Zum Tod von Jean Raspail

Karlheinz Weißmann: https://jungefreiheit.de/kultur/literatur/2020/242541/ Einer der letzten Repräsentanten einer Welt, die verschwindet (14.6.):

„In fünf Jahren werde ich tot sein. O doch! Ich hoffe.“ Jean Raspail hat das im April 2016 gesagt und recht behalten. Er starb am 13. Juni im Alter von 94 Jahren.

Wir wissen nicht, was der Schriftsteller in seinen letzten Tagen von der politischen Entwicklung wahrgenommen hat. Aber der Triumphzug des Antirassismus, die Selbstgleichschaltung (fast) aller Medien, die Art, in der die Europäer ihren Selbsthaß zelebrieren, dürfte ihn kaum überrascht haben. Raspail ahnte seit langem, zu welchen Konsequenzen die „altruistische Idiotie“ – diese Mischung aus falsch verstandenem Christentum und linken Ideen – führen werde. Daran änderte auch wenig, daß ihm während der sogenannten Flüchtlingskrise von 2015 der eine oder andere widerwillig bestätigte, daß er mit seiner Prognose recht behalten habe.

Diese Prognose ist enthalten in Raspails zuerst 1973 erschienenem Roman Das Heerlager der Heiligen. Der Titel spielt an auf eine Stelle im Kapitel 20 der Offenbarung des Johannes, wo es über das Ende der Welt heißt, daß die Völker Gog und Magog von den Enden der Erde herbeikommen, „deren Zahl ist wie der Sand am Meer. Und sie stiegen herauf auf die Ebenen der Erde und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt.“ …

Götz Kubitschek: https://sezession.de/63057/jean-raspail-ist-tot (14.6.):

Gestern ist der französische Schriftsteller, weltreisende Entdecker und Generalkonsul von Patagonien Jean Raspail im Alter von vierundneunzig Jahren verstorben.

Antaios pflegt sein Werk seit sieben Jahren, und bevor wir in den kommenden Tagen Würdigungen aus den Federn seiner Übersetzer veröffentlichen (die ihn besser kennen als ich), will ich als Verleger einige Stationen notieren:

Ich las Raspail, bevor ich ihn als den kennenlernte, der er für unsere Sache als Autor ist. Sie waren die Letzten lautet der Titel eines vergriffenen Buches, das Raspail über seine Fahrt zu den Alakalouf, den ebenso unansehnlichen wie unvorstellbar abgehärteten Feuerlandindianern, schrieb. …


Ergänzung 15.06.2020:

https://freilich-magazin.at/es-lebe-der-koenig-nachruf-auf-jean-raspail-1925-2020/ (14.6.):

Gestern, am 13. Juni 2020, ist der Schriftsteller Jean Raspail verstorben. „Selbst die Rechte hat ein Herz“, attestierte ihm die links-liberale Tageszeitung „Libération“. Sein Verleger und Übersetzer Konrad Weiß vom Karolinger Verlag hat ihn 2016 in Paris besucht. Er erinnert sich.

Jean Raspail durchlief eine Reihe katholischer Schulen, die ihm jedoch meist die Tür wiesen; das Abitur gelang erst im dritten Anlauf. Eine berufliche Orientierung scheiterte ebenso wie erste Schreibversuche, deren Mängel er aber intuitiv begriff. Das Nachkriegsfrankreich mit seinen schrumpfenden Horizonten eignete sich wenig zur Erweiterung des eigenen; es folgte „ein Abenteuer, das über meine Existenz entschieden hat“: Raspail durchmaß im Kanu über 4500 Kilometer die einstigen französischen Besitzungen in Nordamerika, von Québec bis La Nouvelle-Orléans.

Seine Leitsterne waren der Jesuitenmissionar Marquette und der Cavalier de La Salle, die Entdecker des Mississippis beziehungsweise seiner Mündung. Beide gingen nach ungeheuren Anstrengungen dabei zugrunde. Dann ging er nach Kanada und Louisiana, entlang der „Wasserwege des Königs“, allesamt 2005, 55 Jahre nach der Fahrt, im gleichnamigen Buch von Raspail in berückender Schönheit heraufbeschworen. Man findet darin schon den Kern von Raspails Faszinationen und Werk angedeutet – Königtum, Katholizismus, verlorene Sachen, ergänzt durch eine zärtliche Liebe zu untergehenden Kleinstvölkern, erworben auf einer weiteren Reise, diesmal vom Kap Hoorn nach Alaska und zu den Ureinwohnern Patagoniens, die in den Regenstürmen der Magellanstraße ein Dasein herzerweichender Kargheit fristeten. …


Joachim Volkmann: http://civitas-institut.online/?p=1058 Zum Tode Jean Raspails (15.6.):

