Dieudo und die Quenelle

Diana Johnstone: http://www.voltairenet.org/article181723.html   „Bête noire“ der französischen Machthaber   (10.1.):

Dieser ursprünglich in den Vereinigten Staaten erschienene Artikel versucht den Ausländern die hysterische Anprangerung des beliebtesten Komikers des Landes, Dieudonné [Dieudo], durch die französische Regierung zu erklären. Für Diana Johnstone ist es eine Gelegenheit zu zeigen, warum und wie die französische Führungsschicht alle republikanischen Werte aufgibt, an die sie glaubt.

Manuel Valls. Der französische Innenminister, der sich „Israel ewig verpflichtet“ erklärte, will jegliche Herausforderung des Systems im Allgemeinen und den israelischen Kolonialismus, insbesondere für Antisemitismus verfolgen.

In Paris beginnen die traditionellen Medien und die Politiker das neue Jahr mit einem gemeinsamen Entschluss für 2014: einen französisch-afrikanischen Komödianten, der bei jungen Leuten zu beliebt wird, dauerhaft mundtot zu machen.

Zwischen Weihnachten und Neujahr ist es niemand anderer als der Präsident der Republik, François Hollande, der bei einem Besuch in Saudi-Arabien für (sehr große) Handelsabkommen sagte, dass seine Regierung einen Weg finden müsse, die Auftritte des Komikers Dieudonné M‘Bala M‘Bala zu verbieten, ebenso wie der französische Innenminister Manuel Valls dazu aufrief.

Der Führer der konservativen Oppositionspartei UMP, Jean-François Copé, gab dazu sofort seine Zustimmung, mit „totaler Unterstützung“, um den unkontrollierbaren Schauspieler zum Schweigen zu bringen.

Mitten in diesem einstimmigen Medien-Chor schrieb die Wochenzeitschrift Le Nouvel Observateur einen Leitartikel, dass Dieudonné „bereits tot“, ausgelaugt, fertig sei. Die Redaktion diskutierte offen über die beste Taktik, entweder zu versuchen, ihn für „Anstiftung zum Rassenhass“ ins Gefängnis zu stecken, oder die Aufführungen auf Grund der möglichen „Bedrohung der öffentlichen Ordnung“ zu verbieten, oder auf die Gemeinden Druck auszuüben, dass ihre Kultur-Subventionen reduziert würden, wenn sie ihn auftreten ließen.

Das Ziel von Manuel Valls, Schirmherr der Nationalpolizei, ist klar, aber die Macht sucht noch die Methode.

Das spöttische Klischee, das ständig wiederholt wird, ist, dass „Dieudonné niemanden mehr zum Lachen bewegt.“

In Wirklichkeit ist es das Gegenteil, das zutrifft. Und da ist auch das Problem. Auf seiner letzten Tour in französischen Städten zeigen die Videos große Säle voller Leute, die sich mit ihrem Lieblingskomiker schier krummlachen. Er popularisierte eine einfache Geste, die er Quenelle (Klößchen) nennt. Diese Geste wird von jungen Leuten in ganz Frankreich imitiert. Sie bedeutet ganz einfach und klar: Sie haben die Nase voll.

Um einen Vorwand zu erfinden, um Dieudonné zu zerstören, haben die wichtigste jüdische Organisation, der CRIF (Ratsvertreter der jüdischen Institutionen Frankreichs, das französische Äquivalent der AIPAC), und die LICRA (Internationale Liga gegen Rassismus und Antisemitismus), die besondere Privilegien im französischen Recht genießt, eine extravagante Geschichte herausgegeben, die Dieudonné und diejenigen, die ihm folgen, als „Nazis“ abstempelt. Die Quenelle ist natürlich nur eine unflätige Geste, die etwa „im Arsch“ bedeutet, mit einer auf den anderen nach unten zeigenden Arm gelegten Hand, um die Länge der Quenelle anzuzeigen.

Aber für den CRIF und die LICRA ist die Quenelle „ein Nazi-Gruß in umgekehrter Richtung“. (Man ist nie „wachsam“ genug, wenn man einen versteckten Hitler sucht.)

