Der biologistische Faschismus der Reproduktionsmedizin

Adorján F. Kovács: http://www.freiewelt.net/halbwesen-und-mischwesen-die-faschistoide-zukunft-der-reproduktionstechniken-10026634/   (8.3.):

Sibylle Lewitscharoff hat am 2. März im Dresdner Schauspielhaus eine (ziemlich verspätet vielbeachtete) Rede gehalten mit dem Titel: “Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod”. Verspätet will heißen, dass die Zuhörer sie wohl ohne Empörung geschluckt haben, und die mediale Aufregung, die folgte, scheint etwas gesucht, als hätte man nochmal genau nachschauen müssen, ob es da wirklich etwas zum Aufregen gibt. Man kann die Rede im Internet nachlesen [oder hören]. Sie äußert drastisch Unbehagen an der Reproduktionspraxis, wie sie sich (nicht nur) in Deutschland seit Jahrzehnten immer stärker durchsetzt.

Es folgte die öffentliche mediale Hinrichtung, u. a. in der “Süddeutschen” und der “FAZ”. Lewitscharoff hat sich erklärt; als das auch nicht genug war, hat sie sich für einige Formulierungen entschuldigt. Dabei muss man nüchtern sagen, dass sie sachlich natürlich recht hat. Sie ist zunächst von ihrer persönlichen Betroffenheit als Tochter eines Gynäkologen und aufgrund ihrer Erfahrung mit dem Feminismus seit den 70er Jahren ausgegangen. Sie hat recht, wenn sie sagt, dass schon der Slogan “Mein Bauch gehört mir” katastrophal war, weil im Bauch einer schwangeren Frau ein anderer Mensch mit eigener Würde und eigenem Recht heranwächst, über den die Frau eben deshalb nicht verfügen kann, wie sie will. Und sie hat recht, dass es nicht in Ordnung ist, wenn der Mann, der an der Zeugung des Kindes beteiligt war, überhaupt nicht gefragt wird. Für diese Problematik hat unsere Gesellschaft offensichtlich kein Gefühl mehr, wie nicht nur die Zahl der Abtreibungen zeigt. Man kann das die Macht des Faktischen nennen.

Sie fährt dann fort, sich über die diversen Arten moderner Reproduktion zu äußern wie künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, homosexuelle Vater- und Mutterschaft. Sie nennt das “medizinische Machinationen” und hat wieder recht. Nun ist jeder Eingriff von Ärzten in die sogenannte Naturgeschichte von Krankheiten und sonstigen körperlichen Abläufen eine “Machination”, und wir lehnen das trotzdem nicht ab. Warum empfinden wir die Heilung von einer Krankheit als einen positiven Eingriff in natürliche Abläufe und warum haben wir bei künstlicher Befruchtung möglicherweise das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt? Aber Lewitscharoff hat das nicht in Bezug auf ein Paar aus Mann und Frau gemeint; hier liegt ja mit der Unfruchtbarkeit eines Partners tatsächlich eine “Krankheit” vor, die mit künstlicher Befruchtung geheilt werden soll.

Sie dachte eher an die “Katalogverfahren”, mit denen man sich einen passenden Samenspender nach bestimmten Kriterien aussuchen kann. Das ist tatsächlich schon nahe an der Züchtung, wie ich meine. Sie dachte an die Leihmutterschaft, bei der für das Austragen eines Kindes bezahlt wird, das Kind vorgeburtliche Eindrücke empfängt, die mit den genetischen Eltern nichts zu tun haben und der genetischen Mutter die Erfahrung der Schwangerschaft fehlt. Ich sehe hier, dass es sich um eine Art Experiment am lebenden Objekt handelt. Sie dachte an homosexuelle Elternschaft, bei der Menschen, die das andere Geschlecht sexuell und eine tiefe innere Bindung betreffend ablehnen und darum keine Kinder bekommen können, für eine Schwangerschaft dann doch auf dieses andere ungeliebte Geschlecht zurückgreifen müssen. In der “Süddeutschen” hat die lesbische Schriftstellerin Judith Schalansky erklärt, wie das geht: Sie lebt mit einer Frau zusammen und hat sich von einem schwulen Mann schwängern lassen. Alle drei freuen sich jetzt liebend, wie sie sagt, auf das Kind, dem das einmal erklärt werden muss. Und warum auch nicht? Das Kind wird das verstehen (was soll es auch machen?), und es wird hoffentlich glücklich leben und alt sterben. Anything goes. Zwar hat auch das etwas von Zuchtwahl, aber Schalansky spricht rührend von der “Vielfalt der Schöpfung”. In Wahrheit handelt es sich um reine Selbstsucht, Verzicht leisten will heute niemand mehr. Auch in diesen Fällen hat unsere Gesellschaft zu großen Teilen das Problembewusstsein verloren, auch hier wird juristisch immer öfter vom Faktischen ausgegangen und in seinem Sinne entschieden werden.

