Buch: Thilo Sarrazin „Der neue Tugendterror“

Einige Brosamen aus der Rezension von
Thorsten Hinz: http://jungefreiheit.de/kultur/literatur/2014/der-geaechtete/   (2.3.):

Vor gut drei Jahren veröffentlichte Thilo Sarrazin das Buch „Deutschland schafft sich ab“, in dem er darstellte, wie eine falsche Zuwanderungs- und Sozialpolitik den Abstieg des Landes bewirkt. …

… Sarrazins Thesen wurden als rassistisch, biologistisch, tendenziell rechtsextremistisch hingestellt und er in eine halbe Paria-Position gerückt. …

… Das Buch war das berühmte Ventil, mit dem Druck aus dem Kessel genommen wurde. Aufgestaute Frustration durfte sich im privaten und halböffentlichen Raum entladen und wurde herrschaftstechnisch neutralisiert. Politisch hat sich nichts geändert.

Im Gegenteil, die Leser wissen nun, daß ihr Unbehagen sie zwar nicht trügt, doch wissen sie auch, daß sie sich ins Abseits stellen, wenn sie ihre Meinung öffentlich vertreten. … Der Meinungskorridor hat sich seitdem weiter verengt, und das Netz der „Politischen Korrektheit“, des sprachlichen Systems, das die Wirklichkeit zum Verschwinden bringen will, ist noch enger gezogen.

Sarrazin verarbeitete in „Der neue Tugendterror“ persönliche Erfahrungen

Diese Erfahrungen bilden den Anlaß für das neue Buch, in dem Sarrazin sich als exemplarische Zielscheibe eines „Tugendterrors“ beschreibt. Es enthält die bedrückende Schilderung der Medienkampagne, die nach dem Erscheinen von „Deutschland schafft sich ab“ gegen ihn losbrach. Den zweiten Teil bilden die Exkurse über Struktur und Genese des Meinungsterrors, der im Gleichheitswahn wurzelt. Der abschließende Teil enthält „Vierzehn Axiome des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart“.

… Im politisch korrekten Vokabular bestreiten die Verfasser [d. h. die kritisierten Journalisten] die Existenz der Politischen Korrektheit im deutschen Journalismus. …

Das scheint Sarrazins Bild einer „ideologisierten Medienklasse“, der „Experten für Kritik und Sinngebung“ und ihrer „Kronzeugen aus den Geisteswissenschaften“ zu bestätigen. Sie rekrutiere sich aus Absolventen der Politikwissenschaft, Germanistik und Geschichte, sei ohne Lebenspraxis und habe keine Ahnung von Problemlösungen. Sie wirke mit einer inkompetenten politischen Klasse zusammen, die ihren „großenteils willfährigen Resonanzboden“ bilde.

… Um die Struktur und Genese des Tugendterrors zu analysieren, greift Sarrazin auf die „Schweigespirale“ von Elisabeth Noelle-Neumann sowie auf ihren Schüler, den Mainzer Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger, zurück. Er zitiert Verhaltensforscher, und zeigt anhand von George Orwell, wie die „Dekadenz der Sprache“ zu einer „Dekadenz des Denkens“ führt.

Den größten Teil nehmen die Darstellung und Dekonstruktion der „Vierzehn Tabus“ ein. Zu ihnen zählt Sarrazin die Vergottung der Gleichheit, die Verachtung der Sekundärtugenden und des Leistungsgedankens, die Thesen von der Gleichwertigkeit der Kulturen, von der Friedfertigkeit des Islam und von der Überlebtheit der klassischen Familie und des Nationalstaates. Sarrazin persifliert jeweils die offiziösen, politisch korrekten Standpunkte, wobei sich seine Fähigkeit zum Sarkasmus glänzend bewährt.

Aus Gründen der Selbstverwirklichung, des Antirassismus und des Klimaschutzes, spottet er, sei es „richtig, daß die deutsche Familienpolitik die Zielsetzung, die Zahl der Geburten zu erhöhen, längst aufgegeben hat. Besonders wenige Kinder bekommen übrigens Journalisten und Politiker. …

… Der propagierte Gleichheitswahn führt, in die Praxis übersetzt, zu einem völligen Umbau der Gesellschaft, zur Zerstörung von familiären, regionalen und nationalen Strukturen und zur Atomisierung der Individuen.

Wer nach der Logik und den Interessen fragt, die durch diese Entwicklung bedient werden, stößt auf die Strategen und Nutznießer der Globalisierung, jener internationalen Entwicklung, welche die totale Mobilität von Menschen, Gütern, Rohstoffen und Kapital und letztlich die Vereinheitlichung der Welt zum Ziel hat. Für sie sind die Verteidiger der Nationalstaaten und der Volkssouveränität natürliche Feinde.