Vor nun fast 20 Jahren wies mich ein Freund auf das Buch „Moi, Antoine de Tounens, Roi de Patagonie“ von Jean Raspail hin. Dieses Buch, das immer noch seiner Übersetzung harrt, habe ich verschlungen: Es eröffnete mir die Welt der Monarchie auf ganz und gar „raspaileske“ Weise, nämlich über genau das Scheitern einer monarchischen Idee, eines monarchischen Anspruchs. Der Bauernsohn Antoine, tatsächlich eine historische Figur, erstreitet in der Mitte des 19. Jahrhunderts gerichtlich einen Fürstentitel, rafft das Familienvermögen zusammen und bricht auf, im südlichsten Südamerika (eben in Patagonien) ein Königreich zu errichten. Natürlich scheitert er, obwohl er als König anerkannt war (ein örtlicher Indianerstamm hatte „Eviva el Rey“ gerufen, und er hatte mit diesem und weiteren Stämmen eine Schlacht gewonnen – also hatte er auch regiert). Als Verrückter wird er insgesamt vier Mal wieder nach Frankreich ausgeliefert und stirbt, völlig verarmt, mit 56 Jahren, nicht ohne sich vorher mit all seiner geringen Macht und Kraft für patagonische Ureinwohner, die in einem Pariser Zirkus als Menschenfresser vorgeführt werden, eingesetzt zu haben.

… Aus dem Grabe Antoine de Tounens in Südwestfrankreich heraus habe er, Jean Raspail, die Ernennung zum Generalkonsul von Patagonien erhalten. In der Folgezeit hat er Tausende durch Einbürgerung zu treuen Untertanen Antoines I. gemacht, zu stolzen Patagoniern. Typisch raspailesker Humor war es, die völlig bedeutungslose, winzige Inselgruppe der Minquiers im Ärmelkanal zu besetzen als Antwort auf den Falklandkrieg Margret Thatchers. Er landete dort mit Freunden in Booten, holte die britische Fahne ein, hißte die patagonische Trikolore (blau, weiß, grün). Die „Truppe“ verzehrte einiges an Gänseleber und Champagner, und wenige Tage darauf überreichte Raspail dem britischen Botschafter in Paris feierlich die zu einem Bündel zusammengerollte britische Fahne. Das ging damals durch die Weltpresse, auch die FAZ berichtete davon.

Das Königreich Patagonien ist ein Traum, dem man sich laut Jean Raspail nicht zu sehr annähern soll, weil er dann verfliegt. Im diplomatischen Jahrbuch des Königreichs (ja, das gibt es!) sind auch immer wieder diejenigen verzeichnet, die uns in das „au-delà des Patagons“, in jene andere Welt vorausgegangen sind. Unser Generalkonsul gehört nun dazu. …


Ergänzung 17.06.2020:

Martin Lichtmesz: https://sezession.de/63077/erinnerungen-an-jean-raspail-1925-2020 (17.6.):

Kubitschek hat in seinem Nachruf auf Jean Raspail erzählt, wie er eine seiner Töchter nach Paris entsandte, um ein seltenes Buch in Empfang zu nehmen: die französische Erstausgabe des Heerlagers der Heiligen mit handschriftlichen Anmerkungen des Autors, die diesem zu wertvoll erschien, um sie dem Risiko einer Postsendung auszusetzen. Schließlich gelangte sie in meine Hände, persönlich im Schloß Pikkendorff von Schnellroda abgeholt, um mir bei meiner Neuübersetzung seines berühmtesten Romans zu Diensten zu sein.

Ich plante, Raspail dieses Exemplar nach Abschluß der Arbeit persönlich zurückzubringen. Einen Termin im November 2015 sagte Raspail brieflich ab, da er sich nicht gut fühlte. Just an dem Wochenende, an dem ich ihn besuchen sollte, am Freitag, dem 13. November 2015, ermordeten Islamisten in Paris 130 Menschen und verletzten hundert weitere.

Raspail war sich im Ungewissen, wann er wieder Besucher empfangen könne, und vielleicht hat er bereits damals über seinen Tod nachgedacht, was angesichts seines hohen Alters nicht verwunderlich gewesen wäre. Er schrieb mir, ich solle das Buch behalten, er mache es mir zum Geschenk. So bin ich heute stolzer Erbe dieses einzigartigen Exemplars. …


Ergänzung 20.06.2020:

https://www.tagesstimme.com/2020/06/20/jean-raspail-hat-sich-niemals-mit-dem-zeitgeist-gemein-gemacht/:

… Die Tagesstimme sprach mit Konrad Markward Weiß, der Raspails Roman „Die Axt aus der Steppe” ins Deutsche übersetzt und im Wiener Karolinger Verlag veröffentlicht hat. Im Interview erzählt Weiß von seinem Treffen mit dem Schriftsteller und schildert das Besondere am Werk Raspails.

Tagesstimme: Vor einer Woche starb der Schriftsteller Jean Raspail im Alter von 94 Jahren. Sie haben ihn 2016 in Paris besucht. Wie war Ihr erster persönlicher Eindruck von ihm?

