Humboldt und Bologna

Konrad Adam: https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2017/nicht-in-humboldts-namen/ (18.6.):

Wer wissen will, was es mit Humboldts Namen auf sich hat, sollte sich nicht in Deutschland umsehen, sondern im Ausland. In Amerika zum Beispiel, in Stanford, Yale oder Princeton, wo der preußische Universitätsreformer immer noch hohes Ansehen genießt. Hierzulande trägt seine wichtigste Hinterlassenschaft, die Berliner Universität, nur noch seinen Namen – und den zu Unrecht. Denn Humboldts Vermächtnis, die Freiheit von Forschung und Lehre, ist nirgendwo gründlicher mißachtet, verhöhnt und bekämpft worden als dort: erst von den nationalen, dann von den internationalen Sozialisten und jetzt von dem akademischen Lumpenproletariat, das von beiden gelernt hat.

Die Vorgesetzten machen mit. Daß ihr Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft unter der Devise „Bologna“ vorgetragen wird, paßt ganz gut. Denn auch dieser Name ist Anmaßung und Verrat zugleich. Bologna war ja Sitz der Hochschule, von der aus die römische Rechtswissenschaft ihren Siegeszug durch ganz Europa angetreten hatte. Mit Wissenschaft hat das, was heute unter diesem Etikett in Umlauf ist, aber nicht mehr viel zu tun. Ehrlicher wäre es gewesen, die Massenproduktion von Universitätsabschlüssen statt nach Bologna nach der Stadt Manchester zu benennen. Und die Berliner Anstalt nicht als Humboldt-Universität, sondern als Rüttgers-Hochschule zu bezeichnen.

… Der Begriff Bologna steht für den bisher ehrgeizigsten Versuch, die Wissenschaft der Wirtschaft dienstbar zu machen. …


 

Ergänzung 1.7.2017:

https://fassadenkratzer.wordpress.com/2017/06/16/allmaechtiger-staat-die-fesselung-des-bildungslebens/:

Menschen bilden bedeutet nicht, ein Gefäß zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen“, schrieb einst der griechische Dichter Aristophanes. Dieses Feuer fürchten die Herrschenden wie der Teufel das Weihwasser. Daher übernahmen sie das Bildungswesen im 18. Jahrhundert von den Kirchen in die Obhut des absolutistischen Staates, um die Gefäße der Jugend Jahr für Jahr mit dem zu füllen, was sie zu gefügigen steuerzahlenden Untertanen des Staates und fleißigen Arbeitssklaven der Wirtschaft formt. …


 

https://fassadenkratzer.wordpress.com/2017/06/26/die-grenzen-der-wirksamkeit-des-staates-zum-250-geburtstag-wilhelm-von-humboldts/:

Der am 22. Juni 1767 geborene Wilhelm von Humboldt wird allgemein als der große Reformator des preußischen Bildungswesens im Geiste des Neuhumanismus gewürdigt. Seine bedeutende Tätigkeit 1809 bis 1810 als „Geheimer Staatsrat und Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Inneren“, also gleichsam als Kultusminister, als der er den Grundsatz der allgemeinen Menschenbildung von der Elementarschule bis zur Universität verankerte, ist breit erforscht und beschrieben worden.

Doch wenig bekannt wurde bisher der Inhalt seiner genialen Jugendschrift von 1792,  die eine in ihrer Konsequenz revolutionäre Staatstheorie enthält: „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“. Es sind Ideen, tief in den humanistischen Gedanken des sich zur Freiheit entwickelnden Menschen gegründet, die dem heute noch selbstverständlichen oligarchischen Einheitsstaat als Instrument einer herrschenden Minderheit gefährlich werden würden. Vermutlich liegt darin auch der Grund, dass diese Schrift kaum konsequent zum Gegenstand der staatsabhängigen Wissenschaft gemacht worden ist. Sicher hat auch Humboldts Sprache, sein mitunter etwas umständlicher Stil ihre Verbreitung nicht gerade begünstigt. An die schwungvollen, künstlerisch geformten Satzgefüge seines Freundes Friedrich Schiller kam er bei weitem nicht heran.

Aber die in dieser Schrift verborgenen Keime zukünftiger Gesellschaftsgestaltung sind es wert, genauer nachdenkend betrachtet zu werden. …


 

Ergänzung 10.7.2017:

https://fassadenkratzer.wordpress.com/2017/07/07/das-staatliche-pruefungssystem-als-herrschaftsinstrument/:

Das staatliche Prüfungssystem ist so selbstverständlich etabliert, dass es bei aller Kritik im Einzelnen grundsätzlich kaum infrage gestellt wird. Dabei ist es neben den verbindlichen Lehrplänen das wirkmächtigste Instrument, mit dem die gerade den Staat Beherrschenden durchsetzen können, was in ihrem Interesse als Bildung Köpfe und Gesinnung der Jugend ausfüllen soll.

Die Prüfung besteht aus zwei Elementen: der pädagogisch-fachlichen Beurteilung und der Berechtigung, die mit der bestandenen Prüfung als Eingangsvoraussetzung für das Studium an einer Hochschule, für bestimmte Berufsausbildungen oder als Voraussetzung, einen bestimmten Beruf ausüben zu dürfen, verbunden ist. Wie alle Erfahrung zeigt, wird das Berechtigungselement für den Schüler im Laufe seiner Schulzeit immer wichtiger und drängt das pädagogische Beurteilungselement des Lehrers in den Hintergrund, ja es wirkt, wie wir sehen werden, deformierend auf den pädagogischen Prozess zurück. Der Schüler will schließlich nicht etwas wissen, um es zu wissen, sondern um ein Examen zu machen und die damit verbundene Berechtigung zu erwerben.

Indem die staatlichen Behörden den Kanon der in der Prüfung zu fordernden Kenntnisse und Leistungen vorschreiben, müssen die Schulen ihre Schüler auf die Bildungsvorstellungen des Staates ausrichten. Denn um im Leben weiterzukommen, gibt es in der Regel keinen anderen Weg als den Flaschenhals der staatlichen Berechtigung. Da man nur das als Bildung anerkennt, was sozusagen staatlich beglaubigt und Bildung genannt wird, ist folglich auch nur der begabt, der die staatlichen Anforderungen erfüllt. So können auch freie Schulen mit einem eigenen Lehrplan bis zu einem hohen Grade den staatlichen Anforderungen unterworfen werden. …

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