Es lohnt einfach nicht, sich länger mit den einzelnen sarrazinkritischen Medienvertretern auseinanderzusetzen. Vielmehr müßten die Strukturen, die international verflochtenen Pressekonzerne, die Multis, Stiftungen und Denkfabriken betrachtet werden, denen sie wissentlich oder unwissentlich dienstbar sind. Sarrazins neues Buch ist ein wichtiger Baustein, ein Schlußpunkt und vor allem eine Aufforderung an den politisch interessierten Leser, seinen Blick zu weiten.

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Bedauerlicherweise hackt Sarrazin auf die katholische Kirche los:
http://www.civitas-institut.de/index.php?option=com_content&view=article&id=2241:sarrazin-sozialdarwinismus-und-antikatholizismus&catid=1:neuestes&Itemid=33   (27.2.):

Thilo Sarrazin hat ein neues Buch geschrieben. Das Buch wurde gestern im Haus der Bundespressekonferenz vorgestellt und trägt den Titel „Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“. Sarrazin ist Politiker, Mitglied der SPD und das merkt man im Buch deutlich. Von Geschichte und Religion hat Herr Sarrazin keine Ahnung. Sein schlichtes Weltbild besteht aus einer sozialdarwinistischen Weltanschauung und einem ausgeprägten Antikatholizismus, bzw. einer heftigen Ablehnung jeder Religion. Für den „Tugendterror“ ist nach seiner Auffassung nämlich letztlich die katholische Kirche verantwortlich.

Das Buch enthält natürlich eine große Anzahl richtiger Beobachtungen über den linken und „grünen“ Tugendterror in Deutschland, von dem Herr Sarrazin nach der Veröffentlichung seines ersten Buches selbst betroffen war. Ihm hat dies allerdings nicht geschadet, sondern den Verkauf des Buches sehr gefördert. Katholiken, die diesem „Tugendterror“ der rot-grünen Einheitspartei in Deutschland ausgesetzt sind, können hingegen anderes berichten.

Sarrazin führt den Gleichheitswahn als die Ursache des modernen Tugendterrors an. Da ist zweifellos etwas Richtiges dran. Er meint, dass nach dem Untergang der politischen Ideologien die Gleichheit als einzige Ideologie übriggeblieben ist, die er als eine neue Religion bezeichnet und die, so Sarrazin wörtlich, „wie alle Religionen gefährlich“ sei. Weiter erläutert er dies durch die Aussage, dass die Gleichheitsideologie die katholische Soziallehre prägt, ebenso wie den Feminismus, die Homobewegung und die rot-grünen Medienvertreter. So gelingt es Sarrazin tatsächlich, die Feinde der katholischen Kirche mit dieser in einer Reihe zu stellen.

Nirgendwo sonst wird vermutlich die Ideologie der Gleichheit deutlicher und theoretisch fundierter zurückgewiesen als in der überlieferten katholischen Soziallehre. Es mag sein, dass die modernistische Soziallehre der Kirche eine andere Haltung zur Gleichheit hat, doch ist diese eben nicht katholisch, auch wenn sie sich tausendmal so bezeichnet.

Weiter behauptet Sarrazin, dass der Ursprung der Gleichheitsideologie und damit des Tugendterrors im Christentum, speziell natürlich in der katholischen Kirche zu finden ist. Und dafür werden nun gerade die üblichen „Argumente“ aus dem Arsenal der klassischen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts ausgegraben. Schuld am heutigen Tugendwahn ist die Inquisition. Schon die Christianisierung hat nach Sarrazin einen Tiefschlag in der geistigen Freiheit bewirkt, der erst durch die Renaissance und die Aufklärung beendet wurde.

Die Inquisition versteht er dabei als „zentral gesteuerten Tugendterror einer Organisation, (…) die den Anspruch hatte, die Gedanken der Menschen umfassend zu lenken und zu kontrollieren“. Frei von jeder Kenntnis der Geschichte und die Ideologien des 19. Jahrhunderts nachplappernd, kommt er so zu den „säkularen Formen des Tugendterrors, vom Wohlfahrtsausschuss der Französischen Revolution über Stalins Kerker bis hin zur Gewaltherrschaft der Roten Khmer“, die es „mit den Terrortaten des christlichen Glaubens allemal aufnehmen“. Hier zeigt sich, welch Geistes (oder besser Ungeistes) Kind diese linke Herr ist. Man kann ihm nur empfehlen, anstatt jeden Tag Statistiken und Zahlenreihen zu studieren, doch ausnahmsweise mal ein Buch zur Geschichte der Kirche in die Hand zu nehmen; oder zumindest einige der Veröffentlichungen zur Inquisition, die in den letzten Jahrzehnten ein völlig anderes Bild gezeichnet haben als das durch die Französische Revolution, den Liberalismus und den Sozialismus entwickelte Lügengebäude aus dem 19. Jahrhundert.

Man kann das Buch also getrost in den Regalen der Buchhandlungen liegen lassen. Die berichteten Tatsachen über den rot-grünen Tugendterror kann man täglich im Internet nachlesen und der Rest des Buches ist schlicht: falsch.