Wohlgemerkt: Das geht alles und es wird noch mehr gehen. Denn der Mensch hat noch immer alles durchgeführt, was ihm technisch möglich war. Lewitscharoff hat den Fehler gemacht, davon zu reden, dass ihr Gefühl den Verstand beim Anblick von durch Reproduktionstechniken “entstandenen” Kindern derart überflügele, dass diese ihr als irgendwie nicht echt, als “Halbwesen” vorkommen würden. Das ist schlecht: Man sollte den Verstand nie opfern. (Das verräterische Wort “entstanden” verwenden in diesem Zusammenhang übrigens auch die Verteidiger der Reproduktionsmedizin, die Lewitscharoff jetzt angreifen.) Sie hat dann auch noch andere Begriffe verwendet, die diese Techniken in die Nähe nazistischer Eugenik und Rassenmenschenzüchtung rückt. Das ist es eigentlich, was die mediale Entrüstung hervorgerufen hat. Aber auch hier hat sie recht, und die Entrüstung ist verlogen. Am 10. Februar 2011 habe ich auf dieser Seite anlässlich eines Designerbabys geschrieben, dass die Zukunft “Menschenzüchtung” bringen wird und die “groben makroskopischen” und darum verbrecherischen Experimente der Nazis auf das “mikroskopische” zelluläre und molekulargenetische Niveau heruntergebrochen werden. Damit werden sie scheinbar human, weil kein als solcher erkennbarer Mensch betroffen ist.

Anstatt jetzt herumzureden, sollte diese Gesellschaft, die es so weit schon hat kommen lassen, wie Lewitscharoff zeigte, sich offensiv dazu bekennen, dass das Züchten von Menschen kommen und erlaubt sein wird. In genau dem Sinne, wie heute schon eine schiefe Nase zu einer medizinisch-psychologisch inakzeptablen und daher behandlungswürdigen “Krankheit” erklärt wird, wird die Optimierung von mangelnder Gesundheit und Intelligenz ohne Zweifel zu einer wünschenswerten Sache erklärt werden. Wenn das nazistisch ist, dann ist der Faschismus eben durch die Hintertür wieder da. Gerade die, die diese Reproduktionstechniken in all ihren Konsequenzen befürworten, sind “biologistisch” und “faschistoid” (Zitat Schalansky), nicht die, die noch ein Menschenbild haben, das diesen “in seiner ganzen Unbehülflichkeit [im Original: Unbehüflichkeit] annimmt”, wie Lewitscharoff in der “FAZ” sagte. Glauben diejenigen, die jetzt von einer vulgären Debatte reden, wie Jens Bisky in der “Süddeutschen”, wirklich, sie könnten die Geister bändigen, die da gerufen wurden? Ich gehe sogar davon aus, dass eine Gesellschaft, die Tiere zunehmend als ethische Subjekte behandelt, auch das Zusammenleben mit Tieren als eine mögliche Form von Ehe anerkennen wird. Die Reproduktionstechnik wird auch die Kreuzung von Mensch und Tier ermöglichen. Die Antike kannte solche Mischwesen schon, Chimären; sie werden Wirklichkeit werden. Auch ihnen wird, wie allen “menschlichen und nicht-menschlichen Tieren”, so der Jargon der Tierethiker, die volle Würde nicht abgesprochen werden können. Der Weg in eine fragwürdige Zukunft der menschlichen Reproduktion ist noch lang. Es handelt sich nicht um Schicksal, dieser Weg ist menschengemacht. Ob man dieses Menschenwerk für “abartig” und “widerwärtig” halten muss, sei dahingestellt. Das sind harte Worte, vor allem in Deutschland. Lewitscharoff wollte aufrütteln, indem sie auf den inhärenten Faschismus der Reproduktionsmedizin hinwies. Unsere Gesellschaft muss sich entscheiden, und sie hat sich wahrscheinlich schon entschieden. Dann sollte sie aber auch zu ihrer Entscheidung stehen.

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Eine Antwort zu Der biologistische Faschismus der Reproduktionsmedizin

  1. Dörflinger André schreibt:

    Natürlich ist das alles Neu-EU-genik, die auf uns zukommen w i r d ! Das westliche Europa ist doch feige geblieben, das war so bis 1938, als England mit Nazideutschland noch anfangs 1939 geschäftete und Frankreich mit Ducitalien, die opportunistisch neutral gebliebene USA gar bis 1940 und die Sowjetunion gegen D ausbluten liess, um kaum 3 Jahre nach Kriegsende das Entnazifizierungsprogramm unmerklich auslaufen zu lassen und die alte Nazi-Nomenklatura wieder in ihre alten Posten zurückkehren konnte, d.h. deren Denken ist nie recht ausgerottet worden, nein feiert bis heute und in aller Zukunft Urstände in den höchst potenten Forschungsanstalten in USA und GB > Also: WAS TECHNISCH MÖGLICH SEIN WIRD, WIRD AUCH SO PRAKTISCHE ANWENDUNG FINDEN, natürlich immer unter anderen, akademischen, selbstverständlich nur fremdsprachlichen Bezeichnungen, wofür absichtlich, als Vernebelungstaktik, keine deutsche Uebersetzung geschaffen werden wird, denn da eröffnen sich doch neue Geschäftsfelder, die man doch nicht andern, exotischen Kulturen (Chinesen, Japaner) überlassen will.
    Es entsteht also, kaum 100 Jahre nach der Nazi-ideologie von 1940/45 eine Neugeburt des „Neuen Menschen“. „Man kann eben den Fortschritt nicht aufhalten“.

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