AK Kinderrechte: Fragen und Antworten zur Knabenbeschneidung

Ich stimme zwar mit den meisten Zielen der Giordano-Bruno-Stiftung nicht überein, begrüße aber deren Kinderschutz-Kampagne bzgl. Knabenbeschneidung und zitiere aus ihrer Faq-Liste (Faq — frequently asked questions — Häufig gestellte Fragen):

… Leider aber ist das Wissen über die tatsächlichen Folgen der Vorhautbeschneidung nur wenig verbreitet. Wüssten Eltern über diese Konsequenzen Bescheid, müsste man über ein Beschneidungsverbot wohl gar nicht mehr diskutieren, da die meisten Mütter und Väter von sich aus den Gedanken verwerfen würden, ihre Kinder beschneiden zu lassen. Mit anderen Worten: Das Hauptproblem der gegenwärtigen Debatte liegt in der fehlenden Aufklärung über das Thema bzw. in der gezielten Desinformation der Eltern. Dem möchten wir mit der folgenden Auflistung zentraler Fragen und Antworten entgegenwirken.

  • 1. Welche Gründe sprechen gegen die medizinisch nicht indizierte Knabenbeschneidung?
  • 2. Ist die Vorhautbeschneidung nicht bloß eine Bagatelle – vergleichbar mit dem Stechen von Ohrringen?
  • 3. Ist eine Beschneidung im Säuglingsalter weniger traumatisch als eine spätere Beschneidung?
  • 4. Ist die Vorhaut nicht ähnlich überflüssig wie die Mandeln oder der Blinddarm? Kann man nicht problemlos auf sie verzichten?
  • 5. Ist eine Vorhautbeschneidung aus hygienischer Sicht sinnvoll? Kann sie Krankheiten verhindern?
  • 6. Welche Komplikationen können bei der Vorhautbeschneidung auftreten?
  • 7. Kann die männliche Zwangsbeschneidung mit der weiblichen Genitalbeschneidung verglichen werden?
  • 8. Wenn die Beschneidung dem Kindeswohl eher schadet als nutzt, warum wird der Eingriff in den USA noch immer routinemäßig durchgeführt?
  • 9. Warum äußern sich so wenige beschnittene Männer über die negativen Folgen der Beschneidung und weshalb lassen sie es so häufig zu, dass ihre eigenen Söhne beschnitten werden?
  • 10. Würde ein Verbot der Knabenbeschneidung die Eltern nicht in unzulässiger Weise entmündigen?
  • 11. Wäre ein Beschneidungsverbot mit einem Eingriff in die Religionsfreiheit verbunden?
  • 12. Ist es nicht problematisch, dass die Beschneidungsdebatte ausgerechnet auf deutschem Boden geführt wird?
  • 13. Würde ein offizielles Verbot der rituellen Knabenbeschneidung nicht zwangsläufig zu einem Anstieg gefährlicher illegaler Beschneidungen führen?
  • 14. Ist die Debatte um die Beschneidung nicht Ausdruck eines „aggressiven Säkularismus“, der die Rechte religiöser Minderheiten missachtet? Beweist nicht gerade das Engagement der Giordano- Bruno-Stiftung, dass es hier gar nicht um Kinderrechte geht, sondern um einen fundamentalistischen Kampf gegen die Religion?

… 9. Warum äußern sich so wenige beschnittene Männer über die negativen Folgen der Beschneidung und weshalb lassen sie es so häufig zu, dass ihre eigenen Söhne beschnitten werden?

Hier sind verschiedene Gründe zu beachten: Zunächst einmal wissen Männer, die im Säuglingsalter beschnitten wurden, nicht, welcher körperlichen Funktionen sie mit der Entfernung der Vorhaut beraubt wurden. Zudem ist ihnen der Schmerz nicht bewusst, den sie als Säuglinge erlitten haben. Das erste Argument trifft auch auf Männer zu, die erst im Kindesalter beschnitten wurden. Auch sie wissen nicht, wie sich Sexualität mit intakter Vorhaut anfühlt. Immerhin aber erinnern sich viele von ihnen noch an die Schmerzen, die sie im Zuge der Beschneidung empfanden. Weshalb also wollen sie ihren Kindern das gleiche Schicksal zumuten?

In diesem Zusammenhang ist ein psychosozialer Mechanismus zu beachten, den die Psychologin und Kindheitsforscherin Alice Miller bereits in den 1970er Jahren mit bemerkenswerter Klarheit herausarbeitete: Kinder neigen nämlich dazu, objektiv schädigendes Verhalten ihrer Eltern zu rechtfertigen, um das überlebensnotwendige Idealbild ihrer Eltern aufrechterhalten zu können. Kommen sie später selbst in die Elternrolle, ist die Gefahr groß, dass sie das objektiv schädigende Verhalten in der Erziehung ihrer eigenen Kinder wiederholen, um so das Idealbild ihrer Eltern noch einmal bestätigen zu können. Außerdem haben neurowissenschaftliche Forschungen ergeben, dass traumatische Erfahrungen im Kindesalter im Gehirn Spuren hinterlassen, die u. a. die Fähigkeit zur Empathie dauerhaft beeinträchtigen können. Aus diesen Gründen werden traumatische Erfahrungen so häufig von Generation zu Generation weitergegeben.