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Ergänzung 3.3.2014:

Bei Peter Hahne am Sonntag um 10:15h:
http://www.youtube.com/watch?v=k7WTYXPKDgw   Der neue Tugendterror: Thilo Sarrazin gegen Jakob Augstein  (2.3.   26 min)

und kurz darauf eine Bestätigung des Tugendterrors:
http://www.welt.de/politik/deutschland/article125344150/Kopftuchmaedchen-verhindern-Sarrazin-Lesung.html   (2.3.):

Der frühere SPD-Politiker Thilo Sarrazin wollte im Berliner Ensemble über sein neues Buch vom „Tugendterror“ diskutieren. Allerdings kam es nicht dazu. Wütende Demonstranten hatten etwas dagegen.

Um fünf vor zwölf haben die Demonstranten ihr Ziel erreicht: Thilo Sarrazin verlässt die Bühne, umzingelt von mehreren Personenschützern. Er flieht vor einem lautstarken Mob, vor mehreren Dutzend Protestierenden, die linksradikale Parolen brüllen. Er kapituliert vor Trillerpfeifen, Buhrufen und „Sarrazin raus“-Schlachtgesängen. Der Bestsellerautor und Sozialdemokrat, der Ex-Bundesbankvorstand und ehemalige Berliner Finanzsenator entschwindet nach fast einer Stunde vom Podium – ohne dass er dort ein Wort gesagt hat.

… Unter Bravo- und Buhrufen betritt Sarrazin um 11.02 Uhr das Foyer im ersten Stock des BE. „Wir sind die Gemüsehändler“, steht auf einem Transparent, das eine junge Frau entrollt. „Wir sind die Kopftuchmädchen“, behauptet ein älterer Herr aus der Menge. Ein weiterer Demonstrant hält ein Schild hoch, auf dem eine Guillotine zu sehen ist und „#TerrorThilo“ als „Menschenfeind im Brecht-Theater“ tituliert wird. „Wir sind der Tugendterror“, kündigt ein anderer in großen Lettern an. Er hat nicht zu viel versprochen. „Hau ab, hau ab“, skandieren mehrere Dutzend Demonstranten.

Die Sarrazin-Fans reden auf die Sarrazin-Gegner ein. Und umgekehrt. Vertreter beider Gruppen fotografieren sich gegenseitig. Sarrazin sitzt mit verschränkten Armen auf der Bühne, eingerahmt von den „Cicero“-Journalisten Alexander Marguier und Frank A. Meyer. „Beginnen wir mal“, ruft Meyer nach minutenlangem Getöse in den Saal. Das aber bleibt ein frommer Wunsch.

Die Veranstalter versuchen zu deeskalieren. „Es gibt in unserem Land etwas, das heißt Demokratie“, wendet sich die zur Besänftigung der Seelen herbeigeeilte Jutta Ferbers vom BE an das „Auditorium“. Deshalb möge man nun abstimmen, „ob wir die Veranstaltung machen“. Das handhebende Votum fällt eindeutig positiv aus. Der Appell an die Demonstranten, „die Demokratie zuzulassen“ und zu gehen, verpufft.

… Die Veranstaltung endet, bevor sie begonnen hat. Die Gäste bekommen ihr Eintrittsgeld erstattet. Sarrazin flieht ins Direktionszimmer von Helene Weigel. „Gegen Rechtsbrecher müssen Sie die Polizei holen“, wirft seine Ehefrau Ursula dem BE vor. Jutta Ferbers hat soeben mit ihrem Intendanten Claus Peymann gesprochen. Unumwunden gibt sie zu: „Wir haben uns diesem Meinungsterror gebeugt.“

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Ergänzung 4.3.2014:

Alexander Marguier: http://www.cicero.de/berliner-republik/demonstration-gegen-sarrazin-wie-man-die-demokratie-ruiniert/57145   (3.3.):

Demonstranten haben am Sonntag im Berliner Ensemble ein Podiumsgespräch mit Thilo Sarrazin gesprengt. Eine Diskussion über Meinungsfreiheit zu verhindern, weil einem die Meinung eines der Beteiligten nicht passt, darauf muss man erst einmal kommen. Und ein SPD-Mann klatscht Applaus

Soviel also zum Thema Debattenkultur in Deutschland. Soviel auch zur aktuellen Cicero-Printausgabe mit dem Titel „Kein Recht auf Randale“. Kein Recht auf Randale? Ungefähr 25 Leute, die gestern Vormittag eine Diskussionsveranstaltung von Cicero mit Thilo Sarrazin im Berliner Ensemble gesprengt haben, indem sie mit Geschrei, Pöbeleien, Trillerpfeifen und Handgreiflichkeiten die Möglichkeit zum Meinungsaustausch verhinderten, sehen das offenbar anders. Sie fühlen sich im Recht und leiten aus diesem Gefühl ihr vermeintliches Recht ab, anderen Menschen das Wort zu verbieten – zur Not auch mit Gewalt. Herzlichen Glückwunsch!