Wie jemand erwähnte, kann ein „umgekehrter Nazi-Gruß “ gut als Anti-Nazi betrachtet werden, falls die Geste etwas mit Heil Hitler zu tun hätte. Aber das ist eindeutig nicht der Fall.

Aber die Medienwelt nimmt diese Behauptung voll auf, und zeigt zumindest, dass „manche die Quenelle als einen umgekehrten Nazi-Gruß betrachten.“ Egal, ob diejenigen, die diese Geste praktizieren, keinen Zweifel daran haben, was sie bedeutet: „N*que le système“ (F*** the system!)

… Warum konzentriert also die herrschende Klasse ihre Anprangerung auf „den talentiertesten Humoristen seiner Generation“ (so wie seine Kollegen zugeben, selbst wenn sie ihn auch denunzieren)?

Eine kurze Antwort ist wahrscheinlich, dass die steigende Popularität von Dieudonné bei der Jugend eine Steigerung der Kluft zwischen den Generationen bedeutet. Dieudonné macht auf Kosten des gesamten politischen Establishments lachen. Was zu einer Flut von Beleidigungen führt und zu Ansätzen, um Aufführungen zu verbieten, ihn finanziell zu ruinieren und sogar ins Gefängnis zu stecken. Die verbalen Angriffe bieten günstige Umstände für körperliche Angriffe gegen ihn. Vor ein paar Tagen wurde sein Assistent Jacky Sigaux am helllichten Tag von mehreren maskierten Männern vor dem Rathaus des 19. Bezirks – direkt gegenüber dem Park der Buttes-Chaumont – körperlich angegriffen. …

Aber welchen Schutz können wir seitens einer Regierung erwarten, deren Innenminister, Manuel Valls – zuständig für die Polizei – versprochen hat, Wege zu finden, um Dieudonné zum Schweigen zu bringen?

Dieser Fall ist wichtig, aber es ist fast sicher, dass er in den Medien außerhalb Frankreichs nicht richtig behandelt werden wird, – genauso, wie er in der französischen Presse nicht korrekt behandelt wird, die die Quelle von fast allem ist, was im Ausland gemeldet wird. …

Dieudonné M’Bala M’Bala kam in den Vororten von Paris vor 48 Jahren auf die Welt. Seine Mutter war eine Weiße aus der Bretagne, sein Vater war ein Afrikaner aus Kamerun. Dies sollte aus ihm ein Modell-Kind des „Multikulturalismus“ machen, den die vorherrschende Ideologie der Linken zu fördern sucht. Und während des ersten Teils seiner Karriere, im Duo mit seinem jüdischen Freund Elie Semoun, war er genau das: Er machte Kampagne gegen den Rassismus, konzentrierte seine Angriffe auf den Front National, und präsentierte sich sogar bei den Kommunalwahlen gegen einen Kandidaten des Front National in Dreux, einer Schlafstadt 90 Kilometer westlich von Paris, wo er wohnt. Wie die besten Humoristen hat Dieudonné immer die aktuellen Ereignisse aufs Korn genommen, aber mit ungewöhnlichem Engagement und seltener Würde in seinem Beruf. Seine Karriere war blühend, er spielte in Filmen, wurde im Fernsehen eingeladen und arbeitete dann allein. Er ist ein sehr guter Beobachter, brillanter und subtiler Nachahmer von verschiedenen Arten von Persönlichkeiten und Volksgruppen, von den Afrikanern bis zu den Chinesen.

Am 1. Dezember 2003, vor zehn Jahren, als Gast in einer Aktuelles behandelnden Fernsehsendung, mit dem Titel „On ne peut pas plaire à tout le monde“ (Man kann nicht allen gefallen), einem sehr passenden Namen, war Dieudonné als „zum extremistischen Zionismus Konvertierter“ vage verkleidet auf die Bühne gekommen, und schlug den anderen Protagonisten vor, „Mitglied der guten israelisch-amerikanischen Achse“ zu werden. Diese relativ moderate Infragestellung der „Achse des Bösen“ von George W. Bush schien völlig im Einklang mit der Zeit. Der Sketch endete mit einem kurzen „Isra-Heil“-Gruß. Man war weit entfernt von dem Dieudonné des Anfangs, aber der populäre Komiker wurde dennoch mit Begeisterung von den anderen Akteuren begrüßt, während das Publikum ihm eine standing ovation gab.