Besonders schwierig ist es, ein solch objektiv schädigendes Verhalten zu erkennen, wenn es von einer religiösen Tradition eingefordert wird, die für das Individuum identitätsstiftend ist. Schließlich gehört es zu den Grundüberzeugungen jeder Religion, dass sich ihre Götter und Propheten – im Unterschied freilich zu den Göttern und Propheten anderer Religionen – niemals irren! Dies führt dazu, dass religiös motivierte Beschneidungsbefürworter besonders starke Abneigungen haben, sich mit den Erkenntnissen der empirischen Wissenschaften zu beschäftigen, sofern diese im Widerspruch zu den eigenen Glaubensüberzeugungen stehen.

Darüber hinaus sind unter beschnittenen Männern Rationalisierungsstrategien weitverbreitet. Das heißt: Um sich einen möglichen Nachteil durch die Beschneidung nicht eingestehen zu müssen, werden tatsächliche oder vermeintliche Vorteile der Zirkumzision betont, die damit verbundenen Nachteile aber verdrängt. So halten sich beschnittene Männer allgemein für „reiner“, wobei sie allerdings die biologischen Funktionen des vermeintlich „unreinen“ Smegmas ignorieren (siehe Frage 5). Auch sind sie stolz auf ihre größere sexuelle Durchhaltekraft, vergessen aber, dass sie nicht nur länger „können“, sondern eben auch länger „brauchen“, um zum Orgasmus zu kommen, was mit zunehmendem Alter zu echten Problemen führen kann (siehe Frage 4). Zudem behaupten sie, dass sie ihren Sexualpartnerinnen größere Lust spenden können, übersehen dabei aber, dass sie aufgrund des erlittenen Sensibilitätsverlusts im Durchschnitt (das muss keineswegs auf jedes Individuum zutreffen) härtere sexuelle Gangarten bevorzugen, was keineswegs bei allen Frauen auf Gegenliebe stößt.

In diesem Kontext darf eine weitere bedeutsame Rationalisierung nicht vergessen werden: Viele (Männer wie Frauen) glauben, dass man erst durch den bei der Beschneidung erlittenen Schmerz zu einem „richtigen Mann“ wird. („Indianer kennen keinen Schmerz!“). Dieser Männer-Mythos ist zweifellos eine der Ursachen dafür, warum genitalbeschnittene Mädchen gemeinhin als Opfer gesehen werden, Knaben mit gleichem Schicksal jedoch nicht. Sucht man nach den Gründen für die so unterschiedliche Bewertung von weiblicher und männlicher Genitalbeschneidung – hier wird man fündig.

13. Würde ein offizielles Verbot der rituellen Knabenbeschneidung nicht zwangsläufig zu einem Anstieg gefährlicher illegaler Beschneidungen führen?

Wäre dieses Argument stichhaltig, müsste es logischerweise auch für das allgemein akzeptierte Verbot der weiblichen Beschneidung gelten. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass staatliche Verbote eine wichtige Signalfunktion haben. In der Regel veranlassen sie Menschen dazu, ihr traditionelles Verhalten zu überdenken und an die neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Gerade auf dem Gebiet der Knabenbeschneidung gibt es hierfür ein gutes Beispiel: So führte die offizielle Ächtung der Vorhautbeschneidung in der Sowjetunion eben nicht zu einem Anstieg heimlicher Eingriffe, sondern zu einer nachhaltigen Veränderung des Verhaltens der russischen Juden. Wie nachhaltig diese Verhaltensänderung ist, belegt die Tatsache, dass sie auch zwei Jahrzehnte nach ihrer Emigration nach Deutschland mehrheitlich keine Beschneidungen mehr vornehmen (was nebenbei auch zeigt, dass die Behauptung, ohne Beschneidung sei jüdisches Leben in Deutschland nicht möglich, unsinnig ist!). …

14. Ist die Debatte um die Beschneidung nicht Ausdruck eines „aggressiven Säkularismus“, der die Rechte religiöser Minderheiten missachtet? Beweist nicht gerade das Engagement der Giordano-Bruno-Stiftung, dass es hier gar nicht um Kinderrechte geht, sondern um einen fundamentalistischen Kampf gegen die Religion?