Der Sieg der Demonstranten ist ein Triumph der Denkfaulheit

Herzlichen Glückwunsch auch deshalb, weil die Randalierer mit ihrer Aktion im traditionsreichen Berliner Brecht-Theater die Thesen des Gesprächsgastes bestätigt haben. Wir wollten nämlich mit Thilo Sarrazin über dessen neues Buch reden, in dem er einen angeblich linken „Tugendterror“ in diesem Land beklagt, der die Urheber missliebiger Ansichten mundtot zu machen versuche. Um es gleich klarzustellen: Ich teile Sarrazins Ansichten größtenteils nicht, auch nicht nach den gestrigen Vorfällen. Aber ich kann verstehen, dass jemand, der permanent solche Angriffe über sich ergehen lassen muss, auf den Gedanken kommt, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung nur eingeschränkt gilt. Man muss eine Meinung nämlich nicht verbieten, um sie zu unterdrücken. Randale zum richtigen Zeitpunkt, Diffamierung oder nur die verkürzte und damit verzerrende Wiedergabe entsprechender Thesen in der medialen Öffentlichkeit tun auch schon ihre Wirkung.

Eine Diskussion über Meinungsfreiheit zu verhindern, weil einem die Meinung eines der Beteiligten nicht passt, darauf muss man erst einmal kommen. Ob die Randalierer jetzt zufrieden sind? Der Sieg, den sie nach Abbruch der Veranstaltung gestern vor dem Berliner Ensemble feierten, war ein Triumph der Denkfaulheit, der Intoleranz, der Sprechverbote. So ruiniert man eine Demokratie.

Infantile Eventkultur statt Argumenten

Dass sich gestern Morgen um die hundert Demonstranten vor dem Austragungsort des geplanten Gesprächs versammelt hatten, um gegen Sarrazin, gegen die Theaterleitung und gegen uns als Gastgeber zu demonstrieren, ist deren gutes Recht. Ebenso deren gutes Recht ist es, solch einer Demo mit Flaschenbier und dröhnender Technomusik aus Lautsprecheranlagen den Anstrich eines typischen Berliner Freiluft-Saufevents zu verpassen – das untermauert zwar nicht gerade die Ernsthaftigkeit des gesamten Unterfangens, aber hey: Ein bisschen Spaß dürfen sich ja wohl auch jene erlauben, die sonst keinen Spaß verstehen (zumindest nicht bei Leuten, deren Ansichten sie nicht teilen).

Drinnen ging der Spaß dann aber weiter – mit einfallsreichen Sprechchören („Sarrazin ist/ein Rassist“), Buh-Rufen, lustigen Kopftuchmädchen-T-Shirts oder dem wiederholten Versuch, die Bühne zu stürmen. Ja, die Freude an der Randale war förmlich mit Händen zu greifen (und ich hatte vom Podium aus einen ziemlich guten Überblick). Dass 90 Prozent der Zuschauer, die gekommen waren, um einem Streitgespräch mit Thilo Sarrazin zuzuhören, die Freude über den Karneval der Meinungsdiktatoren nicht teilen wollten, befeuerte deren Freude an der Destruktion um ein weiteres. Verständlich auch dies. Denn wer auf die Kraft seiner eigenen Argumente nicht vertraut, für den bleibt immer noch die Randale als ultima ratio der infantilen Eventkultur.

Die Cicero-Foyergespräche im Berliner Ensemble pflegen traditionell eine offene Debatte. Das zeigt sich schon darin, dass die Zuschauer im letzten Drittel der Veranstaltung die Möglichkeit haben, ihr Wort direkt an den Gast zu richten – um ihm oder ihr Fragen zu stellen, die Meinung zu sagen. Von alledem wollten die Randalierer aber nichts wissen; auch nicht, nachdem die Theaterleitung ihnen erlaubt hatte, ein Manifest zu verlesen. Gegenrede unerwünscht. Stattdessen wurde Sarrazin mit Papierkugeln beworfen.

Helau, Alaaf und Kamelle für alle, die das nicht lustig finden. „Wir sind alle Narren, aber keiner hat das Recht, einem anderen seine eigentümliche Narrheit aufzudrängen“, hat Georg Büchner einmal treffend bemerkt.

Im Berliner Ensemble geht es um nichts weniger als ums große Ganze

„Wenn wir ihn (Sarrazin) schon nicht loswerden: Ausgerechnet das Berliner Ensemble sollte dem nicht auch noch seine Bühne öffnen“: Diese Twittermeldung hat gestern kein anderer als der Berliner SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß in die Welt gesetzt. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als klar war, dass die Randalierer ein Streitgespräch mit Thilo Sarrazin verhindert hatten. Nur zur Erinnerung: Jan Stöß, das ist der Mann, der sich derzeit Hoffnung darauf macht, Klaus Wowereit als Regierenden Bürgermeister zu beerben. Und so einer freut sich auch noch darüber, wenn eine Debatte vereitelt wird, die in wesentlichen Punkten ganz unmittelbar mit der Stadt zusammenhängt, deren höchstes Amt er anstrebt.

