Resilienz – Immunsystem der Seele

Im folgenden Interview wird der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch zu seinem neuen Buch „Mit mehr Selbst zum stabilen ICH! – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung” befragt. Ich bringe Auszüge.
http://www.freiewelt.net/interview/resilienz-als-immunsystem-der-seele-10019260/   (17.12.):

In seinem neuen Buch greift Dr. Albert Wunsch das Thema Persönlichkeitsbildung auf. Der Lebensalltag vieler Menschen zeigt: Wir verlieren zunehmend emotionale Geborgenheit und Selbstwertgefühl als Schutzhaut gegen gesellschaftliche Kälte. Diese Entwicklung kann bereits im Kindesalter beginnen. …

… Wie kann der Begriff Resilienz mit einfachen Worten umrissen werden?

Albert Wunsch: Auch wenn dieser Begriff noch keinen Einzug in die Alltagssprache gefunden hat, die dahintersteckende Bedeutung ist allgegenwärtig. Mit ihm wird die Kraft beschrieben, welche es ermöglicht, schnell aus einer schwierigen oder deprimierenden Situation wieder herauszukommen, um mit Stabilität und Kreativität auf die Herausforderungen des Lebens zu reagieren. So wird Resilienz häufig als das “Immunsystem der Seele” bezeichnet. Die Psyche ist ebenso wie der Körper vor krankmachenden Erregern zu schützen. …

Unter welchen Voraussetzungen können Kinder ein gesundes Selbstwertgefühl aufbauen?

Albert Wunsch: In der Säuglings- und Kleinkindphase ist dies eine verlässliche und sichere Mutter-Kind-Bindung. Denn alle Körperkontakte zur Mutter vermitteln ein großes Gefühl der Sicherheit, knüpfen sie doch direkt an die Nähe in der vorgeburtlichen Zeit an. Dass dem Vater von Tag zu Tag eine immer größere werdende Mitwirkung bei der Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls zukommt, ist selbstverständlich. Diese – möglichst von Mutter und Vater – erfahrene förderliche Zuwendung löst beim Kind das tiefe Gefühl aus, gemocht zu werden und einen wichtigen Platz in der Welt einzunehmen.

… Dass sich Kinder trotz sozialer Benachteiligungen zu starken Persönlichkeiten entwickelt haben, basierte auf zwei unterschiedlichen Gegebenheiten. Lag die Benachteiligung in der Familie, weil Alkohol, Gewalt oder Kriminalität den Alltag prägten, griffen diese Kinder positive Orientierungs-Systeme außerhalb der Familie auf. In den anderen Fällen lagen die Benachteiligungen im sozialen Umfeld, welche durch einen besonders förderlichen Umgang innerhalb der Familie ausgeglichen werden konnten. In beiden Fällen meisterten diese Kinder anschließend ihr Leben erfolgreich. Auch der Verweis auf die Kitas erfordert eine Differenzierung, weil mit diesem Begriff sowohl die Krippe als auch der klassische Kindergarten gemeint sein kann.

Für die Krippe (dritter Lebensmonat bis drei Jahre) gilt, dass diese als eine Ersatzlösung anstelle guter elterlicher Aufwachsbedingungen zu betrachten ist. Das wird durch viele qualifizierte Untersuchungen und alltäglich beobachtbare Fakten belegt. Dazu eine Faustregel: Je älter das Kleinkind, je geringer die täglichen Verweilzeiten, je qualitätsvoller die Betreuung und je intensiver die elterlichen Beziehungs- und Umgangs-Zeiten, je weniger wird diese Zeit fürs Kind zur Belastung.
Der Krippe eine eigene und höherwertige Bildungsqualität zuzuschreiben, ist eine Erfindung von Wirtschafts-Lobbyisten, welche Väter und Mütter zu einem rein am Zweck der Berufstätigkeit orientierten Lebens-Rhythmus bringen wollen.

Der Kindergarten dagegen (drei bis sechs Jahre) ist eine der besten deutschen Erfindungen und wurde von vielen Ländern übernommen. …

Ist Resilienz Ihrer Ansicht nach angeboren oder erlernt?

Albert Wunsch: Mit der Umschreibung ‚angeboren’ werden meist genetische Faktoren verbunden. Unter diesem Aspekt betrachte ich die somit vorgegebenen Anlagen eher als gering. Wird die Prägezeit der – nicht genetisch bedingten – vorgeburtlichen Phase hinzugenommen, dann sind bei der Geburt schon viele Dispositionen recht ausgeprägt angelegt. …

Mutterliebe ist für Sie ein wesentlicher Bestandteil psychischer Stabilität. Zugleich warnen Sie vor der Verwöhnungsfalle. Was ist schädlicher, zuviel oder zuwenig Zuwendung?

Albert Wunsch: Ja, eine verlässliche und liebevolle Mutter-Kind-Bindung ist eine wesentliche Quelle für das Entstehen eines stabilen Ich. Aber in Abgrenzung dazu geht es bei der Verwöhnung nie um das Kind, sondern die subtile Zielsetzung von Vätern, Müttern und anderen Erziehungskräften, von den Kindern geliebt zu werden. Dies ist aber Aufgabe des Partners / der Partnerin und nicht die von Kindern. Steht ein Kind ständig im Fokus, wird sich keine Eigenständigkeit und Selbstverantwortung entwickeln. Richtige Zuwendung orientiert sich nicht am Bedürfnis von Eltern, sondern daran, was ein Kind braucht, um in stabilen und herausfordernden Lebensbedingungen aufwachsen zu können. …

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