Dieser Vorwurf wurde im Zuge der Beschneidungsdebatte erstaunlich oft in den deutschen Leitmedien erhoben. Es hieß, Atheisten würden immer aggressiver in die Gesellschaft hineinwirken, sich als Sachwalter der Menschenrechte aufspielen und das Thema „Kinderrechte“ dazu missbrauchen, um die Rechte religiöser Minderheiten zu beschneiden. Der Journalist Alexander Kissler stellte in der „Jüdischen Allgemeinen“ sogar die Hypothese auf, dass der Arzt, der den Fall des beschnittenen muslimischen Jungen der Polizei bekannt machte und damit das Kölner Beschneidungsurteil heraufbeschwor, aus der „neoatheistischen Szene“ stammt. Mehr noch: Aus der Zusammenarbeit der Giordano-Bruno-Stiftung, die Kissler „als Speerspitze des deutschen Neoatheismus“ bezeichnete, mit dem Strafrechtsprofessor Holm Putzke, der als erster deutscher Jurist einen Grundsatzartikel über die strafrechtliche Relevanz der Knabenbeschneidung verfasst hatte, leitete Kissler ab, dass es sich bei der Beschneidungsdebatte möglicherweise um ein gezieltes, antireligiöses Komplott gehandelt habe: „Die antireligiösen Kräfte schießen zusammen. Antisemitismus wird zum lässlichen Kollateralschaden, nicht intendiert, aber wohl geduldet.“

Was ist zu diesen Unterstellungen zu sagen? Zunächst einmal wissen wir nicht, wer die Polizei in dem fraglichen Fall informierte. Somit sind Spekulationen über die weltanschaulichen Präferenzen dieser Person unergiebig. Klar ist aber, dass sich die Giordano-Bruno-Stiftung keineswegs als „Speerspitze des deutschen Neoatheismus“ und auch nicht als „antireligiös“ versteht, sondern als „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“. Wir treten zwar entschieden für eine rationale Weltsicht sowie für eine Stärkung der Menschenrechte ein – dies muss allerdings nicht notwendigerweise mit religiösen Überzeugungen kollidieren. Ebenso klar ist, dass Holm Putzke längst schon Maßgebliches über die Frage der Knabenbeschneidung publiziert hatte, bevor er mit der Giordano-Bruno-Stiftung in Kontakt kam.

Von einem antireligiösen Komplott kann also gar nicht die Rede sein! In der Beschneidungsdebatte ging es auch niemals um eine Schwächung der Religionsfreiheit, sondern vielmehr um deren Stärkung im Rahmen der übrigen Verfassungswerte (siehe Frage 11). Vor allem aber ging und geht es um eine Stärkung der Kinderrechte, denen noch immer nicht die Bedeutung zugemessen wird, die ihnen zukommen müsste. …

Ergänzung:

Auf Seite 12 der Faq-Liste finden sich noch wissenswerte Informationen:

Verfasser: Dr. Michael Schmidt-Salomon, Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, in Zusammenarbeit mit dem „AK Kinderrechte“ (Mitglieder: Evelin Frerk, Anja Grosse, Mario Lichtenheldt, Dr. Fiona Lorenz, Katharina Micada, Philipp Möller, Dr. Sabine Müller, Frank Nicolai, RA Walter Otte, Prof. Dr. Holm Putzke, Dr. Michael Schmidt-Salomon, Nicolai Sprekels)

Anmerkungen: Der Verfasser dieses Textes wurde als 17-Jähriger auf eigenen Wunsch aufgrund medizinischer Indikation beschnitten. Er kennt daher die Probleme der Zirkumzision sowie die Rationalisierungsstrategien beschnittener Männer nicht nur aus der Literatur, sondern auch aus eigener Erfahrung.

Hinweise auf Studien und sonstige Texte, die für die Erstellung dieses FAQ-Dokuments herangezogen wurden, finden sich auf der Kampagnenwebsite www.pro-kinderrechte.de in den Rubriken „Materialien“, „Links“ und „Presse“.

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3 Antworten zu AK Kinderrechte: Fragen und Antworten zur Knabenbeschneidung

  1. Thomas G. schreibt:

    Ich für meinen Teil halte eben die körperliche Unversehrtheit für den von Gott geschaffenen Zustand und lehne genau deshalb diesen Eingriff strikt ab. Wohlgemerkt nicht aus atheistischer Gesinnung sondern um dem ethischen Grundgedanken gerecht zu werden. Wie ein Ethikrat das anders sehen kann bleibt allerdings deren Geheimnis.

    • Carolus schreibt:

      Wenn man wie ich davon ausgeht, dass sich die Beschneidung in der Steinzeit (Steinmesser!) aus der noch älteren Kindesopferung entwickelt hat, dann war die Beschneidung ohnehin schon ein riesiger Entwicklungsschritt.
      Vielleicht erfolgt nun, nach x-tausend Jahren, doch einmal der nächste. Er muss aber von den beschneidungssüchtigen Gruppen ausgehen, und das braucht wohl noch etwas Zeit.

  2. Panos schreibt:

    Vorhautbuch ohne Vorhaut

    Eine Kritik am Buch un-heil: Vorhaut, Phimose & Beschneidung. Zeitgemäße Antworten für Jungen, Eltern und Multiplikatoren (erschienen im März 2012) von Cees van der Duin (März 2014).

    http://eifelginster.wordpress.com/2014/03/02/374/

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