Lieber Herr Stöß, ich weiß, dass es in Ihren Ohren unerhört klingen muss: Aber Politik hat nicht immer nur mit kleinen Machtspielchen in den Konferenzräumen irgendwelcher Bezirksrathäuser zu tun. Sogar in Berlin sollte es ab und zu ums große Ganze gehen. Zum Beispiel, wenn das für eine funktionierende Demokratie unerlässliche Streitgespräch durch Randale verhindert wird.

Und noch etwas, verehrter Jan Stöß. Ich glaube, wir teilen beide nicht Sarrazins Ansichten. Aber im Gegensatz zu Ihnen freue ich mich überhaupt nicht darüber, wenn Krawallmacher ihn daran hindern, seine Meinung zu sagen. Ich hätte Thilo Sarrazin gestern zum Beispiel gern gefragt, ob die Debatte, die er angestoßen hat, unsere Gesellschaft denn in irgendeiner Form weitergebracht hat oder nicht. Eine Antwort darauf konnte er aber nicht geben, weil Randalierer ihrer eigenen Form des Antwortens glaubten Ausdruck geben zu müssen. Und Leute wie Sie, Herr Stöß, spenden dazu ihren Applaus?

Lieber Herr Stöß, ob es Ihnen passt oder nicht: Das Streitgespräch mit Thilo Sarrazin werden wir nachholen. Und Sie sind herzlich eingeladen, sich daran zu beteiligen. Vielleicht reicht es beim nächsten Mal ja sogar zu mehr als einer Twittermeldung.

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Ergänzung 6.3.2014:

Gerd Habermann: http://www.nzz.ch/wirtschaft/wirtschafts-und-finanzportal/die-religion-der-gleichheit-1.18256281   (5.3.):

Thilo Sarrazin, Ökonom, Politiker und anti-egalitärer Publizist, hat nach «Deutschland schafft sich ab» (2010) und «Europa braucht den Euro nicht» (2012) mit «Tugendterror» ein weiteres «politisch unkorrektes» Buch lanciert. Diesmal geht es um den Kern dessen, was hinter der umlaufenden Gleichheitsideologie steckt: ihre Träger, deren Ideenwelt und politische Strategien. Der Autor erkennt eine meinungsprägende «Medienklasse», der eine geistig unsichere Politikerklasse fast widerstandslos folgt.

Nach dem Ende des Marxismus ist als dessen Residuum ein unbedingter Gleichheitsglaube übrig blieben, der im Westen einen Siegeszug angetreten hat. Gleichheit wird da nicht mehr als die liberale Gleichheit und Gleichbehandlung vor dem Gesetz verstanden, sondern als faktische Gleichheit in sozialökonomischer Hinsicht und vor allem in sozialer Geltung. Der Autor schreibt: «Ungleiches wird verneint, heruntergespielt oder ins Bedeutungslose verschoben. Für alles Ungleiche sind entweder Ungerechtigkeiten oder äussere Umstände ursächlich, die niemand zu verantworten hat.» Als Diskriminierung wird hier nicht mehr nur die Ungleichbehandlung durch das Gesetz (im öffentlichrechtlichen Bereich) verstanden, sondern jede gruppenbezogene Bewertung und Präferenz im Privatleben – betreffe dies Geschlecht, Alter, Glauben, Kultur, Völker, soziale Stellung, auch Schönheit oder Intelligenz.

Durch die «Medienklasse» wurde mehr und mehr erfolgreich ein neuer sprachlicher Code errichtet, der nichtegalitäre Bewertungen brandmarkt und deren Träger sozial zu isolieren sucht. Menschen, die Loyalität zu traditionellen Lebensformen, zur eigenen Kultur oder Nationalität äussern, geraten in die Defensive. Die Formel heisse mit Saint-Just: Freiheit ist Gleichheit, und diese ist mit Gerechtigkeit identisch; Gerechtigkeit wiederum mit einer unfassbaren Verteilungsgerechtigkeit, die Sarrazin ähnlich wie F. A. von Hayek aufs Korn nimmt. Er sieht diese Gedanken in einer geistesgeschichtlichen Linie, die mit dem Wohlfahrtsausschuss der Französischen Revolution und seinem «Tugendterror» beginnt und in Totalitarismen des 20. Jahrhunderts (vorläufig) führt.

Gerd Habermann, Vorsitzender der F.-A.-von-Hayek-Stiftung, lehrt als Honorarprofessor an der Universität Potsdam.