Weiß: Derselbe, wie bei allen weiteren Kontakten, sei es brieflich, telefonisch oder bei meinen alljährlichen Besuchen: Jean Raspail war der Kavalier der alten Schule par excellence: höflich, charmant, elegant, dabei herzlich und voller Interesse an seinem Gegenüber. Aber eben weit, weit entfernt von jeder distanzlosen Vertraulichkeit. Ein kleine Anekdote macht das deutlich: Selbstverständlich sprach ich Raspail immer mit Monsieur an, während er mich ebenfalls siezte, nach einiger Zeit aber in Verbindung mit meinem Vornamen. …


Ergänzung 22.06.2020:

Martin Lichtmesz: https://sezession.de/63096/jean-raspail-politisch-und-apolitisch (12.6.):

Das Heerlager der Heiligen ist paradoxerweise Jean Raspails bekanntestes und zugleich untypischstes Buch.

Konrad Weiß, der Die blaue Insel und Die Axt aus der Steppe übersetzt und über zwanzig der rund vierzig Bücher Raspails gelesen hat, teilte mir neulich mit, daß er das Heerlager, obgleich er es schätze, von allen Werken des Generalkonsuls von Patagonien am wenigsten mag.

In der aktuellen Jungen Freiheit schrieb er, es überfahre „ohne jede Romantik in seiner Drastik den Leser, statt ihn wie sonst zu erheben.“ Andererseits meinte selbiger auch einmal, Raspail sei in gewisser Weise ein „One-Trick-Pony“ gewesen, da seine Bücher allesamt Variationen ein- und derselben Themen seien (insbesondere des Haltens des verlorenen Postens). …


Ergänzung 25.06.2020:

Joachim Volkmann: http://civitas-institut.online/?p=1064 Der Bildersturm der Gegenwart ist nichts Neues: Die Revolution muß zwangsläufig die Vergangenheit schänden (25.6.):

Von den Werken Jean Raspails hat nicht nur das „Heerlager der Heiligen“ einen höchst aktuellen Bezug. Gleiches gilt für seinen Roman „Sire“, über den wir schon des öfteren gesprochen haben. Aktuell erleben wir – „erstaunlicherweise“ überall in den europäisch geprägten Teilen der Welt – einen barbarischen Umgang mit Zeugnissen der Vergangenheit. Die Zerstörung, von der nur Sozialisten meinen, sie lasse in der Folge etwas Neues entstehen, soll die Erinnerung an die großartigen Leistungen der europäischen, christlichen Vergangenheit auslöschen.

Es ist durchaus nicht unmöglich, daß nicht auch der katastrophale Brand der Kathedrale Notre-Dame im vergangenen Jahr in diese Reihe gehört. Dafür spricht, daß die wirkliche Brandursache bis auf den heutigen Tag nicht geklärt ist – und anscheinend auch nicht weiter untersucht wird.

Dieser Umgang mit der Vergangenheit ist in keiner Weise neu. Die Geschichte kennt viele solcher Versuche, angefangen von Ramses dem Großen über die verschiedenen damnationes memoriae der Römer. In der Neuzeit taten sich die französischen Revolutionäre des späten 18. Jahrhunderts besonders hervor, und genau das beschreibt Jean Raspail in einem Kapitel von „Sire“, das wir hier wiedergeben wollen. …


Ergänzung 28.06.2020:

https://freilich-magazin.at/jean-raspail-sieben-reiter-verliessen-die-stadt/ (19.6.):

Ein Staat zerfällt, die Bewohner marodieren, der Fürst sendet eine Gruppe Reiter unter der Führung des bewährten Obersten Graf Silvius von Pickendorff aus. …

https://www.youtube.com/watch?v=ReXfCYasfKA Jean Raspail, Sieben Reiter verließen die Stadt (2013  2min)


Ergänzung 04.07.2020:

Lesenswert!
Adorján F. Kovács: https://www.freiewelt.net/blog/auf-den-tod-des-franzoesischen-schriftstellers-jean-raspail-10081529/ (14.6.):

Die größte Ehre tut man einem großen Autor an, wenn man ihn liest. Darum folgt hier eine kleine Führung durch das ins Deutsche übersetzte Werk Raspails. …


Ergänzung 19.07.2020:

Aus „Sire“:
http://civitas-institut.online/?p=1102 Der Innenminister tritt zurück: über die Lächerlichkeit angemaßter Symbolik und Würde (19.7.)

Sieben Stunden später stieg der allmächtige Minister Pierre Roth mit ebenso undurchdringlicher Miene wie immer vor der Freitreppe des Elysée-Palastes aus dem Wagen. Der wöchentliche Ministerrat. Der Auftrieb der Exzellenzen. Die Diener und ihr großer blauer Regenschirm. Die republikanische Routine. …“ …

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