bund von Anfang an die Führung übernimmt und man das Bildungswesen endlich national versteht und löst. Wie dies die Helvetik 1799 bereits vorsah». Und weiter:

«Wir Schweizer haben eine Art mentalen Föderalismus, also die Unfähigkeit, fürs Ganze zu denken. In einer globalisierten Gesellschaft ist der Kantönligeist überholt.»

Quelle: Hans Zbinden, zit. in: www.bernerzeitung.ch/schweiz/standard/Der-groesste-Fehler-war-die-Umsetzung-den-Kantonen-zu-ueberlassen/story/14642368

Hoppla! Seit wann dient der Bildungsrahmenartikel als Transmissionsriemen der Globalisierung? Sozialisten, die sich in den Dienst globaler Eliten gestellt haben, charakterisiert Jean Ziegler als «politische Zwitter» bzw. als «neoliberale Sozialisten». Gehört Zbinden auch dazu? Vielleicht weil er an der London School of Economics Pädagogik und Soziologie studiert und dort promoviert hat?

Einzig Nationalrat Josef Zisyadis (Waadt) hat den Bildungsrahmenartikel als Trojaner erkannt. So äusserte er sich vor der Abstimmung im Parlament wie folgt:

«Dieser Artikel, dessen einziges grundlegendes Ziel es ist, ganze Bereiche des Erziehungswesens und der Bildung der demokratischen Kontrolle durch die gewählten Volksvertreter zu entziehen. Genauer gesagt, den interkantonalen Konventionen eine allgemeine verpflichtende Gewalt zu geben. Gewisse Kantone zu verpflichten, diesen Konventionen beizutreten, ist eine andere Art zu sagen, dass die kantonalen Vertreter und die Bundesabgeordneten nichts zu sagen haben werden zu dem, was zwischen dem Bundesrat und den Regierungsräten beschlossen wird.

Es handelt sich klar und einfach um ein gigantisches Wegnehmen der demokratischen Gewalt zugunsten eines zentralisierenden technokratischen Dings, eines unkontrollierten Monsters. Das Bild, ich würde sagen, das Paradigma dieser Perspektive, haben wir gehabt mit der Erklärung von Bologna, die der Staatssekretär, Herr Kleiber, unterschrieben hat, ohne jede demokratische Debatte – Erklärung von Bologna, der jedermann beitritt wie ein einziger Mann und die sich wie ein definitiver antidemokratischer Wegweiser durchgesetzt hat.

Was sich in Bologna ereignet hat, wird sich in gleicher Weise für die anderen strategischen Entscheidungen, ohne Gegengewalt, ohne Abstimmung, ereignen. Wollen wir das? Wenn ja, dann stimmen Sie für den Verfassungsartikel. Diese Sicht der Erziehung und Ausbildung ist in völliger Übereinstimmung mit der ökonomischen Macht. Ich zitiere Ihnen kurz die Untersuchung von Avenir Suisse mit dem Titel ‹Schweizer Universität: ein Vorschlag, um sich auf internationaler Ebene zu profilieren›:

‹Ein System von Hochschulen, die der Konkurrenz und den Mechanismen des Marktes unterworfen sind, profitiert mehr von seinen Aktivitäten. (…) Die Autonomie der Hochschulen muss verstärkt werden und die Einrichtungen müssen dem internationalen Markt von Erziehung und Ausbildung ausgesetzt werden.›

Man sieht es, das Ziel der ökonomischen Welt ist es, unser Land kompetitiver zu machen auf dem Weltmarkt der höheren Bildung, für grosse Bereiche, für die sich der Privatsektor direkt interessiert.

Wenn wir diesen Verfassungsartikel akzeptieren, machen wir ein endgültiges Kreuz über die Debatte über die Ziele der Bildung und Erziehung. Wir bieten diesen Bereich mit gebundenen Händen und Füssen einem Sektor an, der entscheiden möchte, aber ohne demokratische Diskussion. Also, man kann sich so verhalten wie die sozialistische Partei, die gestern in einem Kommuniqué zu sagen gewagt hat:

‹Die Verstärkung der Kompetenzen des Bundes und das Aufgeben von obsoleten, geerbten Strukturen aus dem letzten Jahrhundert ist gut, und die Kinder und Jugendlichen und die Familien werden ohne weiteres auf ihre Rechnung kommen, und das wird erlauben, den Schweizer Ausbildungssektor besser zu lenken, was im Interesse unserer ökonomischen Stellung ist.›

Also offen gesagt, man denkt, man glaubt zu träumen vor soviel demokratischer Abdankung! Sie sind dabei, genau das zu machen, was sie Europa vorwerfen, nämlich Zentralismus, Jakobinismus und nicht demokratischen und kooperativen Föderalismus.»

Quelle: 13. Sitzung des Nationalrates, Herbstsession 2005

https://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess:

… Die begleitende Kritik an der mit dem Bologna-Prozess verbundenen durchgreifenden Umstellung des Hochschulsystems ist sowohl auf die praktischen Auswirkungen für Hochschullehre und Studierende gerichtet (unter anderem unzureichende Vorbereitung und Ressourcenausstattung der Hochschulen, stoffliche Überladung der Regelstudiengänge und eine überbordende, allzu kleinteilige Prüfungspraxis) als auch auf die für das Universitätswesen daraus resultierenden möglichen oder tatsächlichen Folgen (darunter zunehmende Trennung von Forschung und Lehre; Verschulung der höheren Bildung auf Kosten individueller akademischer Freiheit und Ausreifung; marktorientierte, drittmittelabhängige Hochschulstrukturen unter Vernachlässigung der Grundlagenforschung). …

Ergänzung:

http://zeit-fragen.ch/index.php?id=1658   (3.12.):

Was der Militärputsch in Chile (1973) mit den Reformen im schweizerischen Bildungswesen (2013) zu tun hat
von Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger

Heute droht unser Bildungswesen in den Sog des Neoliberalismus zu geraten. Damit besteht die Gefahr, dass wir das Selbstbestimmungsrecht über unser Bildungssystem verlieren. Damit verlieren wir aber auch das politische Selbstbestimmungsrecht. Um deutlich zu machen, was damit gemeint ist, muss man geschichtlich etwas ausholen.