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Ergänzung:

http://www.unzensuriert.at/content/0014974-Claus-Peymann-Linker-Protest-gegen-Sarrazin-ist-nazihaftes-Gep-bel   (5.3.):

Überraschend scharf kritisierte Claus Peymann in einem Interview mit der Welt den Protest linker Demonstranten gegen eine Lesung des deutschen Politikers, Volkswirts und Buchautors Thilo Sarrazin. Als Reaktion darauf, dass Sarrazins Lesung im Berliner Ensemble (BE) aufgrund wütender Demonstranten abgebrochen wurde, übte Peymann – er ist Intendant des Hauses – heftige Kritik. Er habe kein Verständnis für die Demonstranten und wird wie folgt zitiert:

Es war ein undemokratisches, nazihaftes Gepöbel, dem wir uns schließlich beugen mussten. …

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Ergänzung 10.3.2014:

Dieter Stein: http://jungefreiheit.de/debatte/2014/bestaetigung-des-tugend-terrors/   (6.3.):

Thilo Sarrazin hat mit seinem Buch „Der neue Tugendterror“ ins Schwarze getroffen. Der unbequeme Sozialdemokrat ist für viele im Medienbetrieb eine Nervensäge. Lächerlich sei seine Behauptung, man könne seine abweichende Meinung in Deutschland nicht frei äußern. Lieblingsargument: Schließlich habe er ja von seinem ersten Buch 1,5 Millionen Exemplare verkauft.

Sarrazin macht in diesen Tagen die Probe aufs Exempel. Und bekommt prompt recht. Er tourt mit seinem neuen Buch durch Deutschland. Am vergangenen Sonntag sollte er sich auf Einladung des Magazins Cicero im Berliner Ensemble (BE) kritischen Fragen zu seinem Buch stellen. Es kam nicht dazu, weil randalierende linke Demonstranten den Saal stürmten und den Abbruch der Veranstaltung forderten. Die BE-Verantwortlichen reagierten hilflos und kapitulierten vor antidemokratischen Forderungen der Protestler, die Transparente mit der Aufschrift „Heul doch, Terror-Thilo“ oder „Halt’s Maul, oder wir schlagen zurück“ hielten.

„Undemokratisches, nazihaftes Gepöbel“

Die Aktion könnte ein Eigentor werden, denn sie unterstreicht Sarrazins These vom „Tugendterror“. BE-Chef Claus Peymann distanzierte sich auch von den linken Chaoten und warf diesen „undemokratisches, nazihaftes Gepöbel“ vor. Eine Wiederholung der Veranstaltung sei denkbar, meint Peymann. Polizei habe man aber nicht einsetzen wollen, um das Rederecht durchzusetzen. Diejenigen, die das Recht auf freie Meinungsäußerung und uneingeschränktes Demonstrationsrecht für Konservative oder „Rechtspopulisten“ verhindern wollen, brauchen keine gesellschaftliche Ächtung zu befürchten.

Seit 1968 gilt das Sprengen von Veranstaltungen, das Niederbrüllen des politischen Gegners, der Einsatz von „antifaschistischen“ Schlägerbanden gegen Andersdenkende (sofern es sich um „Rechte“ handelt) als zivilgesellschaftlicher, progressiver Protest, der für die Urheber in der Regel folgenlos bleibt. Sie ernten „klammheimliche“ oder offene Zustimmung und verdienen sich sogar im Rahmen eines staatlich mit Steuermillionen subventionierten „Kampfes gegen Rechts“ Pluspunkte.

Brutalität hinter demokratischer Fassade

In Stuttgart fand am vergangenen Wochenende eine Demonstration von 1000 konservativen Gegnern des grün-roten gendergerechten „Bildungsplans“ statt. Auch hier versuchten gewalttätige linksradikale Gegendemonstranten den bürgerlichen Protest zu unterbinden. In den Berichten der Zeitungen fiel meist unter den Tisch, von wem die Gewalt ausging, wurde verniedlichend von „Rangeleien“ gesprochen. Sarrazin ist der Lackmus-Test der Demokratie. Er kann sich noch äußern. Doch was ist mit seinen Lesern? Wer entscheidet, wer in einen Saal darf? Wer entscheidet, wer an das Mikrofon kommt, und wer dreht es ab? Hinter der demokratischen Fassade erleben wir eine brutale Diskurslenkung.

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Ergänzung 11.3.2014:

Martin Lichtmesz: http://www.sezession.de/44011/berlin-tugendterror-gegen-sarrazin.html (4.3.):

Es liest sich wie ein makabrer Witz oder PR-Gag: Thilo Sarrazin sollte am Sonntag auf Einladung des Magazins Cicero im Berliner Ensemble über sein neues Buch über den „Tugendterror“ sprechen, und wurde dabei von einer Horde Anschauungsobjekte besucht, die mit „Trillerpfeifen, Buhrufen und ‚Sarrazin raus‘-Schlachtgesängen“ dafür sorgten, daß die Veranstaltung abgebrochen werden mußte.

trans Berlin: Tugendterror gegen SarrazinDie Slogans, die dabei zum Einsatz kamen, lauteten unter anderem so: „Wir schaffen Deutschland ab!“, „Heul doch, Terror-Thilo!“, „Rassistische Kackscheiße“, „Nazis raus!“, „Hau ab!“, „Halt’s Maul! Oder wir schlagen zurück!“, „Integration nein danke“, „Scheiß-Theater“ und „Terror-Thilo – Der Menschenfeind im Brecht-Theater“. Ein Demonstrant soll einen altbekannten „antideutschen“ Kalauer gerufen haben: „Deutschland von der Karte streichen, Polen soll bis Frankreich reichen“. Besonders humorig diese Transparente: „Wir sind die Kriminellen“ und „Unsere Gene machen uns dumm und gewalttätig“. …