Es war im ersten Jahr des US-Angriffs auf den Irak, an dessen Beteiligung Frankreich sich geweigert hatte, was Washington dazu führte, die französischen „pommes frites“ (belgisch in Wirklichkeit) auf „freedom fries“ umzutaufen.

Dann haben die Proteste begonnen, insbesondere im Hinblick auf die End-Geste, die als eine Äquivalenz zwischen Israel und Nazi-Deutschland angesehen wurde.

„Antisemitismus!“ rief man, auch wenn das Ziel des Sketches Israel (und die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten im Nahen Osten) war. Die Aufrufe multiplizierten sich, um die Aufführungen zu verbieten, ihn vor Gericht zu verklagen, seine Karriere zu zerstören. Dieudonné hat versucht, zu erklären, dass sein Sketch nicht die Juden als solche betrifft, aber anders als andere vor ihm entschuldigte er sich nicht für eine Beleidigung, die er seinem Erachten nach nicht begangen hat. Warum gab es keine Proteste seitens der Afrikaner, die er verspottet? Oder der Moslems oder der Chinesen? Warum hat eine Gemeinschaft allein mit so viel Wut reagiert?

Dann kam ein Jahrzehnt Eskalation. Die LICRA begann eine lange Serie von gerichtlichen Klagen gegen ihn („Aufforderung zu Rassenhass“), die sie am Anfang verlor, aber dennoch nicht einstellte. Statt nachzugeben, stieß Dieudonné nach jedem Angriff seine Kritik an dem „Zionismus“ weiter voran. Zur gleichen Zeit wurde Dieudonné allmählich von den Fernsehstudios ausgeschlossen und von den Mainstream-Medien wie ein Paria behandelt. Es ist erst die jüngste Überfülle von Internet-Bildern, die die von jungen Leuten gemachte Geste der Quenelle zeigen, die das Establishment zum Schluss brachte, dass ein frontaler Angriff effektiver wäre als der Versuch, sie zu ignorieren.

… In den letzten 20 Jahren, während die religiöse Praxis und das politische Engagement merklich nachgelassen haben, wurde der Holocaust, der in Frankreich Shoah genannt wird, allmählich zu einer Art Staatsreligion. Die Schulen feiern jedes Jahr den Holocaust, er dominiert in einem historischen Bewusstsein, das wie andere Aspekte der Sozial- und Geisteswissenschaften rückläufig ist. Insbesondere ist das einzige von allen Ereignissen der langen Geschichte Frankreichs durch ein Gesetz geschützte die Shoah. Das so genannte Gayssot-Gesetz verbietet jede Befragung über die Geschichte der Shoah, eine absolut beispiellose Beeinträchtigung der Meinungsfreiheit.

Darüber hinaus wurden bestimmten Verbänden wie der LICRA Privilegien zugestanden, um Einzelpersonen vor Gericht auf Grund von „Anstiftung zum Rassenhass“ (sehr breit und ungleich ausgelegt) verfolgen zu können, mit der Möglichkeit, Schadenersatz und Zinsen im Namen der „beleidigten Gemeinschaft“ einkassieren zu können. In der Praxis werden diese Gesetze vor allem für die Verfolgung des angeblichen „Antisemitismus“ und „Revisionismus“ der Shoah verwendet. Auch wenn sie oft von den Gerichten abgewiesen werden, gestatten solche rechtliche Maßnahmen Belästigung und Einschüchterung. Frankreich ist eines der wenigen Länder, wo die BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestition, Sanktionen) gegen die israelischen Koloniesiedlungen auch vor Gericht angefochten werden kann, wegen „Anstiftung zum Rassenhass.“…

Norman Finkelstein hat vor einiger Zeit gezeigt, dass der Holocaust für wirklich wenig noble Zwecke benützt werden kann, wie Gelder von Schweizer Banken zu erpressen. Allerdings ist die Situation in Frankreich ganz anders. Es gibt wenig Zweifel, dass die ständigen Erinnerungen an die Shoah als eine Art Schutz für Israel wirken, gegen die Feindseligkeit, die durch die Behandlung der Palästinenser generiert wird. Aber die Religion des Holocaust hat eine tiefer greifende politische Auswirkung, die keine direkte Verbindung mit dem Schicksal der Juden hat.