Versuchslabor Neoliberalismus: Chile

Chile am 11. September 1973: General Pinochet errichtet mit brutalster Gewalt und unter verdeckter Führung durch die CIA eine Militärdiktatur. Sinn des Ganzen: Chile hat als Versuchslabor des Neoliberalismus im Sinne von Milton Friedmann zu dienen. Es wird dereguliert, privatisiert und die Bevölkerung verelendet. Bei Naomi Klein «Die Schock-Strategie» ist im Detail nachzulesen, wie anschliessend die Länder der dritten Welt und später auch die ehemaligen sozialistischen Staaten auf den Neoliberalismus ausgerichtet worden sind. Die Mittel, die dabei angewendet wurden und werden, variieren. Neben Krieg – wie im Beispiel des Irak 2003 –, offener Gewalt, WTO-Freihandelsabkommen oder GATS-Abkommen gibt es weitere Mittel, neoliberale Interessen durchzusetzen, so auch «soft governance», zu deutsch «sanfte Steuerung».

Für westliche Industrieländer: Soft governance

Mit Soft governance wird in westlichen Industrieländern vorgegangen, so zum Beispiel in der Schweiz im Gesundheits- und Bildungswesen. Im Kanton Zürich hat Ernst Buschor zuerst als Gesundheitsdirektor das Gesundheitswesen völlig marktkonform reformiert. Dabei spielte die Einführung des New Public Management (NPM) in der Verwaltung eine Schlüsselrolle. Als nächstes nahm sich Buschor – nun als Erziehungsdirektor – die Volksschule vor. Er löste die demokratischen Strukturen auf, organisierte die Volksschule im Hinblick auf wirtschaftliche Kriterien und öffnete sie zum ersten Mal in der Geschichte der Schweiz für Grosskonzerne, so auch für Bertelsmann und Jacobs mit ihren Stiftungen, in denen Buschor Leitungsfunktion hatte und hat. 1998 sponserten Jacobs-Stiftung, Apple, Compac, Swisscom und Telecom das «Schulprojekt 21» mit Einführung von Computer, Frühenglisch, selbstentdeckendem und altersdurchmischtem Lernen.

Der damalige Leiter des kantonalen «Entwicklungsprojektes Informatik für die Oberstufe der Zürcher Volksschule» warnte davor, die Volksschule für die Konzerne zu öffnen: «Sponsoring hat viele Gesichter, aber nur eine Seele: die längerfristige Wirtschaftlichkeit für den Geber. Langfristig rechnet es sich für ihn, wenn er in die Digitalisierung der Schule investiert.»4

Internationale Ebene steuert schweizerische Bildungspolitik

Gemäss Verfassung sind in der Schweiz die Kantone zuständig für das Bildungswesen. Ihre Aufgabe ist es, den Volkswillen umzusetzen. Tatsächlich werden jedoch am Volk und an den Kantonen vorbei ganz grundlegende Reformen eingeführt, indem von aussen – mit Hilfe willfähriger Politiker im Innern – in die Schweiz hineinregiert wird: Die EU hat die Bologna-Reform ausgearbeitet. Staatssekretär Kleiber hat diese dann im Auftrag von Bundesrätin Dreifuss unterschrieben – gegen den Willen der Kantone. Damit wurde unser Hochschulwesen merkantilisiert und mit der EU gleichgeschaltet. … Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung),  die eigentlich von den USA diktiert wird, hat über die Pisa-Strategie grundlegende Volksschulreformen angestossen. Auch hier geht es um eine Gleichschaltung der Bildung von aussen im Dienste einer globalen Wirtschaft.
… Internationale Konzerne mit ihrer Denkfabrik ERT (European Round Table of Industrialists) steuern mit. …

Fazit und Ausblick

Form und Inhalt des Bildungswesens bestimmt – immer noch (!) – das Schweizer Volk. Parlamentarier und Verwaltungsbeamte haben eine dienende Funktion: Sie haben den Willen des Volkes auszuführen. Wenn sie statt dessen die Hidden agenda der EU/USA/globalen Grosskonzerne durchsetzen wollen, müssen sie ihren Platz räumen.

Die Aufgabe unseres Bildungswesens hat sich nicht verändert. Nach wie vor gilt: Sicherung der direkten Demokratie für künftige Generationen. Fähige Berufsleute, die ihre Familie ernähren können und mit denen auch kleine und mittlere Betriebe erfolgreich arbeiten können. Dies schafft Grundlagen für eine solide Volkswirtschaft und das Steueraufkommen, das unsere Demokratie zu ihrem Fortbestand braucht. Über diese Themen muss die demokratische Diskussion wieder breit angestossen werden. Das ist sehr wohl möglich. Der erfolgreiche Widerstand gegen HarmoS hat dies gezeigt. …

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