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Ergänzung 25.3.2014:

Gerd Habermann: http://ef-magazin.de/2014/03/24/5105-rezension-thilo-sarrazin-der-neue-tugendterror:

Die Religion der Gleichheit

Thilo Sarrazin, Ökonom, Politiker und antiegalitärer Publizist ist nach „Deutschland schafft sich ab“ (2010) und „Europa braucht den Euro nicht“ (2012) mit einem weiteren konsequent „politisch unkorrekten“ Buch hervorgetreten. Diesmal geht es um den Kern dessen, was hinter der umlaufenden Gleichheitsideologie steckt: seine Träger, deren Ideenwelt und politischen Strategien. Er erkennt eine meinungsprägende „Medienklasse“, welcher eine geistig unsichere Politikerklasse fast widerstandslos folgt. Nach dem Ende des Marxismus ist als dessen Residuum ein unbedingter Gleichheitsglaube übrig geblieben und hat überall im Westen einen überraschenden Siegeszug angetreten. Gleichheit wird hier nicht mehr als die liberale Gleichheit und Gleichbehandlung vor dem Gesetz verstanden, sondern als faktische Gleichheit in sozialökonomischer Hinsicht und vor allem in sozialer Geltung: „Ungleiches wird verneint, heruntergespielt oder ins Bedeutungslose verschoben. Für alles Ungleiche sind entweder Ungerechtigkeiten oder äußere Umstände ursächlich, die niemand zu verantworten hat.“ Als Diskriminierung wird hier nicht mehr nur die Ungleichbehandlung durch das Gesetz (im öffentlich-rechtlichen Bereich) verstanden, sondern jede gruppenbezogene Bewertung und Präferenz im Privatleben. Sie wird als „Rassismus“ gebrandmarkt und betrifft alle differenzierende Bewertung von Geschlecht, Alter, Glauben, Kultur, Völkern, sozialer Stellung, auch Schönheit oder Intelligenz. Es wurde durch die Medienklasse – „linke“ Intellektuelle in Presse und Funkmedien – mehr und mehr erfolgreich ein neuer sprachlicher Code aufgerichtet, der alle nichtegalitären Bewertungen brandmarkt und deren Träger sozial zu isolieren sucht. Menschen, die Loyalität zu traditionellen Lebensformen oder zur eigenen Kultur oder Nationalität äußern, geraten in die Defensive … Die Formel heiße mit St. Just: Freiheit ist Gleichheit und diese ist mit Gerechtigkeit identisch. Und Gerechtigkeit wiederum mit einer unfassbaren Verteilungsgerechtigkeit, die Sarrazin ähnlich wie F. A. von Hayek aufs Korn nimmt. Sarrazin sieht diese Gedanken in einer geistesgeschichtlichen Linie, die mit dem Wohlfahrtsausschuss der Französischen Revolution und seinem „Tugendterror“ beginnt und in den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts (vorläufig) endet. Verbunden ist mit dieser Bewegung auch eine Sprachkorrektur – die Elimination vermutet diskriminierender, bis dahin wertfrei gebrauchter Begriffe, der Ansatz zu einer Sprachreinigung selbst in der Literatur: das Programm eines Orwellschen „Neusprechs“. Am Ende steht das Ideal einer Weltgesellschaft der entindividualisierten Gleichen – die „inklusive Gesellschaft“, ohne Differenzen und damit ohne Wettbewerb, in einer spannungslosen Harmonie.

Dies ist der Kernteil des Buches. Im ersten Teil befasst sich der Autor mit der Reaktion der Medien auf seine ersten „unkorrekten“ Bücher, als Beleg für die herrschsüchtige Unduldsamkeit der Egalitären. Im letzten – didaktisch besonders eindrucksvollen – Teil stellt der Autor 14 Axiomen der Gleichheitsbewegung die Wirklichkeit gegenüber.

Dieses Buch von Sarrazin ist ein weiterer präziser und nüchterner liberaler Beitrag zu einer verwirrenden Debatte, die wohl erst am Anfang steht, aber dringend auch von liberaler Seite geführt werden muss. Das Buch ist eine Schatzkammer an klugen Argumenten und Analysen und von erstaunlich intellektuellem Mut. …

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2 Antworten zu Buch: Thilo Sarrazin „Der neue Tugendterror“

  1. bei uns in D schreibt:

    DIe versoßende Farbenlehre des neuen Tugendterrors tobt über das Land hinweg und erreicht viele, die sich gern ein Wendemäntelchen umhängen:
    so auch den Deutschen Frauenrat.
    eine Anfrage des Familienverbandes, Prof. Resch.
    daraus zitiert:

    #Nachdem sich der DF vehement und immer wieder neu in diesem Sinne äußert, bitten wir um die Klärung zweier Fragen:

    1) Wie kann es sein, dass ein Verband, der lt. Satzung anstrebt,

    den Belangen der Frauen in der Bundesrepublik Deutschland Gewicht zu geben und sie durchzusetzen Satzg 1.1)

    die Stellung der Frauen in Familie, Berufs- und Arbeitswelt, Politik und Gesellschaft zu verbessern (Satzg.1.2)

    die in Art. 3 des GG verankerten Gleichheits- und Gleichberechtigungsgebote zu verwirklichen (Satzg. 2),

    diese Ziele zwar angeblich im Namen aller Frauen in Deutschland vertritt, dabei aber in Wirklichkeit die große Gruppe der Frauen (und weniger Männer), die in Vollzeit häusliche Erziehungs- und Pflegearbeit leisten, diskriminierend ausschließt?