Mehr als alles andere wurde Auschwitz als Symbol dafür interpretiert, wozu der Nationalismus führt. Der Hinweis auf Auschwitz wurde verwendet, um Europa ein schlechtes Gewissen zu geben, und besonders den Franzosen, wenn man berücksichtigt, dass ihre relativ bescheidene Rolle in diesem Fall (Auschwitz) eine Folge der militärischen Niederlage und Besetzung des Landes durch die deutsche Wehrmacht gewesen ist. Bernard-Henri Lévy, der Schriftsteller, dessen Einfluss in den letzten Jahren in groteskem Verhältnis wuchs (er hetzte Präsident Sarkozy in den Krieg gegen Libyen), begann seine Karriere, indem er argumentierte, dass „Faschismus“ die authentische „französische Ideologie“ sei. Schuld, Schuld, Schuld. Da man aus Auschwitz das bedeutendste Ereignis der Zeitgeschichte gemacht hatte, rechtfertigen eine Reihe von Schriftstellern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die wachsende Macht der Europäischen Union als notwendige Erneuerung der europäischen, grundsätzlich „schlechten“ Nationen. Nie wieder Auschwitz! Die Nationalstaaten in einer technokratischen Bürokratie auflösen, befreit von dem emotionalen Einfluss der Bürger, die nicht richtig wählen könnten. Fühlen Sie sich als Franzose? Oder Deutscher? Sie sollten sich dafür schämen – wegen Auschwitz.

Die Europäer sind immer weniger enthusiastisch über die EU, …

Die Fans von Dieudonné, nach den Fotos zu urteilen, scheinen vor allem junge Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren zu sein. Sie sind gut zwei Generationen nach dem zweiten Weltkrieg geboren. Sie haben ihr Leben lang über die Shoah sprechen hören. Mehr als 300 Pariser Schulen tragen eine Gedenktafel über das katastrophale Schicksal jüdischer Kinder, die in Konzentrationslager deportiert wurden. Was kann die Wirkung von alldem sein? Für viele von denen, die lange nach diesen schrecklichen Ereignissen geboren wurden, scheint es, dass jeder sich schuldig fühlen sollte, – wenn es auch nicht für das ist, was sie nicht getan haben, dann ist es für das, was sie gemacht hätten, wenn sie die Gelegenheit dazu gehabt hätten (wenn sie damals gelebt hätten).

… Letzten Sonntag hat Nicolas Anelka, ein bekannter afro-belgischer Fußballspieler, der in England spielt, eine Quenelle gemacht, nachdem er ein Tor geschossen hatte – aus Solidarität mit seinem Freund Dieudonné M‘Bala M‘Bala. Nach dieser einfachen und grundsätzlich unbedeutenden Geste, hat der Tumult neue Höhen erreicht.

… Frankreich hat Gesetze verabschiedet, um den „Antisemitismus zu bestrafen“. Das Ergebnis ist umgekehrt. Solche Bestimmungen zielen einfach darauf ab, die alte Idee zu bestätigen, dass die „Juden das Land dirigieren“ und tragen zum Aufstieg des Antisemitismus bei. …

In dieser Art von Konflikt hängt der Zivil-Frieden von der Weisheit und der Kapazität jener ab, die die Macht haben, Zurückhaltung zu zeigen. Wenn sie nicht auf diese Weise handeln, könnte es ein Spiel ohne Sieger sein. …

********************************************************************************

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter PC abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Dieudo und die Quenelle

  1. serapio schreibt:

    Besten Dank für die Erklärung. Ich hatte zwar in engl. und franz. sprachigen Blogs davon gelesen, aber nicht wirklich viel verstanden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.