    2) Wie kann es sein, dass eine Frauenorganisation die Definition von Gleichheit und Gleichberechtigung nicht in der gleichen Werthaltung verschiedener Lebensentwürfe von Frauen, sondern lediglich in der Gleichstellung von Männern und Frauen in der Erwerbsarbeitswelt sieht?

    Zu beiden Aspekten, die ja ineinandergreifen, stellen sich mehrere ergänzende Fragen:

    Ist denn die patriarchale Sichtweise richtig und haltbar, dass allein der traditionell männlich gewesene Arbeitsplatz in der Produktion, dem volkswirtschaftliche Relevanz zugeschrieben

    wird, Anerkennung und Lohn verdient, und dass Frauen folglich nur durch die gleiche Beteiligung an dieser Arbeitswelt Gleichberechtigung erfahren könnten? Warum soll der traditionell von Frauen besetzte, reproduktive Arbeitsplatz in der Familie, der den Fortbestand und die soziale Sicherheit der Gesellschaft gewährleistet , nicht die entsprechende Anerkennung und finanzielle Absicherung erfahren?

    Anerkennt der DF nicht das im GG Art.6 festgeschriebene Recht der Eltern, dass zuvörderst sie frei zu bestimmen haben, wie und durch wen ihre Kinder erzogen werden sollen? Durch die ausschließlich positive Werthaltung gegenüber der Erwerbsarbeit bei gleichzeitiger diffamierender Geringbewertung der elterlichen Erziehungsleistung wird diese Freiheit empfindlich beschnitten, ja in vielen Fällen sogar verweigert. Dem ist nicht mit der Forderung zu begegnen, die Väter sollten sich an den häuslichen Pflichten in gleicher Weise beteiligen, denn auch den Vätern ist nicht zuzumuten, die Benachteiligungen, die sich daraus ergeben, widerstandslos hinzunehmen.

    Wäre es nicht eine dringende Aufgabe des DF, neben der Forderung, die Führungspositionen in Politik und Wirtschaft zu 50% mit Frauen zu besetzen, auch die finanzielle Sicherung der Frauen, die Kinder gebären und erziehen und alte Eltern pflegen, voranzubringen? Die Klage und der Rat – auch des DF – , Frauen sollten sich durch derlei Lebensentwürfe doch bitte nicht in die Armut und Altersarmut treiben lassen, ist an kurzschlüssigem Zynismus kaum zu überbieten.

    Man geniert sich fast, es immer wieder zu zitieren: Kinder sind unsere Zukunft. Um nachhaltig zu agieren, muss nicht nur die Wirtschaft mit Arbeitskräften versorgt, sondern es muss den Menschen, die Elternpflichten übernehmen, ein hinreichender Entscheidungs- und Gestaltungsfreiraum geboten werden. Eine „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, die immer offensichtlicher auf die Vollzeit-Erwerbstätigkeit beider Elternteile bei gleichzeitiger Verdrängung der Familie in die Freizeitnischen hinausläuft, erfüllt diesen Anspruch nicht. Alleinerziehende, die auch den zweiten Elternteil ersetzen müssen, gegen ihre Überzeugung aus der verantwortungsbewussten Wahrnehmung ihrer Elternpflichten herauszudrängen, hat mit Menschenwürde nichts zu tun. Modelle für Teilzeitarbeit sind solange nicht familienfreundlich, als der Lohnausfall wie selbstverständlich von der Familie aufgefangen werden soll.

    Abschließend möchten wir die Frage nach dem Ehegattensplitting und der „beitragsfreien“ Mitversicherung in der Krankenversicherung wieder aufgreifen: Warum stellt sich der DF in der Sache gegen die wiederholte Rechtsprechung des BVerfG, wonach die Familie als Erwerbsgemeinschaft zu betrachten ist, in der – wie z. B. auch in einer GmbH – den Einzelmitgliedern das erzielte Einkommen zu gleichen Teilen zugeordnet und dementsprechend mit Abgaben belastet wird? Sollte es sich der DF nicht doch noch einmal überlegen, ob er nur dem Idol der emanzipatorischen Einzelkämpferin dienen möchte und das Wohl all der Frauen, die in der Familie kooperieren wollen, hintan stellt, ja sogar dagegen Stellung bezieht.?#

  2. Pingback: Thilo Sarrazin fordert Antischeidungsprämie | Kreidfeuer

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